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Lars Windhorst pumpte 300 Millionen Euro in das Projekt Hertha BSC. © PIXATHLON/SID

Sigi`s Spitzen | Hertha BSC und der Abschied vom Größenwahn

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um den deutschen Bundesliga-Klub Hertha BSC und dessen Investor Lars Windhorst.

Es muss natürlich immer noch ein Stückchen größer sein. Und bedeutender und unverwechselbar und außerdem muss es auch noch Spaß machen. In Berlin, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, hat man noch nie gekleckert, sondern immer gleich geklotzt und dabei fröhlich Partys gefeiert. Es durfte, um alle Wünsche zu erfüllen, auch mal etwas länger dauern als geplant. Für einen einfachen Flughafen zum Beispiel benötigte man 14 Jahre und nahm lässig, wie es Berliner Art ist, die Kostensteigerung von 1,9 Milliarden Euro auf sechs Milliarden Euro in Kauf. Wie gesagt: Kleinigkeiten sind das über die sich so richtig auch niemand aufregt oder gar die Verantwortung übernimmt. Ist halt so. Eine derart lässige Einstellung muss man sich natürlich leisten können. Auch der Sport ist nicht gefeit vom Größenwahn, den die Berliner als normalen Gemütszustand wähnen. Lars Windhorst, einst ein unternehmerisches Wunderkind und mittlerweile erfolgreicher Investor, hat sich auch anstecken lassen von der speziellen Berliner Luft. Er hat in den Fußballverein Hertha BSC 300 Millionen Euro gepumpt. Dreihundert Millionen. Er dachte vermutlich, dass er oben nur Geld in den Schlitz des Automaten werfen muss und unten fällt dann ein großer Fußballclub heraus, der seinesgleichen sucht. Das Motto passt zum Hauptstadtgefühl: Es soll ein „Big City Club“ entstehen, respektive längst entstanden sein. Champions-League-Sieger. Mindestens. Deutscher Meister sowieso.


Doch davon ist man so weit entfernt wie noch nie. Im Gegenteil. Das Abstiegsgespenst umgarnt Hertha BSC. Aus 18 Spielen resultierten gerade mal 17 Punkte. Man ist zwei Punkte von einem Relegationsplatz entfernt und hat gerade eben gegen Werder Bremen zuhause mit 1:4 verloren. Und Bremen ist jetzt auch nicht gerade eine Wundertruppe. Das hatte Konsequenzen. Nein, der Name wurde noch nicht geändert. Es soll immer noch der ganz große Wurf werden mit freilich verändertem Personal. Der bisherige und langjährige Manager Michael Preetz wurde aus seinem Schlaf geklingelt, um ihm mitzuteilen, dass er entlassen ist und der stets so wunderbar modisch gekleidete Trainer Bruno Labbadia erfuhr von seiner Kündigung im Fernsehen. Schon das zeigt, dass diesem Verein mehr fehlt als nur Punkte. Jeder Dorfclub handhabt sensible Personalien besser.

Natürlich wurde die Freistellung der beiden leitenden Angestellten mit Investor Windhorst abgesprochen, denn laufende Verträge müssen weiter bedient werden. Das ist gerade im Fußball mitunter ein erheblicher Kostenfaktor. Der nächste Trainer, der jetzt kommt, ist bei der Hertha bereits der fünfte Übungsleiter in der laufenden Saison. Michael Preetz muss sich also nicht wundern, dass ausnahmsweise auch mal ein Manager, dem nicht viel gelang in den vergangenen elf Jahren, in denen er verantwortlich war, seinen Hut nehmen musste. Das Projekt „Big City Club“ sollte fürs Erste auf Eis gelegt werden. Es ist schlicht nur lächerlich. Die Berliner Hertha kämpft ums Überleben und der Investor hat vermutlich viel dazu gelernt in den letzten Monaten. Nicht immer schießt Geld automatisch auch Tore, wie er wohl ziemlich naiv gedacht haben mag. Jetzt muss er um seine Investition fürchten, denn die ersten 300 Millionen sind irgendwo gelandet, nur nicht im derzeitigen Kader. Vermutlich werden jetzt erst einmal interne, also preiswerte Lösungen, gesucht. Pal Dardai, mit dessen Ablösung das Schlamassel seinen Lauf nahm, ist derzeit Jugendtrainer bei der Hertha. Jetzt könnte er den Chefsessel wieder übernehmen.

Andererseits ist das alles nicht so dramatisch. Der Berliner an sich betrachtet Probleme gerne mit einer gewissen Leichtigkeit. Das ist das Erbe des ehemaligen Bürgermeisters Klaus Wowereit. Und außerdem gibt es Berlin ja noch Union, einen zweiten Hauptstadt-Club. Der hat übrigens 28 Punkte auf dem Konto, liegt sensationell auf dem achten Platz und wird sicher in der Bundesliga bleiben. Vielleicht hat Lars Windhorst ja in den falschen Verein investiert….

Autor: sigi.heinrich

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