1 Wintersport Mix

Zahlreiche Menschen sind derzeit mit dem Schlitten unterwegs. © APA / JAN WOITAS

Sigi`s Spitzen: Eine Rodelpartie im Abgasduft

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um eine Rodelpartie, bei der man für den Moment alle Probleme vergisst.

Sigi Heinrich


Irgendwo in Österreich, in Deutschland oder auch in der Schweiz. Oder sonst wo. Hurra, der Winter ist da. Nichts wie raus in die frische Luft. Schön ist es. Seit zwei Stunden schon bläst der Auspuff des Autos, hinter dem ich im Schritttempo versuche, meinen Schneetraum zu erreichen, seine Abgase an die Frontscheibe. CO2, Kohlenmonoxid, Stickoxide, Rußpartikel und ein wenig Schwefeldioxid. Das tut so gut. Die Lunge freut sich und die Bronchien auch. Endlich draußen. Lockdown? Gilt ja nicht für die Freizeit, denn die Regierenden und Regierungen mancher Länder wollen ja, dass wir, die wir unser Leben insgesamt einschränken müssen, gesund bleiben, weshalb Sport erlaubt ist. Individueller Sport natürlich.

Der Rodelschlitten ist im Kofferraum. Die Kinder freilich fangen an zu quengeln. Ich habe sie mit der Aussicht auf eine Schneeballschlacht gelockt, denn grundsätzlich wollten sie weiter ihr Leben führen wie zuletzt. An der Spielekonsole und am Computer. Und jetzt sitzen sie schon zwei Stunden im Auto. Zum Glück haben sie schon bei der Geburt ein Handy bekommen und beschäftigen sich so einigermaßen auf der Rückbank. Das Navy macht auch keine Riesensprünge. Immer noch Stau und geschlossene Parkplätze überall. Genau dort, wo ich hin will, wo es eine Piste gibt, um mit dem Schlitten und juchzendem Geschrei ins Tal zu sausen. Erinnerungen an die Kindheit vernebeln kurz die Sinne. Oder sind es doch schon die Abgase?

Kein Mensch kann hier die Corona-Regeln einhalten
Dann endlich ist das Ziel erreicht. Erschöpft fragt der Nachwuchs und auch die beste Ehefrau von allen, ja auch die, wo die nächste Toilette sei. Denn bevor die Gaudi losgeht, müssen alle noch was loswerden. Klar irgendwie nach fast drei Stunden im wohltemperierten Auto. Und wer, wenn nicht ich, der Fahrer, Ernährer und baldige Schlittenlenker, soll das wissen? Ich stehe nicht günstig mit dem Auto. Eher in einer verbotenen Zone. Aber ich bin nicht der einzige, und das gibt mir doch das Gefühl, nicht gänzlich falsch zu parken. Das ist, ich weiß, so eine Art gruppendynamischer Prozess. Es ist nicht richtig aber die anderen machen mit. Ich bin also gerade ein kleiner Querdenker.

Meine Rasselbande hat sich in die Büsche geschlagen. Restaurants und so haben geschlossen. Lockdown. Oder so ähnlich. Ich halte mich, ganz Gentleman und Vorbild, zurück. In jeder Beziehung. Und dann ziehen wir los. Richtung Berghang. Das Ziel ist nicht zu verfehlen. Hunderte Gleichgesinnter und Gleichgeplagter strömen dorthin, wo endlich das winterliche Vergnügen stattfinden soll. Unmaskiert. Wir sind ja schließlich an der frischen Luft und halten genug Abstand. Rede ich mir jedenfalls ein obwohl ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich mich selbst belüge. Kein Mensch kann hier die Corona-Regeln befolgen.
Lockdown? Für den Moment ganz weit weg
Meine Gefolgschaft ist erst mal ruhig. Oder ist sie geschockt. Ein bisschen anders hatten wir uns das schon vorgestellt. Irgendwie romantischer. Aber als wir erst mal drin sind im Gewühl, spielt das alles keine Rolle mehr. Wir genießen den Wintertag, so gut es geht. Lockdown? Ist so weit weg gerade wie die Südsee. Und so ganz begreife ich ihn ja sowieso nicht. Zwar habe ich auf unserem Weg vom Auto zum Hang gesehen, dass Sportgeschäfte geschlossen haben. Der Skiverleih freilich durfte seinen Service anbieten. Muss ich das verstehen? Ich komme kurz ins Grübeln, ehe mich ein Schneeball trifft. Es ist nicht die Zeit, um über alles nachzudenken. Über das Virus, die Einschränkungen oder über die fehlenden Impfdosen überall. Jetzt hat das Leben Vorrang und wir tun nichts Verbotenes. Wir nutzen nur den Freiraum aus, den uns irgendeine Verordnung gestattet.

Nach ein paar Stunden, es wird langsam dunkel, suchen wir unser Auto und ich gebe zu, dass ich ehrlich erleichtert bin, dass es nicht bewegt wurde. Von einem Abschleppdienst oder so. Aber der wäre eh nicht mit der Arbeit nachgekommen. Noch einmal in die Büsche und dann ab nach Hause. Es locken noch drei Stunden gemeinsamer Fahrt. Die erste davon wieder im Schritttempo, was aber die Brotzeit erleichtert. Wir haben natürlich vorausschauend eine Thermoskanne mit Tee mitgenommen und ein paar Stullen (belegte Brote) eingepackt. Die Krümel im Auto nehme ich in Kauf in dieser schwierigen Zeit. Daheim mümmeln wir uns wieder ein in unseren Lockdown, der doch gar nicht so schlimm ist. Oder? Kurz vor dem Einschlafen – ich bin rechtschaffen müde – schaue ich noch kurz die Spätnachrichten an. Der Sprecher vermeldet neue Rekordzahlen an Infizierten und Toten, die an oder mit dem Corona-Virus gestorben sind. Irgendwo in Österreich, Deutschland oder der Schweiz. Und nicht nur da. Überall.

Autor: sigi heinrich

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