5 Formel 1

Rot war in der Formel 1 stets Modefarbe: Doch jetzt bröckelt der Status von Ferrari. © ANSA / MATTEO BAZZI

Sigi`s Spitzen: Der Mythos Ferrari ist in Gefahr

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute befasst er sich mit dem Mythos Ferrari und der aktuellen Situation des Rennstalls.

Von Sigi Heinrich


Die allgemeine Motorisierung hat mich erst relativ spät erwischt, denn die Kindheit auf dem Bauernhof meines Großvaters war noch geprägt von dessen Sturheit. Diese Höllenmaschinen kommen mir nicht ins Haus. Das war sein Credo. Und so bekam der Ochse „Maxe“ jeden Tag sein Futter und wir fuhren das Heu mit ihm auf die altbewährte Art und Weise ein. Ich selbst war mit ihm mehrmals auf dem Feld. Ganz allein. Nur er und ich. Und er folgte brav. Entweder meinem Lenkvermögen oder wahrscheinlich mehr seinem Instinkt. Es war jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis.

Sigi Heinrich

Zu der Zeit wurde gerade der erste Ferrari gebaut. Der Einachsschlepper MC 57, der sofort ein Erfolg wurde. Mittlerweile sind diese Traktoren bei Oldtimer-Fans extrem beliebt. Wohl dem, der einen Ferrari in seinem Hof stehen hat. Und die meisten funktionieren auch noch. Mein Opa hat sich dann dafür entschieden, den Hof aufzugeben. In der Übergangszeit bis zum Abriss, dem ich ihm bis heute nicht verzeihe, zog dann eine Autowerkstatt ein. Was für eine Pointe der Geschichte. Ausgerechnet Auspuffgase vernebelten jetzt den Hof wo früher Gülle einen dagegen fast wohlschmeckenden Geruch verbreitete. Und Hühner hüpften auch nicht mehr umher zwischen den Schraubenschlüsseln und dem Motoröl. Und so wurde die bäuerliche Kindheit klammheimlich durch das Gespenst der Moderne vertrieben.
Eine Farbe, die elektrisiert
Als mein Vater das erste Auto kaufte, war ich schon ziemlich erwachsen. Elf Jahre alt. Es war ein Ford Taunus. Grau, mit Lenkradschaltung und einer Sitzbank vorne, die dem Fauteuil im Haus schwer Konkurrenz machte. Aber ein Auto. Willkommen in der neuen Welt. Der „Maxe“ war schon lange im Ochsenhimmel.

Ein Autonarr bin ich wohl aufgrund meiner Vergangenheit deshalb nie geworden. Man muss, so sagt man gerne, dafür wohl Benzin im Blut haben. Und doch gibt es ein Fahrzeug, dass mich bis heute in seinen Bann zieht. Unweigerlich. Zumindest war das bis jetzt so. Ferrari. Es ist schon verrückt. Dieses Rot, diese Farbe allein verursacht Gänsehaut. Neulich sah ich auf dem Parkplatz beim „Köferer“ in Neustift, meiner Stammwirtschaft, wenn ich in Südtirol bin, wieder einen solchen roten Renner. Tiefgeduckt stand er elegant zwischen weißen Geländewagen, als wäre er absichtlich dort hingeworfen worden, um zu sagen: Seht her, das ist ein Auto. Automatisch gehe ich hin. Schaue ihn genau an, riskiere einen Blick nach innen, natürlich stets mit gehörigem Abstand. Aber nicht wegen Corona, sondern aus Respekt, weil so ein Gerät ja so viel kostet wie die Anzahlung für eine Eigentumswohnung. Ein Ferrari. Ein Mythos. Noch.
Ein Magnet der Gefühle
Im Augenblick machen die Vertreter der Firma, die in der Formel-1 tätig sind, wirklich alles, um den Ruf dieser Weltmarke zu ruinieren. Vom Traktor bis zum Sportwagen. Manche vergleichen die Autos schon mit U-Booten. Ferrari auf Schleichfahrt. Nicht mehr zu sehen. Und wenn doch, dann wie zuletzt entweder in einem Reifenstapel oder in der Box, weil ausgerechnet in Sebastian Vettels Flitzer die Bremsen versagten, wobei ich mich frage, wieso Ferrari noch Bremsen benötigt, wo sie doch eh ständig hinterherfahren. Es ist ein Jammer. Eine schier unsterbliche Legende wird geschleift, weil die derzeitige Führung den Anschluss verpasst hat.

Sebastian Vettel, einer der beiden Ferrari-Piloten. © APA/afp / MIGUEL MEDINA

Die Besitzer dieser wunderbaren Konstruktion auf vier Rädern müssen sich mittlerweile einen gehörigen Imageverlust ihrer Karossen gefallen lassen. Man könnte fast ein wenig Mitleid mit ihnen haben. Immerhin bleibt ihnen ein Trost. Ihr Auto ist weiterhin eine Rarität, etwas ganz und gar Erhabenes im Einheitsbrei, mit dem uns Designer aus der ganzen Welt überschwemmen bis hin zur Unkenntlichkeit einer Marke. Ein Ferrari bleibt dann eben doch ein Ferrari, ein Magnet der Gefühle. Aber es sind halt auch die Erwartungshaltungen, die mitspielen. Ein Ferrari muss ganz einfach das schnellste und schönste Auto sein. Momentan ist nur noch die Schönheit, die Grazie, die wunderbare Linie der große Trumpf. Auf Dauer wird das zu wenig sein.

Autor: sigi.heinrich

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