4 Extremsport

Das Südtirol Ultra Skyrace wurde am Wochenende zum 7. und womöglich letzten Mal ausgetragen. © Archiv / Wisthaler

Dem Skyrace droht das Aus: „Fakten müssen auf den Tisch“

Die Trauer und Fassungslosigkeit ist auch zwei Tage nach dem Todesfall beim Südtirol Ultra Skyrace noch allgegenwärtig. Speziell bei OK-Chef Josef Günther Mair hat der tragische Vorfall Spuren hinterlassen. Er und sein Team überlegen nun, den extremsten Berglauf des Landes einzustellen.

Es war Samstagabend gegen 19 Uhr, als sich in der Nähe des Kratzberger Sees das schreckliche Unglück ereignete: Vor den Augen anderer Skyrace-Teilnehmern wurde die 44-jährige Silje Fismen aus dem norwegischen Tromsø von einem Blitz getroffen. Kurze Zeit später erlag sie ihren Verletzungen (siehe eigene Meldung). Das Sportliche rückte nach Bekanntwerden des Vorfalls an diesem Wochenende völlig in den Hintergrund.

Die verunglückte Silje Fismen vor ihrem Start in Bozen.


In der Nachbetrachtung der Ereignisse treten mehrere pikante Fragen, zu denen OK-Chef Josef Günther Mair auf SportNews -Nachfrage wie folgt Stellung bezieht.


Können Sie guten Gewissens sagen, dass am Renntag alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden?

Josef Günter Mair: „Ja, absolut. Wir haben aus den vergangenen Jahren gelernt, Ratschläge von Experten und Teilnehmern eingeholt und uns stetig verbessert. Wir haben mehrere Unterschlupfmöglichkeiten, alle 10 Kilometer eine Versorgungsstation und unzählige Streckenposten. Dazu sind alle Athleten mit einem Frühwarnsystem ausgestattet.“


Wurde auch die verunglückte Teilnehmerin vorzeitig gewarnt?

„Wir haben alle Athleten vor dem Start über die heiklen Wetterverhältnisse informiert, ihnen die Gewitterprognose aufgezeigt und genau erklärt, wo sie Schutz finden können. Um auf Nummer sicher zu gehen, haben wir alle Sportler mit einem GPS-Gerät ausgestattet und ihre Telefonnummern eingefordert, um sie unterwegs orten und notfalls erreichen zu können. Als wir das Rennen unterbrochen haben, wurde auch die norwegische Teilnehmerin per Kurznachricht informiert. Auf unserem Überwachungsmonitor haben wir bemerkt, dass einige, wenige Läufer trotzdem noch in Bewegung waren und haben begonnen, diese per Telefon zu kontaktieren. Leider zog das Unwetter so rasch auf, dass wir in der kurzen Zeitspanne nicht mit allen sprechen konnten, darunter auch das spätere Opfer.“


Gab es mehrere derartige Streckenabschnitte mit relativ weiter Entfernung zur nächsten Schutzhütte?

„Es gibt mehrere kritische Passagen, weil es auf einer Gesamtlänge von 121 Kilometern einfach nicht möglich ist, alle paar Kilometer eine Almhütte, ein Schützhaus oder einen anderen Unterschlupf einzubinden. Dann dürfen wir keine Läufe mehr in den Bergen veranstalten, sondern einzig allein in besiedeltem Gebiet. Aber nochmal: Es gab vorab Informationen für die Teilnehmer, regelmäßige Kontrollstationen, Streckenposten und ein ausgefeiltes Warnsystem. Am Ende können wir niemanden zum Einkehren oder Umdrehen zwingen, da trägt jeder Läufer ein Stück weit Verantwortung mit sich.“

„Nachdem man mir die ersten Erkenntnisse mitgeteilt hatte, war ich knapp eine Stunde lang alleine. Das war eine furchtbare Zeit.“

Wie sehr nagt das Unglück an Ihnen selbst?

„Es ist doch klar, dass es mir nicht gut geht. Zunächst einmal denke ich an die Angehörigen des Todesopfers, denen ich mein aufrichtiges Beileid ausspreche. Als ich am Samstagabend über den Zwischenfall auf der Strecke informiert worden bin, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Als OK-Chef trage ich große Verantwortung. Ich habe von Freitag bis Sonntag zwei Nächte kein Auge zugemacht. Am ersten Abend galt es aufgrund der unsicheren Wetterlage wachsam zu sein und alle möglichen Vorkehrungen zu treffen, nach dem Unglück musste schließlich diese schwierige Situation bewerkstelligt werden.“


Was ging Ihnen durch den Kopf, als sie über den Zwischenfall informiert worden sind?

„Nachdem man mir die ersten Erkenntnisse mitgeteilt hatte, war ich knapp eine Stunde lang alleine. Das war eine furchtbare Zeit. Als der Todesfall schließlich feststand, habe ich eine Krisensitzung einberufen und mit dem Organisationsteam besprochen, wie wir mit dieser Situation umgehen. Wir haben die Öffentlichkeit in Kenntnis gesetzt und zunächst einmal alle Siegerehrungen abgesagt. “

„Für kommende Woche ist eine Krisensitzung angesetzt“

Welche Konsequenzen zieht dieses Unglück für die Veranstalter mit sich?

„So lange die Ermittlungen laufen, ist das schwierig abzuschätzen. Wir müssen jedenfalls alle Fakten auf den Tisch bringen, die Geschehnisse aufarbeiten. Wir treffen uns jedes Jahr nach dem Rennen zur Aufarbeitung, doch dieses Mal wird es aufgrund des tragischen Vorfalls nicht wie gewohnt ablaufen. Für kommende Woche ist eine interne Krisensitzung angesetzt, daraufhin folgt eine weitere mit der Bergrettung und den Einsatzkräften. Ich rechne damit, dass die Analyse der Ereignisse Mitte August abgeschlossen sein wird.“


Wird es eine 8. Auflage des Südtirol Ultra Skyrace geben?

„Das weiß ich nicht. Wir haben in diesen schwierigen Stunden viel Zuspruch erhalten, besonders von Seite der Athleten. Das gibt natürlich Kraft. Wir haben in den 7 Jahren einen großen Aufwand betrieben, um höchste Sicherheitsstandards zu erreichen. Und doch kommen wir zur Erkenntnis, dass ein Restrisiko stets bestehen bleibt. Deshalb werden wir uns nach diesem traurigen Unglück auch die Frage stellen: Wollen wir das noch eingehen?“



Fragen: Alexander Foppa


Autor: fop

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