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Tamara Lunger ist Südtirols einzige Extrembergsteigerin. © Tamara Lunger Instagram / Matteo Zanga

Tamara Lunger: „Man weiß ja nie, ob es das letzte Mal ist“

Tamara Lunger ist Südtirols einzige Extrembergsteigerin – und deshalb oft auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod unterwegs. So wie im Jänner dieses Jahres, als sie bei einer Expedition beinahe umgekommen wäre. Ein Ereignis, das sie sehr geprägt hat, wie sie im SportNews-Interview erklärt.

Ende Dezember 2019 war Tamara Lunger mit dem Wahlbozner Simone Moro nach Pakistan geflogen, wo die beiden Alpinisten ein großes Ziel verfolgten: Die Doppel-Überschreitung der beiden Achttausender Gasherbrum I (8080 m) und Gasherbrum II (8034 m). Allerdings kam es schon bald zum Drama.

Auf dem Weg zu Camp 1 fiel Simone Moro plötzlich in eine Gletscherspalte. Weil die beiden gegenseitig gesichert waren, wurde auch Lunger in Richtung Spalte gezogen. „Ich hatte die 90 Kilogramm von Simone 2 Minuten lang auf meinem Daumen“, erinnert sich die Extrembergsteigerin, die in jenen Augenblicken um das Leben ihres Kollegen, aber auch um ihr eigenes kämpfte. „Ich wusste, dass wenn ich locker lasse, würde ich auch reinfallen. Ich habe geschrien, als würde mich jemand abmurksen“, erzählte Lunger, die es schließlich schaffte, sich und ihren Kollegen zu retten.


Tamara Lunger, seit dem Unfall am Gasherbrum sind nun 4 Monate vergangen. Werden Sie auch heute noch von den Ereignissen verfolgt?

Tamara Lunger: „Eigentlich nicht, ich habe mir aber viele Fragen gestellt. Ist das meine Zukunft? Ist das wirklich mein Weg? 3 Mal habe ich jetzt eine Winterexpedition unternommen, 2 Mal bin ich fast draufgegangen. Was heißt das? Was will mir das sagen? Als ich mich anfangs mit dem Ereignis am Gasherbrum beschäftigt habe, hat es mir die Tränen rausgedrückt. Mit der Zeit habe ich aber auch die schönen Seiten erkannt.“


Schöne Seiten, wenn man auf der Schippe des Todes steht?

„Ja, ich habe nämlich gemerkt, dass ich alles für einen Menschen geben würde. Du spielst so gut zusammen, dass alles ein gutes Ende genommen hat. Außerdem habe ich bisher bei jeder Erfahrung, bei der ich dem Ende nahe war, danach alles noch mehr zu schätzen gewusst und mich viel lebendiger gefühlt.“


Der Tod schwebt als Extrembergsteigerin also immer mit. Haben Sie keine Angst davor?

„Ich glaube, ich habe ein etwas anderes Angstempfinden. Wenn ich auf einer Expedition bin, komme ich mir so unbeschwert vor, mit so viel Leichtigkeit. Jeder Schritt ist wie ein Abenteuer. Mir kommt es vor, als wäre ich wie ein Kind, das sich auf seine Instinkte verlässt und keine Angst hat.“

Tamara Lunger und Simone Moro. © Tamara Lunger / Instagram



Sie sind also eine furchtlose Person…

„Nein. Was mir mehr Angst macht, sind Dinge des normalen Lebens. Wenn mir jemand sagt, ich soll im Winter den K2 besteigen, sage ich okay passt. Wenn ich aber Mutter werden würde, da würde ich mir in die Hose machen. Da kann man so viel falsch machen, zudem weiß man nicht, wie sich das eigene Leben verändert. Für viele ist die Entscheidung, Eltern zu werden, das Normalste auf der Welt. Ich weiß nicht, warum das bei mir nicht so ist. Vielleicht, weil ich auch so intensiv drin bin in meinem Leben.“


Woher rührt diese große Begeisterung für das Extrembergsteigen?

„Ich habe als junges Mädchen viel Sport betrieben, unter anderem auch Skitouren-Gehen. In dieser Sportart habe ich sogar an Meisterschaften teilgenommen und war immer gut. Irgendwann habe ich aber bemerkt: Ich will die Berge erleben und nicht nur nach dem Startschuss so schnell wie möglich hinaufstürmen. Nach meiner ersten Expedition mit Simone Moro habe ich schließlich gemerkt: Das ist es, was ich für mein Leben will.“


Trotzdem ist Ihr Sport ein gefährlicher. Jede Expedition kann sozusagen die letzte sein. Wie läuft das bei Ihnen zu Hause ab, bevor Sie starten?

„Am Abend davor lasse ich immer eine Messe lesen, einmal hat diese auf einem Kreuz stattgefunden, einmal sogar bei mir zu Hause. Mit meinen Schwestern und Cousinen begleite ich die Messe gesanglich. Freunde und Familie sind also immer zusammen – man weiß ja nie, ob es das letzte Mal ist. Ob oft Tränen fließen? Bei den anderen schon manchmal, bei mir aber nicht. Ich gehe ja dorthin, wo ich mich zu Hause fühle.“

Tamara Lunger bei der Expedition am Gasherbrum. © Tamara Lunger / Instagram


Haben Sie bei einer Expedition immer etwas Spezielles mit, das Sie an Ihre Heimat zurückerinnert?

„Ja, einen Glücksbringer. Bei meiner allerersten Expedition hat mir meine Mama eine einfache, braune Schuhlitze mit 5 Knöpfen mitgegeben. 'Jeder Knopf ist ein Familienmitglied, uns wird nichts auseinanderbringen', sagte sie damals. Das habe ich als Armband bei jeder Expedition dabei. Einmal habe ich es im Basislager des Everest verloren, aber jemand hat es mir zurückgebracht. Und das, obwohl in jenem Lager über 1000 Personen waren. Das war für mich ein Zeichen.“


Werden Sie nach den Ereignissen vom Jänner auch in Zukunft wieder Expeditionen unternehmen?

„Ich habe einige neue Projekte im Kopf. Im Juli wäre ich in die Mongolei gestartet, ich weiß aber nicht, ob das geht.“


Und eine neues 8000er-Abenteuer?

„Sag niemals nie. Mich zieht es immer wieder dorthin zurück. Das wird schon einen Grund haben.“


Fragen: Thomas Debelyak

Autor: det

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