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Aus der Sportwelt sickern Forderungen nach einer Impf-Vorfahrt durch. © APA/dpa / Julian Stratenschulte

Ohne Lobby keine Spritze: Bevorzugung für Sportler?

Sigi Heinrich ist im deutschsprachigen Raum einer der bekanntesten TV-Kommentatoren, seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol und richtet sich seit einiger Zeit mit seiner eigenen Rubrik „Sigi's Spitzen“ an die SportNews-Leser. Heute widmet er sich sich dem pikanten Thema Corona-Impfungen und wählt dabei Worte, die durchaus zum Nachdenken anregen.


Sigi Heinrich


Wer kommt zuerst dran? Die Bewohner der Seniorenheime. Ok. Das dortige Pflegepersonal. Logisch. Ärzte, Krankenschwestern. Natürlich müssen sie bevorzugt geimpft werden. Ohne Impfung droht den älteren Mitbürgern möglicherweise ein schnelleres Ableben, weil sie leichte Beute sind für das aggressive Virus. Und das Personal in den Krankenhäusern rettet Leben.

Es gibt also an dieser Reihenfolge zunächst wohl einen klaren Konsens. Aber dann: Die Lehrkörper, wie das schön heißt. Also alle, die unserem Nachwuchs Bildung einimpfen? Auch noch verständlich. Es geht um unsere Kinder. Aber was ist mit dem Personal in Lebensmittelgeschäften, wo an der Kasse täglich hunderte von Kunden vorbeiziehen? Diese Berufsgruppe hat man komplett vergessen. Dabei ist sie täglich hohem Risiko ausgesetzt. Aber wer keine Lobby hat, bekommt auch keine Nadel in den Oberarm. Schreien muss man. Laut und deutlich und vor allem die eigene Wichtigkeit massiv in den Vordergrund schieben.

Sportverbände ändern deshalb mehr und mehr ihre Strategie und fordern in ganz Europa, dass Profisportler oder jene, die sich als solche fühlen, bevorzugt geimpft werden sollen. Damit sie weiterhin ihrem Beruf beziehungsweise ihrer Berufung nachgehen können. Mit einer kompletten Impfung könnten sie ohne Einschränkungen ihr komplettes Trainingsprogramm absolvieren und es bestünde möglicherweise wieder mehr Chancengleichheit. Denn schon jetzt stehen sich bei Wettkämpfen Athleten und Athletinnen gegenüber, von denen die einen geimpft sind und die anderen eben nicht.
Das Geschäft bestimmt die Handlung
Aber das ist nur ein Aspekt. Im Grunde geht es ums Geschäft. Ums große Geschäft wohlgemerkt. Mehr und mehr verdichten sich etwa die Anzeichen, dass die olympischen Spiele in Tokio im Juli und August zwar stattfinden werden aber ohne Zuschauer und nur mit Sportlern, die geimpft worden sind. Daraus leitet sich das Selbstverständnis vieler Sportorganisationen ab, dass deren Mitglieder, so sie denn das jeweilige Land bei großen Meisterschaften vertreten, natürlich bevorzugt geimpft werden müssen. Noch vor den Busfahrern, den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehren und eben auch den Verkäuferinnen, denn es sind mehrheitlich Frauen, die in den Lebensmittelgeschäften arbeiten. Der Allgemeinheit wird dabei eine Bedeutung des Sports suggeriert, die er nicht hat.

Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge würde die Fußballer, laut eigenen Aussagen, bei der Impfung in der Vorreiterrolle sehen. © FIRO/SID

Der Sport mag zwar eine gesellschaftliche Rolle ausfüllen, aber das trifft auf andere Bereiche auch zu, die man indes längst vergessen hat. In Deutschland darf man sich etwa einen flotten Hybridschlitten kaufen (die Autohäuser haben geöffnet), aber man darf nicht in ein Museum gehen, um sich ein paar Bilder anzuschauen. Das könne man doch auch virtuell anbieten, heißt es dann salbungsvoll von jenen, die jeden Tag die Corona-Vorschriften ändern. Und zwar so lange, bis niemand mehr weiß, was jetzt gerade aktuell ist bei welchem Inzidenzwert und so. Als könnte man sich im Internet nicht auch ein Auto anschauen.
Kunst verliert gegen Sport
Lobbyarbeit zeigt Wirkung. Kunst scheint nicht wichtig genug zu sein, Sport eben schon, weil nur durch dessen Ausübung durch die Spitzenkräfte in allen Disziplinen Fernsehverträge erfüllt werden können. Mithin also der Rubel rollt, auch wenn keine Zuschauer in den Hallen oder Stadien sein können. Ein Impfpass soll dafür sorgen, dass sich daran nichts ändert und der Fortbestand etwa der Gelddruckmaschine Olympische Spiele nicht gefährdet wird, auch wenn man das nur unter vorgehaltener Hand diskutiert, weil das Thema zu sensibel ist. Dass dies zu Lasten anderer Mitbürger geht, die es möglicherweise nötiger haben, geimpft zu werden, sorgt dabei nur ganz kurzfristig für ein schlechtes Gewissen. Die Ellenbogen sind ausgefahren. Auch der Sport scheint jetzt dem Motto zu verfallen: Jeder ist sich selbst der Nächste. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch zutiefst traurig. Aber es ist ein Spiegelbild der Corona-Zeit, die einen bösen Keil in unsere Gesellschaft treibt.


Autor: sigi heinrich

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