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Marco Rose nach dem 0:6 gegen die Bayern: Ab der kommenden Saison trainiert er nicht mehr Borussia Mönchengladbach. © APA/afp / CHRISTOF STACHE

Sigi`s Spitzen: Der Jakobsweg für den Fußball

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um den Trainerwechsel von Marco Rose zu Borussia Dortmund.

„Ich bin dann mal weg.“ Die Schuhe sind eingelaufen, Blasenpflaster ist im Rucksack. Die Übernachtungen sind gebucht. Es geht, im wahrsten Sinne des Wortes, nach Santiago de Compostela, einem der berühmtesten Wallfahrtsorte der Welt. Angeblich sollen die Gebeine des Apostels Jakobus dort in der Kathedrale liegen, weshalb die Tour der Leiden auch „Jakobsweg“ heißt. Zuhause hört mir jetzt übrigens niemand mehr zu, wenn ich über meine Ziele und meine Beweggründe rede. „Dein Bier, mach was du willst“. So klingen mitunter die Kommentare. Und warum sollen sie meinen Worten auch weiterhin mit der gewohnten Intensität lauschen, wenn ich augenscheinlich für sie nicht mehr interessant bin. Ich habe andere, weiterführende Interessen. Ich habe mich von ihnen abgewandt. Viele Fußballspieler scheinen auch gerade so zu denken über ihre Trainer, die körperlich noch anwesend sind, mit ihren Gedanken aber augenscheinlich schon bei ihrer nächsten Station. Seit Marco Rose bekannt gegeben hat, dass er von Borussia Mönchengladbach zu Borussia Dortmund wechselt, ging es im Tabellenbild bergab mit den „Fohlen“, die nur noch ein müdes Wiehern zustande bringen. Höhepunkt der Talfahrt war die Klatsche gegen die freilich aufgedrehten Bayern aus München. Null zu sechs. Mönchengladbach stand Spalier, um den Gästen zu einer rauschenden Meisterfeier auf dem Platz zu verhelfen. Eigentlich eine Schande und ein Dolchstoß ins Herz der Borussen-Fans.

Nur noch Rufer in der Wüste
Aber Rose ist seit seinem bekanntgewordenen Wechsel nur noch ein müder Rufer in der Wüste. Seinen Kollegen scheint es ähnlich zu gehen. Ausgerechnet der Nachfolger von Rose, nämlich Adi Hütter von Eintracht Frankfurt, hat Mühe, sein Team nach seinem Rückzug Ende der Saison noch motivieren zu können. Klar, es gibt die berühmten Durchhalteparolen, die bekannten Allgemeinplätze. Einer davon lautet zum Beispiel: „Ich bin mit dem Herzen bis zur letzten Saison bei meinem Verein.“ In ein Herz kann man nicht hineinschauen, genauso wenig wie in die Köpfe der abtrünnigen Trainer, die, davon ist auszugehen, dennoch schon hin und wieder an die Zukunft denken. Ihre neue Zukunft mit neuen Herausforderungen und mit Sicherheit mehr Gehalt als in der Vergangenheit. Denn im Grunde bestand weder für Rose noch für Hütter die Notwendigkeit, den Verein zu wechseln. Sie hatten bis zu ihren frühen Wechselgefühlen glänzende Arbeit an ihrer bisherigen Wirkungsstätte geleistet. Und jetzt droht Frankfurt die Qualifikation für die Champions-League zu verlieren. Und der prominenteste Wechsel nicht nur der Bundesliga? Jener von Julian Nagelsmann von RB Leipzig zum FC Bayern München. Plötzlich verlieren die Sachsen mehr Spiele als gewohnt wie auch das Punktspiel gegen Borussia Dortmund. Nagelsmann wird im Moment nur noch mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht. Leipzig scheint Nebensache geworden zu sein.
Ein flottes Trainerkarussell
Das Trainerkarussell hat sich in dieser Saison ungewöhnlich heftig gedreht, weil selten so viele Übungsleiter so früh in der Saison ihre Abwanderungsgedanken in feste Formen gegossen haben. Die wegen Erfolgslosigkeit entlassenen Trainer in Köln, Bielefeld, Leverkusen oder Augsburg gehören zum üblichen Prozedere in diesem Geschäft. Ist kein großes Thema. „Ich bin dann mal weg.“ Das ist ein Satz, der meinem Lieblingstrainer nie über die Lippen käme. Der würde eher lauten: „Macht euch keine Sorgen, ich bleibe immer da.“ Christian Streich und der FC Freiburg sind wirklich durch dick und dünn miteinander gegangen. Sie sind wie ein Fels in der Brandung in diesem hektischen Fußball-Getriebe. Vielleicht wird man Streich ja mal ein Denkmal setzen im Breisgau für Beständigkeit, Heimattreue und Authentizität. Werte, die nicht nur in der Bundesliga längst die Ausnahme sind. Und der Jakobsweg kreuzt auch Freiburg. Wäre eine Alternative für eine Wallfahrt. Man muss ja nicht unbedingt nach Galizien reisen.

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