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Mit Norwegen in der abgelaufenen Saison alle Staffeln gewonnen: Patrick Oberegger © Viktor Storsveen

Patrick Oberegger: Südtirols Biathlon-Guru im hohen Norden

Die norwegischen Damen haben die vergangene Saison nach Strich und Faden dominiert. Deren Erfolgsgeheimnis? Trainer Patrick Oberegger. Mit SportNews sprach der Antholzer über sein neues Leben, den internen Konkurrenzkampf und den Gesamtweltcup, den Dorothea Wierer seinem Schützling Tiril Eckhoff weggeschnappt hat.

Kein Wunder, dass die norwegischen Damen hellauf begeistert waren, als Patrick Oberegger vor knapp zwei Jahren als neuer Trainer vorgestellt wurde. Er sollte das Team wieder dorthin führen, wo es hingehört, sprich in die absolute Weltspitze. Tiefenentspannt, ruhig, höchst sympathisch – und vor allem mit einem großen Fachwissen ausgestattet, schaffte es der Südtiroler eine Mannschaft zu formen, die im Weltcup ihresgleichen sucht. Im fernen Oslo stand uns Oberegger per Telefon Rede und Antwort.


Seit mittlerweile zwei Jahren sind Sie nun in Norwegen. Wie haben Sie sich eingelebt?

Patrick Oberegger: „Ich habe schon immer einen Bezug zu Norwegen gehabt. Das hat mich in meiner Entscheidung auf jeden Fall bestärkt. Als Südtiroler wird man hier geschätzt und man integriert sich schnell. Das hängt mit der Naturverbundenheit der Norweger zusammen, die ähnlich groß ist, wie jene in Südtirol. Trotzdem ist das Leben hier ein anderes. Nicht besser oder schlechter, einfach anders. Das Einzige, was gleich geblieben ist, ist meine italienische Telefonnummer (lacht).“


Sind Sie froh, dass Sie sich zu diesem Schritt entschieden haben? War es die richtige Entscheidung?

„Als ich das Angebot bekommen habe, haben nicht nur sportliche Aspekte meine Entscheidung beeinflusst. Außerdem wollte ich eine neue Kultur kennenlernen, mit neuen Athleten zusammenarbeiten und mich als Trainer weiterentwickeln. Erfolge oder Niederlagen sind zweitrangig. Im Nachgang kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung war, die ich in meinem Leben bisher getroffen habe.“


Kann man die Arbeitsweise in Norwegen mit jener in Südtirol vergleichen?

„Es ist alles ein bisschen größer – in vielen Hinsichten. Die Medien-Aufmerksamkeit ist größer, die Herangehensweise unterscheidet sich. Man merkt, dass die gesamte Gesellschaft sportorientiert- und begeistert ist. Aber ich sage immer, dass wir uns in Südtirol nicht verstecken müssen, denn wir bringen in beinahe jeder Sportart Weltklasse-Athleten hervor. Hier sind Langlauf und Biathlon die Nummer 1. Das ist wohl der größte Unterschied im Vergleich zu Südtirol, wo Sportarten wie Fußball, Eishockey oder Ski Alpin populärer sind.“


Wie ist es drei Top-Athletinnen wie Tiril Eckhoff, Marte Olsbu Røiseland und Ingrid Landmark Tandrevold zu trainieren? Muss man dort auch als Streitschlichter agieren oder ist die Stimmung gut?

„Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, sprechen sie diese offen an. Es herrscht ein reger Informationsfluss, der Trainer, Athleten und Betreuer involviert. Es ist nicht immer alles super, der gegenseitige Respekt ist allerdings allgegenwärtig – nicht nur bei den Damen, auch bei den Herren. Und was außerdem sehr ausgeprägt ist, ist das Mannschaftsgefühl. Das Team steht im Vordergrund und nicht das Individuum. Wenn ich ehrlich bin, hat mich dieser große Zusammenhalt schon ein wenig überrascht. Mit Tiril, Ingrid und Marte habe ich ein gutes Verhältnis und mit jeder ist die Arbeit auf einer anderen Weise gleich spannend. Es ist ein großer Vorteil, drei Weltklasse-Athletinnen im Team zu haben, weil so der Druck nicht nur auf eine Person lastet.“

Patrick Oberegger verfolgt mit Argusaugen das Geschehen am Schießstand. © itseriksen


Zu Tiril Eckhoff: Sie mischte schon immer in der Weltspitze mit, allerdings nicht jedes Wochenende. Welche Stellschrauben haben sie gedreht, damit sie so konstant ihre Leistungen abliefert?

„Ich glaube, dass bei den Damen der mentale Aspekt eine große Rolle spielt – noch mehr als bei den Männern. Vor allem die Gabe zu haben, die Trainingsleistung in das Rennen umzusetzen, ist entscheidend. Gut zu trainieren oder gut im Rennen zu sein, sind zwei verschiede Paar Schuhe. Bei Tiril haben wir natürlich das Schießen in den Vordergrund gerückt, aber es gibt viele Faktoren, die zusammenspielen müssen. Man muss im richtigen Moment die richtigen Worte finden, sich Zeit nehmen und für alles eine Erklärung haben. Nur wenn die Athleten dich akzeptieren, können gute Resultate entstehen. Es gibt keine Erfolgsgarantie.“


War die Enttäuschung bei ihr groß, dass sie knapp am Gesamtweltcup vorbei geschrammt ist?

„Natürlich war es bitter, aber vor der Saison war die große Kugel für uns kein Thema. Tiril wollte einfach so viele gute Rennen wie möglich bestreiten. Dass es dann so gut laufen würde, hätten wir uns nie erträumt. Ich bin überzeugt, dass wir den Gesamtweltcup nicht beim letzten Schießen, sondern in einigen Entscheidungen über die gesamte Saison verloren haben. Zum Beispiel in Pokljuka, wo Tiril ein wenig kränkelte und den Massenstart ausließ. Diese Punkte haben ihr am Ende gefehlt. Wenn man die große Kugel gewinnen will, muss man alle Rennen bestreiten. Wir haben es analysiert und werden es das nächste Mal besser machen. Aus solchen Enttäuschungen zieht man seine Lehren, auch wenn man dies zu Beginn nicht wahrhaben will. Nichtsdestotrotz war die Saison fast zu gut. Wir müssen uns etwas für die nächsten Winter aufheben (lacht).“


Aber wenn Sie den Gesamtweltcup verlieren, dann gegen eine Südtirolerin oder?

„Ja, auf jeden Fall. Wenn unsere Athletinnen nicht auf das Podest kommen, hoffe ich, dass es eine italienische Athletin schafft, so ehrlich muss ich sein. Es gibt keinen Grund neidisch zu sein, im Gegenteil. Ich kann nur den Hut ziehen, wie sich die italienische Mannschaft im Weltcup und bei der Weltmeisterschaft in Antholz präsentiert hat. Und ich bin ihnen auch dankbar, denn nur dank den Erfolgen mit ihnen habe ich diese große Chance erhalten.“


Zu guter Letzt: Ist Training in Norwegen zurzeit möglich?

„Die Regelungen sind zwar nicht so extrem wie in Südtirol, dennoch haben wir strikte Vorschriften zu befolgen. Zurzeit findet nur Einzeltraining am jeweiligen Stützpunkt statt. Jeder hat seine eigene Schießmatte, muss Handschuhe tragen und vor und nach dem Training Desinfektionsmittel benutzen. Die Norweger sind in diesen Belangen akribisch und überlassen nichts dem Zufall. Das ganze Trainerteam befindet sich in ständigem Kontakt. Ich hoffe aber schon, dass wir im Juni zur Normalität zurückkehren können, denn optimal kann man so nicht trainieren.“

Autor: leo

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