5 Formel 1

Selten war Platz zwei für Sebastian Vettel so wertvoll. © APA/afp / ANDREJ ISAKOVIC

Reife(n)zeugnis: Comebacks und Zukunftssorgen in Hockenheim

Das Formel-1-Rennwochenende in Hockenheim war turbulent und hat einige Überraschungen mit sich gebracht. Das Reife(n)zeugnis vom Deutschland-GP.

SEBASTIAN VETTEL: Selten hat ein zweiter Platz so sehr wie ein Sieg ausgesehen. Am Samstag noch spürte Sebastian Vettel die gesamte Last dieses verkorksten Ferrari-Jahres auf seinen Schultern. Technische Probleme im Qualifying, letzter Startplatz ausgerechnet beim Heimrennen - der Abgesang auf den viermaligen Weltmeister schien sich auch in Hockenheim fortzusetzen. Doch im Bunde mit dem Wettergott stellte Vettel das Wochenende auf den Kopf: Anders als beide Mercedes-Piloten und anders als sein Teamkollege Charles Leclerc blieb er im wirren, aufreibenden, unübersichtlichen Rennen fehlerlos und raste auf das Podest. Noch immer ist Vettel ohne Sieg, seit bald schon einem Jahr. Aber „dieses Rennen war das, was Sebastian brauchte“, sagte sein Teamchef Mattia Binotto. Hockenheim könnte ein zumindest emotionaler Neustart für den Deutschen gewesen sein.

MAX VERSTAPPEN: Es ging in diesem Rennen darum, erklärte Max Verstappen später, die wenigsten Fehler zu machen. Das schaffte er - zumindest verglichen mit den übrigen Piloten, die von einem der ersten Plätze starteten. Und das genügte für den Sieg. Wirklich fehlerfrei war auch Verstappens Rennen nicht. Am Start kam er nicht gut weg, später leistete er sich auf der seifigen Strecke einen Dreher. Doch er kam weitgehend unbeschadet durch und ließ die mitgereiste Orange Army zum zweiten Mal in diesem Jahr jubeln. Wäre Vettel nicht von ganz hinten gestartet, hätte allerdings dessen Leistung zum Sieg gereicht.

LEWIS HAMILTON: Auch, weil Lewis Hamilton neben sich stand. Der Weltmeister hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf eines Rennroboters erworben, der grundsätzlich richtig entscheidet und keine Fehler macht. Das stimmt in der Tat fast immer, Hockenheim bildete die große Ausnahme.

Hatte in Hockenheim zu kämpfen: Lewis Hamilton. © APA/afp / SRDJAN SUKI

Gleich mehrfach verlor er bei den schwierigen Bedingungen die Kontrolle über seinen Silberpfeil, auch das nicht optimale Timing des Kommandostandes bei der Reifenwahl half ihm nicht. Ohnehin das ganze Wochenende kränkelnd, wirkte Hamilton auch nach dem Rennen angeschlagen. Vielleicht nagte an ihm auch einfach die Tatsache, dass er sich ausgerechnet vor Sebastian Vettels johlenden Fans so sehr eine Blöße gab.

MERCEDES: „Ich bin ein Mensch, und Menschen machen Fehler.“ Lewis Hamiltons knappe Analyse traf genau so auf Mercedes zu. Dass auch das sonst so unfehlbare Team mal daneben liegt - im Reifenpoker verzockt, zudem der wilde Abflug von Hamiltons Teamkollegen Valtteri Bottas - sollte nicht überraschen. Und dass ausgerechnet beim 200. Grand Prix des Rennstalls fast alles schiefging, kam fast mit Ansage: Teamchef Toto Wolff hatte genau dieses Szenario zuvor im Spaß angekündigt und seine Vorahnung mit den nicht gerade zurückhaltenden Jubiläums-Aktionen des Teams begründet, das am gesamten Wochenende verkleidet im Retro-Look auftrat. Am Ende war es aber doch nur ein einziges Rennen. Und Mercedes bleibt weiter das Team, das es zu schlagen gilt.

NICO HÜLKENBERG: Es wird langsam zum Running Gag. 168 Rennen hat Nico Hülkenberg nun in der Formel 1 absolviert, noch nie stand er auf dem Podest. Klar, er hatte auch nie ein Auto, das ihn problemlos unter die ersten Drei trägt. Aber die wenigen Chancen, die sich ergaben, blieben ungenutzt. Mal war es Pech, mal waren es eigene Fehler - am Sonntag war es Letzteres.

Niko Hülkenberg steigt aus seinem zerstörten Renault. © APA/afp / JAN WOITAS


Das Chaos spülte Hülkenberg plötzlich auf Rang zwei, das erste Podest war tatsächlich möglich. Doch dann rutschte der Rheinländer im Motodrom von der Strecke, und auch nach dem 168. Rennen durfte er keinen Champagner verspritzen. Fairerweise sei gesagt: Hülkenberg war bei Weitem nicht der einzige Pilot, dessen Rennen auf der spiegelglatten Strecke vorzeitig endete.

HOCKENHEIM: Der vergangene Sommer blieb dann doch unerreicht. 61.000 Zuschauer am Sonntag, das waren 10.000 weniger als im herausragenden Vorjahr. Und doch bot Hockenheim noch einmal ein Rennen, das als würdiger Abschied dienen könnte - wenn es denn ein Abschied ist. Auf der Strecke herrschte Hochspannung, auf den Tribünen hervorragende Stimmung. Ob und wann die Formel 1 zurück nach Hockenheim kommt, ist völlig offen.

SPRUCH DES WOCHENENDES: „Ich hoffe, dass eine Entscheidung nach gesundem Menschenverstand getroffen wird und nicht danach, wo sich das Portemonnaie am weitesten öffnet.“
Sebastian Vettel über die Zukunft des Hockenheimrings in der Formel 1. Die Traditionsstrecke wird wohl zugunsten zahlungskräftiger Konkurrenz aus dem Kalender fallen.

Autor: sid

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