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Andrea Pirlo hat als Spieler fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gab (im Bild mit dem „Scudetto“, den er mit Juve unter anderem 2015 holte). Nur der EM Titel blieb Pirlo verwehrt. © APA/afp / GIUSEPPE CACACE

Sigi`s Spitzen: Das Wagnis des Andrea Pirlo

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute setzt er sich mit dem neuen Juve-Trainer Andrea Pirlo auseinander.

Sigi Heinrich ist jahrzehntelanger Sportreporter und TV-Kommentator.


Eine Abschlussarbeit muss er noch schreiben, dann darf er auch offiziell auf der Trainerbank von Juventus Platz nehmen. Andrea Pirlo. Der Leuchtturm des italienischen Fußballs hat es wieder in die Schlagzeilen geschafft. Diesmal ohne einen seiner genialen Freistöße, von denen er einst sagte: „Wenn ich in Standardsituationen gegen den Ball trete, mache ich das im Pirlo-Stil. Jeder Schuss trägt meinen Namen. Sie sind alle meine Kinder.“ Also darf man möglicherweise davon ausgehen, dass Ronaldo künftig noch bessere Freistöße schießt als er das jetzt schon tut. Versehen mit einem Hauch von Pirlo. Darauf hoffen sie bei den „Bianconeri“. Irgendwie auf eine göttliche Eingebung nach der Entlassung des ungeliebten Maurizio Sarri, der ein Jahr wirken durfte und dem die Niederlage in der Champions-League gegen Olympique Lyon zum Verhängnis wurden. Der Gewinn der Meisterschaft war nicht genug. Vorausgesetzt natürlich, Ronaldo bleibt in Turin. Er soll ja schon mal einen Croque Madame (Toast mit Schinken, Bechamelsauce und Käse, gekrönt von einem Spiegelei) in Paris probiert haben. Mit Pirlo könnte er sich das möglicherweise künftig verkneifen und im Piemont bleiben, denn dieser Trainer könnte auch CR7 noch den einen oder anderen Kniff beibringen.
Der Magier an der Seitenlinie

Wenn man Andrea Pirlo denn schon als Trainer bezeichnen darf. Denn bislang: Fehlanzeige. Eine Woche war er offiziell Coach der U23-Mannschaft. Ohne ein Spiel mit dieser bestritten zu haben, machte man ihn zum Cheftrainer. Von null auf hundert. Niemand vor ihm, auch nicht Zinedine Zidane bei Real Madrid oder Hansi Flick beim FC Bayern, sprangen wie Pirlo ins wirklich eiskalte Wasser. Früher schauten alle Fans Pirlo auf die Füße. Er zog den Ball magisch an, behandelte ihn wie ein rohes Ei. Er machte aus einem Spielzug ein Kunstwerk. Seine Pässe schnitten in die gegnerischen Abwehrreihen wie ein Brotmesser durch eine Cassata. Er hatte dabei diesen Blick, den nur Auserwählte haben und er sah aus wie ein kickender Messias. Pirlo. Das war Magie. Pure Magie.

Spielte er, konnte man sich die Karten für ein großes Schauspiel im Theater schenken. Es genügten Tickets für das Fußballstadion. Hauptdarsteller: Andrea Pirlo. Und er beschenkte seine Fans reichlich mit Aktionen, würdig eines Außerirdischen. Vorbei: Jetzt wird man ihn ganz nüchtern an Resultaten messen. An seinen Taten mit der Mannschaft von Juventus, die nach seinen Vorstellungen wohl ein gänzlich neues Erscheinungsbild erhält. Und seine Worte werden auf die berühmte Goldwaage gelegt werden. Leicht wird das nicht für ihn, denn der Mann der großen Worte war er nie. Nun muss er sich auch als Moderator beweisen.
Matthäus als warnendes Beispiel

Natürlich könnte man einwenden, dass es ein Unding sei, einem wirklich reinen Novizen eine solche Herkulesaufgabe wie Juventus anzuvertrauen. Andererseits hat einer wie er genügend Trainer erlebt, von denen er sich das Beste jetzt herausgreifen kann. Ein Allheilmittel für fehlende Erfahrung als Coach ist das indes nicht, wie warnende Beispiele zeigen. Lothar Matthäus, ebenfalls Mittelfeldspieler, freilich mehr Dampfwalze denn Filigrantechniker wie Pirlo, ist als Trainer stets krachend gescheitert. Auch Stefan Effenberg hatte in diesem Metier kein Glück.

Andererseits sind eher durchschnittliche Kicker wie Jürgen Klopp oder Pep Guardiola überragende Trainer geworden. Es gibt wohl keine Gesetzmäßigkeiten in diesem Business. Im Fall von Andrea Pirlo nur die Hoffnung aller, die Fußball lieben, dass die Leuchtkraft, die er als Spieler in überreichem Maße verströmte, auch in seinem neuen Leben als Trainer erhalten bleibt. Und wenn nicht? Dann kann er sich immer noch auf sein Weingut in der Provinz Brescia zurückziehen. Es gibt schlechtere Alternativen.

Autor: sigi heinrich

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