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Bei der EM, die in 12 Städten ausgetragen wird, könnten wieder Fans in die Stadien dürfen. © APA/afp / PHILIPPE HUGUEN

Sigi`s Spitzen: Der Fußball erhebt sich über das Virus

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um die anstehende Fußball-Europameisterschaft, bei der wohl wieder Zuschauer in die Stadien pilgern werden.

Sigi Heinrich


Sieht man durch den Sportkalender, drängt sich der Eindruck auf, dass ja alles normal sei momentan. Die Diskussion um Inzidenzwerte und Fallzahlen oder gar die drohende Überbelegung der Intensivbetten wegen Corona: All das scheint ganz weit weg zu sein. Sport verdrängt nicht alles, aber erlaubt vieles. Ich bin derzeit mit der Curling-Weltmeisterschaft in Calgary beschäftigt. Gut, ich weiß, das generiert jetzt nicht unbedingt die große Aufmerksamkeit, weil dieser Sport eben nur in einigen Ländern eine große Tradition hat. Zudem finden es nach wie vor viele befremdlich, dass zwei Männer mit Besen auf Teufel komm raus vor dem Granitstein wischen, als wäre das Eis nicht schon blank genug. Das resultiert aus der Unkenntnis über das Ergebnis dieser Aktion heraus, denn im Grunde ist es genial, wie man die Kurve des Steins und seine Geschwindigkeit damit beeinflussen kann. Aber darum geht es mir im Grunde nicht.

Die Curler müssen bei der WM mit Maske spielen
Mit Nachdruck will ich darauf hinweisen, dass die Curler seit ihren Halbfinals um ihren WM-Titel mit Maske spielen müssen. Es hat ein paar Corona-Fälle gegeben, wonach das Gesundheitsamt in Calgary die Veranstaltung sofort gestoppt hat. Das hat die Übertragungspläne im TV völlig durcheinander gewirbelt und den Teams Schwerstarbeit auferlegt. Die Schweizer mussten gar drei Spiele an einem Tag absolvieren. Dreimal drei Stunden höchste Konzentration. Eigentlich unmöglich, aber alle waren froh, dass wenigstens gespielt werden konnte. Die Schweizer belohnten sich immerhin mit dem Gewinn der Bronzemedaille. Schweden wurde Weltmeister. Deutschland und Italien kamen nicht über die Vorrunde hinaus, in der 13 Spiele in einer Woche absolviert werden mussten, und belegten die Plätze zehn respektive sieben. Die Olympiatickets gab es nur für die ersten sechs Teams, aber es gibt in einem weiteren Qualifikationsturnier noch die Chance, einen der übrigen drei Plätze von zehn (China ist automatisch qualifiziert) zu schaffen. Nur so nebenbei.
Die UEFA will unbedingt Zuschauer bei der EM
Während man in Calgary förmlich um die Blase kämpfte und alle Spieler in den Halbfinals kurz vor den Spielen noch einmal einen Schnelltest absolvieren mussten, was absolut vorbildlich ist, scheren sich andere einen Teufel um dieses Virus und seine mittlerweile zahlreichen Mutationen. Ja es ist fast schon ein Affront gegen die Bemühungen aller Länder, ungeachtet der Tatsache, wie erfolgreich derzeit der Kampf gegen die Pandemie geführt wird, dass die auf dem höchsten Ross sitzenden Fußballfunktionäre sich wirklich so gebärden, als sei alles schon vorüber. Aleksander Ceferin, der Präsident des Europäischen Fußball-Verbandes (UEFA), fordert in diesen Tagen, in denen Kitas wieder schließen, Schulen den Präsenzunterricht einstellen und Ausgangssperren zur Normalität werden, dass die zwölf Städte, in denen die Europameisterschaft ausgetragen werden soll, gefälligst Zuschauer in die Stadien lassen müssen. Ansonsten, wenn das nicht möglich sei, wie das etwa Dublin und Bilbao schon signalisiert haben, gibt es dort keine Spiele. Die UEFA übt Druck aus auf die Verbände und mehr noch auf die Politik. Und was passiert: Es scheint, als würden alle einknicken.

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin will die EM vor Zuschauern austragen lassen. © AFP / FABRICE COFFRINI


In München mischt Phillip Lahm im Organisationsteam mit und verkündet schon lauthals, dass Zuschauer in der Allianz-Arena sein werden. Der hat Mut, der Lahm. Auch Markus Söder, der Kanzler in Deutschland werden möchte, hatte schon Kontakt mit Ceferin. Höchste Priorität vermutlich. Italiens Fußballpräsident Gabriele Gravina war gar einer der ersten, der dem Slowenen willfährig folgte. Er hat gleich mal sein Netzwerk bemüht, den Gesundheitsminister Roberto Speranza kontaktiert und stolz verkündet: „Ich bin sicher, dass wir viele EM-Zuschauer haben werden. Es wird auf jeden Fall eine Menge sein.“ Italien soll in Rom am 11. Juni das Eröffnungsspiel gegen die Türkei bestreiten. Budapest garantiert gar ein volles Stadion und gestattet auch ausländischen Zuschauern einen Ticketkauf. Immerhin ist dafür ein negativer Coronatest vorgesehen. Der Fußball schert sich einen Teufel um die öffentliche Wahrnehmung und weil Fußballfans auch eine große Wählerschicht ausmachen, spielt die Politik willfährig mit.

Kinder und Jugendliche dürfen ja nicht wählen, sie können weiter der Spielball unausgegorener Pandemiemaßnahmen bleiben. Immerhin ist in diesen Tagen zu vernehmen, dass die Ansteckungsgefahr im Freien beherrschbar zu sein scheint (was immer das bedeuten mag) und die große Gefahr in der Anreise besteht und in Gruppenbildungen in Innenräumen. Ich denke da an Zugabteile mit acht Menschen auf allerengstem Raum. Da feiert das Virus mit Sicherheit ein Volksfest. Derweil bereitet man sich in Calgary auf die nächste Curling-Weltmeisterschaft vor. Anfang Mai sind die Frauen auf dem Eis. Vermutlich alle schon in der Vorrunde mit Maske. Die Curler nämlich nehmen das Virus noch ernst.

Schlagwörter: Fussball

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