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Solche Bilder (wie hier von der Fankurve von Union Berlin) gab es schon lang nicht mehr zu sehen. © APA/afp / ODD ANDERSEN

Sigi's Spitzen: Fallbeispiel Pragser Wildsee

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute setzt er sich mit dem Thema Fans in den Stadien auseinander.

Sigi Heinrich ist jahrzehntelanger Sportreporter und TV-Kommentator

Das Bemühen vieler Vereine geht weiter. Zuschauer sollen in der nächsten Saison in allen Sportarten wieder in die Stadien. Ein paar wenigstens. Dafür wird heftig an komplizierten Hygienekonzepten gearbeitet. Hauptmotto: Abstand. Superidee. Und dann der nächste Satz: Eigenverantwortung der Fans. Auch toll. Aber eben auch ein frommer Wunsch, denn beides wird nicht funktionieren. Wenn sich eine Masse Mensch gemeinsam in einem wie immer gearteten Raum befindet, ist es schneller, als man bis zwei zählen kann, vorbei mit dem Gespür für Verantwortung. Wenn dieses denn jemals überhaupt vorhanden war. Erleben kann man das momentan übrigens am Tourismus, der gerade ein perfektes Fallbeispiel dafür abgibt, wie alles außer Kontrolle geraten kann, wenn man nur den kleinen Finger reicht. Egal, wohin man schaut: Nach Bayern an den Walchensee etwa oder nach Nordtirol, wo sogar am früher beschaulichen Achensee alles außer Rand und Band gerät. Von den Stränden an der Ostsee bis zum Mittelmeer bietet sich überall das gleiche, erschreckende Bild. Chaos. Und in Südtirol ist man leider auch nicht auf einer Insel der Glückseligkeit.
„Overtourism“ am Bergsee
Ein Besuch am beliebten Pragser Wildsee macht das deutlich. Erst kommt die Blechlawine, die sich wie ein dampfendes Ungeheuer in das Tal schiebt, möglichst ganz hinauf auf fast 1500 Meter. Am liebsten direkt mit dem Auto an den See. Das wäre die Wunschvorstellung. Und dann leeren sich die PKW und die Menschenlawine rollt wie ein Ameisenschwarm auf den Wanderweg rund um das blau glitzernde Juwel am Fuße des Seekofels. Die Fernsehserie „Bergpolizei“ mit Terence Hill lockt vor allem italienische Gäste an den Bergsee. Die Einwohner stöhnen. Jetzt. Am Anfang war das noch nett und angenehm und hat sicher auch wirtschaftlich keinen Schaden angerichtet. Im Gegenteil. Doch jetzt ist der Pragser Wildsee auch Teil eines Phänomens, das als „Overtourism“ bezeichnet wird. Es geht dabei um offen zu Tage tretende Konflikte zwischen Einheimischen und Besuchern an stark besuchten Zielen. Aus dem Segen ist ein Fluch geworden. Überall. Wobei die leichte Erreichbarkeit vieler Destinationen maßgeblich deren Attraktivität beeinflusst.
Sorgen der Bewohner
Die Auswirkungen sind fatal. Die Natur wird vergewaltigt, die Sicherheit auch der Bewohner steht auf dem Spiel. Am Walchensee in Bayern werden Garagenzufahrten blockiert und Randstreifen sind voller Autos. Rettungsfahrzeuge kommen nicht mehr durch. Die Nerven liegen blank. Auch im Hochpustertal, denn es kommt jetzt noch eine Komponente hinzu, die vielfach aus Bequemlichkeit und der Sehnsucht nach Normalität schon in den Hintergrund gedrängt wurde. Das Coronavirus schwebt über allen, vor allem über Menschenmassen, die sich Schulter an Schulter zu den besten Aussichtsplattformen schieben. Schutzmasken hängen nur noch verschämt am Ohr oder verdecken das Doppelkinn. Jede Vorsicht wird außer Acht gelassen. Es wird geschoben und gedrückt und es geht gar nicht anders, weil eigentlich für so viele Menschen zu wenig Platz ist.
Es bleibt Verunsicherung zurück
Und recht viel anders wird das nicht werden, wenn möglicherweise mehrere tausend Zuschauer in die Stadien gelassen werden sollten. Mögliche Disziplin am Anfang weicht garantiert schon nach den ersten Minuten eines Spieles einer künstlichen Unbeschwertheit. Kein Fan will zwei Meter Abstand haben zum nächsten. Nur in der Gruppe macht zuschauen Spaß. Einer fängt an, alle machen mit. Und so werden sie im Stadion zusammenrücken wie auf dem Wanderweg am Pragser Wildsee und werden dann am Ende des Tages nicht nur Müll und Dreck hinterlassen, sondern auch eine Menge Verunsicherung. Denn keiner weiß, ob Covid-19 sich nicht doch wieder ein paar Opfer gesucht hat in der gesichtslosen Menge und wohin es sich verbreitet, wenn sich der Moloch zurückzieht. Der Sport hat es diesbezüglich noch leicht. Er hat es in der Hand, sich nur vorsichtig zu öffnen. Den vielen Touristen kann man ihre Ziele nicht verwehren. Und der August, die Hauptferienzeit, steht Italien noch bevor.

Autor: sigi heinrich

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