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Leere Eingangsbereiche – wie hier in Sölden – sind im Sport derzeit Gang und Gebe. © APA / NIKOLAUS PANNY

Sigi`s Spitzen: Der Sport als Seelentröster

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute befasst er sich mit dem Einfluss des Coronavirus auf die Sportwelt – und die Fans.

So allmählich geht der Überblick verloren. Wo darf wer noch hin? Zum Beispiel ist es derzeit in Slowenien verboten, von einer Region in die andere zu fahren. Wer Arbeit hat oder dringende Geschäft vorweisen kann ist davon ausgenommen. Auf jeden Fall sollte man sich vorsehen und eine Brotzeitdose mitnehmen. So wie früher. Da passte genau eine Schnitte rein, dick belegt. Und sie war nicht aus Plastik, sondern kratzfest und sturmerprobt aus Metall. Das ist jetzt deshalb wichtig, weil Restaurants und Bars nämlich geschlossen sind in Slowenien, was auch bedeutet, dass viele derzeit auf ihre liebgewordenen Gewohnheiten verzichten müssen. Kein schneller Kaffee vor der Arbeit, verbunden mit einem Plausch. Direkt vom Bett an die Werkbank. Corona verkürzt das Leben, respektive die Wege des Lebens. Da ist es in Südtirol noch verhältnismäßig angenehm. Sogar der „Giro“ durfte starten mit seiner Königsetappe hinauf auf das Stilfser Joch, der höchsten Passstraße Italiens. Und das Ergebnis durfte abends an der Theke noch bis 18 Uhr diskutiert werden. Immerhin. Allerdings fehlt es den Wortmeldungen an Brisanz. Zu sehr diktiert das Virus die Themen, weshalb es schön ist, dass Janick Sinner derzeit in Köln das Racket schwingt. Schwungvoll wie bei den French-Open. Zwei Auftritte, zwei schnelle Siege. Er beflügelt die Phantasie der Fans und was noch wichtiger ist: Er lenkt ab.

Die Kosten bleiben
Auch der „Giro de Italia“ hat uns für ein paar Stunden aus unserer virenverseuchten Gedankenwelt geholt. Der Sport ist Seelentröster, solange er noch stattfindet, denn auch in der schönsten Nebensache der Welt ist der Überblick längst verloren gegangen. Wo darf wer noch spielen? Es gibt ja keine übergreifende Institution, die eine einheitliche Vorgehensweise durchsetzen kann. Jeder Verband in jedem Land wirbelt um Covid-19 herum und immer intensiver werden die Hilferufe. Keine Zuschauer, keine Einnahmen. Die geldintensiven Sportarten wie der Profifußball schreien am lautesten, weil sie ihre fürstlichen Gehälter an ihre Angestellten weiterhin bezahlen müssen. Um hier mal einen Wert anzufügen. Der ehemalige deutsche Nationalspieler Mesut Özil, der bei Arsenal London spielt, wenn er denn spielt (er sitzt seit Monaten auf der Ersatzbank oder gar auf der Tribüne), verdient kolportierte € 55.000. Am Tag. Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Der Staat kann, ja darf da nicht eingreifen. Seine dringendste Aufgabe wäre es, den Amateurvereinen, den Sportclubs, die einen eminent wichtigen Beitrag für unser Gesellschaftsleben leisten, unter die Arme zu greifen.

Weniger Reisetätigkeit
Es ist auch durchaus eine Diskussion wert, ob es jetzt noch zeitgemäß ist, Radrundfahrten zu organisieren, wo auf der anderen Seite Skifahrer oder Biathleten ihre Termine so legen, dass möglichst wenig Reisen anfallen. Auch das Tennis-Turnier in Köln ist bereits das zweite hintereinander. Das macht, wenn wir weiterhin Sport sehen wollen, noch Sinn. Und doch dürfen wir uns nicht blenden lassen, denn der Sport für Millionen, der bleibt auf der Strecke. Turnhallen bleiben leer, Hausmeister sind arbeitslos und viele Übungsleiter, die ehrenamtlich unseren Sport begleitet haben, empfinden nur noch eine gähnende Leere. Das Virus greift um sich. Und dabei muss man sich nicht einmal angesteckt haben.

Autor: sigi heinrich

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