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Primoz Roglic (rechts) und Tadej Pogacar sind derzeit in der Tour de France das Maß der Dinge. © APA/afp / KENZO TRIBOUILLARD

Sigi`s Spitzen: Slowenische Rad-Party

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute setzt er sich mit den beiden Führenden der Tour-de-France-Gesamtwertung auseinander.

Sigi Heinrich


Sie fahren mit einem Höllentempo, denn es kann ihnen gar nicht schnell genug gehen, den Teilnehmern der Tour de France. Sie haben das Corona-Virus im Nacken, das in Frankreich wieder neuen Schwung nimmt. Die Neuinfektionen steigen, weitere Risikogebiete werden ausgewiesen. Ankommen, möglichst heil in Paris. Das scheint zu funktionieren. Es steht nur noch ein Wochenende bevor und es gab – ausgerechnet mit Ausnahme von Tour-Direktor Christian Prudhomme – keinen positiven Corona-Fall. Das ist eine gute Nachricht, wiewohl man auch hier nie weiß, ob nicht doch noch irgendwas passiert. Aber das passt ja leider zum Radsport, weil man letztlich in diesem Sport, wie freilich in vielen anderen auch, nicht bis zur letzten Seite in die Bücher schauen kann. Und schafft man es mal, gibt es garantiert kein Happy-End. Dafür haben schon die vielen Dopingfälle der Vergangenheit gesorgt. Der Radsport hat es geschafft, seine Fans immer mit Zweifeln zurück zu lassen.
Attacke gegen Kontrolle
Jetzt zum Beispiel könnten wir uns doch mal wieder ungestüm, ja begeistert sogar, freuen über eine neue Konstellation. Zwei Slowenen stürmen die Tour de France. Ein Spätberufener mit Primoz Roglic (30) und ein junger Wilder mit Tadej Pogacar (21), der auf Teufel komm raus zur Attacke bläst, wann immer es möglich ist. Roglic hingegen liebt die Kontrolle mit seinem Team von „Jumbo-Visma“. Es sind wunderbare Geschichten, die dahinterstehen und fast ist man geneigt, sich von ihnen verführen zu lassen. Vor allem jene von Roglic, der als glänzender Zeitfahrer (war mal WM-Zweiter 2017) seinen derzeitigen Vorsprung wohl nach Paris bringen wird. Er sattelte nämlich erst 2011 zum Radfahrer um. Er war vorher Skispringer. Seine damaligen Erfolge werden momentan ein wenig überhöht, weil das halt grad passt. Er war ein guter Junior, hat auch mit dem slowenischen Nachwuchsteam Medaillen gewonnen aber er war kein Weltklassespringer, wie vielfach behauptet wird. Ein Sturz brachte ihn zum Radsport. Es war ein Glück für ihn. Er hat seine Berufung gefunden und ist in Slowenien schon jetzt ein Held. Bisher kannte man aus seinem kleinen Ort Trbovlje in der Untersteiermark nur die Musikgruppe „Laibach“. Und bekannt ist der Ort auch für den höchsten Schornstein in Europa (360m) eines mittlerweile still gelegten Kohlekraftwerks. Das wird sich jetzt ändern. Primoz Roglic setzt die Reihe höchst erfolgreicher Sportler fort, die aus einem Land kommen mit nur zwei Millionen Einwohnern. Und er wird einen Radsportboom auslösen. Autofahrer in Slowenien aufgepasst.
Zweifel bleiben
Es ist, wie gesagt, eine fast schon rührende Geschichte, gäbe es da nicht die Aussage von David Lappartient, dem französischen Präsidenten des internationalen Radsport-Verbandes (UCI), der 2019 gesagt hat, es gäbe Fahrer und Manager in Slowenen, deren Situation wir eng verfolgen. (Resultate sind bislang indes ausgeblieben). Und es scheint auch Verbindungen des mutmaßlichen Dopingarztes Dr. Mark Schmidt aus Erfurt nach Slowenien zu geben. Der Prozess gegen ihn hat dieser Tage in München begonnen. Roglic, der im vergangenen Jahr bereits die „Vuelta“ gewann, ist sich der Problematik bewusst und weist demonstrativ auch auf seine Tests hin. Es sind meist zwei am Tag. Ein erster schon um sechs Uhr morgens, ein zweiter nach der Etappe. Dopingtests. Die Corona-Tests kommen ja noch dazu. Diese Offensive seinerseits ist begrüßenswert aber auch notwendig, denn der Radsport befindet sich immer noch im Würgegriff seiner fatalen Dopingvergangenheit. Und je ungewöhnlicher ein Rennverlauf ist wie etwa in diesem Jahr mit neuen Protagonisten, umso größer scheinen stets die Schatten zu werden. Sie sind wie Monster, die nicht ruhen wollen. Sehr zum Leidwesen sicher auch all jener, die gerne eine fröhliche und ungetrübte slowenische Party zum Abschluss der diesjährigen Tour de France feiern wollen.

Autor: sigi heinrich

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