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Der Tod von Navid Afkari sorgt für internationale Bestürzung, klare Reaktionen bleiben aber aus. © APA/afp / EVERT ELZINGA

Sigi's Spitzen: Navid Afkari muss unvergessen bleiben

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute setzt er sich mit der Hinrichtung des iranischen Ringers Navid Afkari und dessen Folgen auseinander.

Sigi Heinrich ist jahrzehntelanger Sportreporter und TV-Kommentator



Es war natürlich viel los in den letzten Tagen. Der Österreicher Dominik Thiem gewann in einem epischen Duell die US-Open gegen Alexander Zverev. Bei der Tour de France wird eine slowenische Party mit Roglic und Pogacar gefeiert. Der Brite Hamilton dominiert die Formel 1 nach Belieben. Sogar Leichtathletik-Fans kamen beim ISTAF in Berlin auf ihre Kosten. Und der DFB-Pokal hat auch begonnen. Wie gesagt: Viel los. Vielleicht war die Meldung über Navid Afkari nur einen Tag lang an prominenter Stelle in den Medien. Noch einmal zur Erinnerung, damit sich das in unsere Köpfe ein wenig einbrennt. Der 27-jährige Ringer, der an einigen internationalen Wettkämpfen teilgenommen hatte, wurde am 12. September hingerichtet. Er wurde erhängt nach dem Gesetz der Wiedervergeltung. Er soll einen Sicherheitsbeamten bei einer Demonstration 2018 getötet haben. Das Geständnis kam, so wird allenthalben vermutet, unter Folter zustande. Die Familie forderte die Todesstrafe. Sie ist vollstreckt worden. Klammheimlich. Nachts in der Dunkelheit wurde das Leben von Navid Afkari ausgelöscht.
Ohnmächtiger Weltsport
Ohnmächtig sahen alle großen Sportorganisationen zu. Zur Ohnmacht verurteilt, weil sich das Unrechtsregime im Iran einen Teufel schert um Eingaben internationaler Organisationen. Die Vereinigung „Global Athlete“ fordert Sanktionen. Wer nicht? Aber welche sind möglich? Am härtesten würde den Iran der Ausschluss von den Olympischen Spielen 2021 in Tokio treffen. Doch eine solche Entscheidung ist undenkbar, weil der derzeitige IOC-Präsident einen Konflikt dieser Größenordnung scheut. Er verweist lieber auf die Souveränität der Mitgliedstaaten des Internationalen Olympischen Komitees. Und wird somit zum zahnlosen Tiger, der zudem noch abgeschliffene Krallen hat, als wäre er gerade einer Maniküre unterzogen worden. Und treffen würde ein solcher Boykott bedauerlicherweise ausgerechnet jene, um die man kämpft: Die Sportlerinnen und Sportler, von denen im Iran viele systemkritisch sind.
Hauptsache, der Ball rollt
Wo also ist der Weltsport, wenn er gebraucht wird? Sogar gebraucht wird, um Leben zu schützen, um Leben zu retten. Er verkriecht sich oder klüngelt mit den Mächtigen zum eigenen Vorteil, um seine angebliche Bedeutung zu unterstreichen. Das war leider immer so und hat sich nicht geändert. Man denke an die Fußballweltmeisterschaft in Argentinien, die 1978 ausgetragen wurde. Joao Havelange aus Brasilien hieß damals der Präsident des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA). Gespielt wurde in Stadien, in denen zuvor Tausende hingerichtet worden waren. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit seinem damaligen Präsident Hermann Neuberger, machte keine gute Figur damals. Es war eigentlich eine Schande, überhaupt in einer Militärdiktatur anzutreten, die Regimekritiker einfach aus dem Flugzeug warf. Hauptsache der Ball rollt, gesättigt vom Blut der Demonstranten. Während der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi annektierte Putin die Krim. Bach stand brav neben dem russischen Präsidenten und war nicht mehr als schmückendes Beiwerk für dessen Propaganda. Die vielen Proteste gegen die wohl sehr grenzwertigen Arbeitsbedingungen in Qatar haben die FIFA in jüngster Zeit auch nicht aktiv werden lassen. Bloß nicht anecken. Brav mitspielen bis zum Tod durch Erhängen.

Der Weltsport mit all seinen verschiedenen Verbänden und Institutionen hatte wohl nie eine wirkliche Bedeutung und politische Dimension. Die Chance dazu hat er immer wieder vertan wie zuletzt bei Navid Afkari. Ich will und ich hoffe, dass man ihn nicht vergisst. Er hatte das Herz eines Sportlers. Er war mutig, nicht nur auf der Ringermatte. Das sollte uns allen Kraft geben, dem Unrecht dieser Welt mit Courage zu begegnen. Afkari hat dafür sogar sein Leben verloren.


Autor: sigi heinrich

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