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Traum in Gelb: Mathieu van der Poels Geschichte reicht weit zurück. © APA/afp / CHRIS GRAYTHEN

Der fliegende Holländer: Mathieu van der Poels besondere Story

Sein Großvater war tragischer Nationalheld, sein Vater eroberte das Gelbe Trikot – die Familie von Mathieu van der Poel ist wahrlich vom Radsport infiziert. Nun tritt der 26-Jährige in die Fußstapfen seiner Idole – und will selbst noch größere Spuren hinterlassen.

Das Gesicht in den Händen, die Augen voller Tränen. Nach seinem glorreichen Schlusssprint auf der zweiten Etappe der diesjährigen Tour de France saß Mathieu van der Poel zusammengekauert beim ersten Interviewtermin. Nach Worten ringend versuchte der niederländische Radfahrer das Geschehene irgendwie in einen zusammenhängenden Satz zu fassen. „Ich habe keine Worte. Wirklich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, spricht er in die Kamera.


Bereits vor der Tour stand Van der Poel im Rampenlicht. Der im belgischen Kapellen geborene Niederländer zählt zu den begehrtesten Fahrern im gesamten Peloton. Neben seinen bisherigen Erfolgen auf der UCI World Tour überzeugte er auch mit seiner ungeheuren Vielseitigkeit. Viermal konnte Van der Poel die Weltmeisterschaften im Cyclocross gewinnen, auch auf dem Mountainbike zählt er zu den Besten der Welt. Bei den Olympischen Spielen in Tokio, die am 23. Juli beginnen, ist er einer der Gold-Favoriten.

Großvater „Poupou“ als ikonisches Idol
Trotz der anstehenden Spiele, trotz der angepeilten Goldmedaille, stand für den Alpecin-Fenix-Fahrer in diesem Jahr ein großes Ziel über allen anderen: das Gelbe Trikot. Van der Poels Großvater, die französische Rad-Ikone Raymond Poulidor, stand zwischen 1962 und 1976 ganze acht Mal auf dem Podium der Tour de France. Gewinnen konnte „Poupou“ die Rundfahrt jedoch nie, sogar das Gelbe Trikot blieb ihm in seiner gesamten Karriere stets verwehrt. Nichtsdestotrotz stieg Poulidor zum Gewinner der Herzen auf und wurde zu einem der tragischen Helden der Tour-de-France-Geschichte. Adrie van der Poel, der Vater von Mathieu, konnte indes für eine einzelne Etappe in Gelb starten.

Das Retro-Trikot im Andenken an Raymond „Poupou“ Poulidor. © AlpecinCycling

Diese einzigartige Familiengeschichte ist es, die Mathieu van der Poel bei der Tour de France, wo er natürlich auch zu den Stars zählt, antreibt. Im Andenken an seinen im November 2019 verstorbenen Großvater ging Van der Poels Team bei der ersten Etappe mit einem speziellen Retro-Trikot an den Start.

Das an „Poupou“ angelehnte Jersey soll an die letzte Rundfahrt des französischen Großmeisters erinnern, vor 45 Jahren bestritt er die Tour de France zum 14. und gleichzeitig auch zum letzten Mal. „Es ist schon etwas ganz Besonderes, dieses Trikot zu tragen“, erklärte Mathieu im Vorfeld der Rundfahrt in einem Interview mit AlpecinCycling. „Mein Großvater war mein Held, weil er einfach mein Großvater war und nicht aufgrund seiner Leistungen. Trotzdem ist es besonders, der Enkel von Poupou zu sein“, unterstrich er die Bedeutung seines Großvaters für ihn selbst.

„Trotzdem ist es besonders, der Enkel von Poupou zu sein.“
Mathieu van der Poel

Er habe sich stets mit seinem Großvater über den Radsport ausgetauscht und auch einige Rennen mit ihm zusammen gesehen. Spezielle Ratschläge habe er aber nicht wirklich erhalten, zu sehr habe sich die Welt des Radsportes in der Zwischenzeit verändert. „Er sagte, es ist nicht dasselbe wie zu der Zeit, als er daran teilgenommen hat. Es ist natürlich auch schön zu sehen, dass er seine eigene Karriere hatte und dass er uns unseren eigenen Weg gehen ließ. Und dass wir auch unsere eigenen Erfahrungen und Entscheidungen treffen konnten.“
Van der Poel ohne Druck
Mit dem Druck, den er als Star im Feld verspürt, könne der Niederländer gut umgehen. Gegenüber cyclingnews meinte er: „Ich fühle nicht mehr Druck als bei anderen Klassikern. Wir können es mit der Flandern-Rundfahrt etwa vergleichen. Dort werden ähnliche Strategien angewandt.“ Ohnehin lag sein Fokus stets auf den ersten Etappen der Tour, zumal er dort seine Qualitäten am besten ausspielen kann. Darüber hinaus sind dort die Chancen auf einen Sieg und das Ergattern des Gelben Trikots besonders hoch.

Nachdem Julian Alaphilippe durch eine besondere Einzelleistung den Schlussprint des Grand Depart für sich entscheiden konnte, war Van der Poel die Resignation anzumerken. „Alaphilippe war zweifellos der Stärkste. Ich habe alles reingehauen, aber ich hatte am Ende nichts mehr in den Beinen.“ Aufgegeben hat sich der 26-Jährige aber keineswegs: „Morgen gibt es eine neue Möglichkeit.“
Sprint zum Glück – Traum in Gelb
Auf der zweiten Etappe, der Strecke zwischen Perros-Guirec und Mur-de-Bretagne Guerledan, schlug dann die Stunde des Niederländers. Durch einen enormen Kraftakt auf den Schlusskilometern katapultierte sich Mathieu van der Poel nicht nur zum Etappensieg, sondern gleichzeitig auch an die Spitze des Gesamtklassements. Damit erweiterte er seine erfolgreiche Familiengeschichte um ein weiteres glorreiches Kapitel.

Da er das Gelbe Trikot in der dritten Etappe verteidigen konnte, zog er sogar an seinem Vater vorbei, der selbiges 1984 für eine Etappe getragen hatte. Wie lange er an der Spitze des Feldes bleiben wird, kann Van der Poel selbst nicht einschätzen: „Realistisch ist, dass ich es bis zum Zeitfahren behalte. Aber nicht länger“, meint der Radfahrer gegenüber radsport-news.

Van der Poel am Ziele seines Traumes. © APA/afp / CHRISTOPHE ENA

Auch in den Kampf um das Grüne Trikot (Punktewertung) will sich der 26-Jährige nicht hineinziehen lassen. „Um Grün zu kämpfen, ist mir zu schwer, jeden Tag versuchen, Punkte zu holen und ganz tief zu gehen. Es ist meine erste Tour. Wenn es möglich ist und nicht meine Olympiapläne beeinflusst, dann würde ich gerne bis nach Paris fahren“, betont er sein eigentliches Ziel. Nur allzu gerne würde der Niederländer seiner Favoritenrolle bei den Olympischen Spielen in Tokio gerecht werden. Es wäre der erste Olympiasieg in seiner Familie. „Wenn ich mir aber meine Etappen aussuche und in einer guten Form bin, dann kann ich direkt von Paris nach Tokio reisen.“

Schlagwörter: radsport

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