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Robert Lewandowski hat einen einmaligen Rekord geknackt. © POOL / SVEN HOPPE

Sigi's Spitzen: Romantiker haben es schwer

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute beleuchtet er den Torrekord von Robert Lewandowski und das tränenreiche Finale in der Bundesliga.


Von Sigi Heinrich

Es war schier nicht aufzuhalten. Wie das halt so ist mit Naturgewalten. Wasser von überall her. Ausgerechnet an einem Wochenende, am Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Gut, das passt dann irgendwie, könnte man sagen. Pfingsten. Die Kirche bescherte uns zwei frei Tage und wir haben gefroren und gezittert und konnten uns so gar nicht reinen Herzens freuen.

SportNews-Kolumnist Sigi Heinrich.


Ich jedenfalls gehörte zu den nicht wenigen Romantikern, die klammheimlich gebetet haben, dass Robert Lewandowski stillhält, wie sich das für einen solchen Anlass gehört. Aber was macht der Pole? Er wartet im Spiel gegen Augsburg bis zur 90. Minute, bis zum allerletzten Moment, ehe er einen Abpraller des Torhüters nutzt, um das fünfte Tor für den FC Bayern zu erzielen. Das fünfte Tor. Das Tor, das ominöse, das den Rekord unseres Lieblingstorjägers Gerd Müller auslöschte. Tor Nummer 41 in der laufenden Saison. Ich fand das irgendwie vorher so schön, so märchenhaft fast. Beide, Müller und Lewandowski gleichauf mit 40 Toren. Vielleicht für die nächsten 50 Jahre. Das war mein Traum.
„Hulk“ ist nicht zu bremsen
Aber dann sah ich eine kleine Version von „Hulk“, die Titelfigur aus den gleichnamigen Marvel-Comics. Und da war klar. Dieser Lewandowski war nicht aufzuhalten. Jeder Muskel seines Körpers auf Toreschießen getrimmt. Der kleine Hulk bekommt vermutlich vor dem Spiel nichts zu essen, damit er immer unstillbaren Torhunger hat. Es ist müßig, die beiden Torjäger miteinander vergleichen zu wollen. Es ist auch unmöglich, weil beide zu verschiedenen Zeiten dem Ball so lange hinterherjagten, bis er endlich wie ein gejagter Hase im Netz zappelte.

Hier erzielt „Lewa“ seinen 41. Meisterschaftstreffer. © POOL / SVEN HOPPE


Nur auf einen Umstand möchte ich hinweisen. Lewandowski hat auch ein paar Elfmeter verwandelt, während Müller nicht gerade der Elferschreck für die Torhüter war. Ist aber auch egal. Es ist wie es ist und es ist gut so, dass unsereiner zwei lange, feuchte Tage Zeit hatte, sich an diesem Trauma gütlich zu tun. Müller wird die Kunde vermutlich auch längst erhalten haben, dass der Rekord weg ist und ich stelle mir gerade vor, wie er, im Bett seines Pflegeheimes liegend, sein leichtes, verschmitztes Lächeln aufsetzt und damit seiner Frau Uschi, die ihn täglich besucht, und uns allen signalisiert: Ist schon ok. Das gehört zum Leben. Das ist der Lauf der Zeit, die es leider mit dem Gerd in seinen letzten Jahren nicht gut gemeint hat.
Freudentränen und Zukunftsängste
Also Schwamm drüber, auswinden und ran an die nächste Flutwelle, die über die Bundesliga hereinstürzte. Gestandene Profis wurden durchgeschüttelt, die Wasserburger brachen sintflutartig aus ihnen heraus und die Gründe waren so vielfältig, wie ein Fußballspiel sein kann. Die einen hören nach langer Zeit bei einem Verein auf, wechseln, suchen eine neue Herausforderung. Und in diesem Moment sind sie zwar immer noch Millionäre, aber doch auch Menschen wie du und ich. Die Gefühle drängen an die Oberfläche, niemand muss sich dafür schämen. Alle suchen irgendwie Halt bei Personen, die ihnen nahestanden in ihrem Club.

Tränen gab es bei Werder Bremen. © POOL / FABIAN BIMMER


Freudentränen gab es auch. In Bielefeld etwa, wo das Armenhaus der Bundesliga mit dem mit Abstand niedrigstem Etat, im Club der Reichen weiter Zigarren rauchen darf, und dann waren da die nicht endend wollenden Ströme aus den verquollenen Augen jener, die gerade ihre Zukunft verspielt haben. Die Abstiegsspieler bei Werder Bremen etwa, die nun nicht wissen, wie es weitergeht. Im Oberhaus nicht mehr. Und in der zweiten Liga ist das Gehaltsniveau klar niedriger. Eine neue, nicht eben rosige Zeit bricht an für alle Werderaner, für alle Schalker und wer weiß, vielleicht auch noch für die Kölner, die gegen Holstein Kiel in die Relegation müssen. Und nicht vergessen: Kiel hat den FC Bayern aus dem Pokal-Wettbewerb geworfen. Die Chance auf Freudentränen bei den Kölner ist deshalb nicht eben üppig. Vielleicht jubeln ja die Norddeutschen.

Uschi Müller hat ihrem Gerd sicher sehr aktuell die Ergebnisse mitgeteilt und vielleicht den verlorenen Rekord damit wieder ein wenig verdrängt. Robert Lewandowski hingegen, das darf nicht unterschlagen werden bei aller Gefühlsmelange, die halt da ist, bei einem mehr, bei anderen weniger, ja dieser Lewandowski hat den Rekord auch verdient. Er ist der momentan beste Stürmer der Welt. Wie das auch der Gerd damals war. Damit kann ich leben.

Schlagwörter: Fussball

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