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8.500 Fans durften das Bundesligaspiel zwischen RB Leipzig und Mainz 05 auf den Tribünen verfolgen. © APA/afp / JOHN MACDOUGALL

Sigi`s Spitzen: Corona lauert in den Stadien

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute setzt er sich mit der Corona-Situation in den Stadien auseinander.

Sigi Heinrich


Gemeinsam sollten wir stark sein. Eigentlich. Es geht schließlich gegen eine Armee, die wir noch immer nicht so richtig kennen. Wie nebulöse Geister tanzen ihre Soldaten über unsere Köpfe hinweg und schleichen sich in unsere Körper. Wir schlagen zu, holen aus, treffen Maßnahmen, um diese fremde Macht unter Kontrolle zu bekommen. Ja, sie vielleicht sogar zurückzudrängen in die Labore, denen sie augenscheinlich entwischt ist. Covid-19 und kein Ende. Denn die gewünschte Strategie der Gemeinsamkeit gegen diesen hartnäckigen Feind ist nicht mehr als ein Wunschtraum in einem Europa der individuellen Eitelkeiten. Jeder ist sich selbst der nächste und denkt nicht einmal im Traum daran, miteinander das Schwert gegen die Krankheit zu schwingen. Es ist im Großen wie im Kleinen. Die wenigsten parken ihr Auto so, dass eventuell noch ein zweites Fahrzeug Platz hat für deren Insassen, um diese auch bequem aussteigen zu lassen. Ich erst einmal. Ich. Nach mir die Sintflut. So bezeichnet man eine egoistische Haltung, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Vorbilder, wie man dies vermeiden könnte, gibt es kaum noch. Ganz Europa ist eine Ansammlung von Nationen, die alle glauben, sie alleine könnten das Virus stoppen mit immer neuen und komplizierten Maßnahmen. Eine einheitliche Politik in punkto Eindämmung der Pandemie gibt es wie in vielen anderen Bereichen nicht.

Das Puskas-Stadion im Brennpunkt
Jetzt eben machen wieder einmal zwei Beispiele deutlich, wie wild und unkontrolliert und selbstversessen Institutionen, zum Teil gedeckt von Regierungen, im Kampf gegen Covid-19 vorgehen. In ein paar Tagen soll der FC Bayern im Puskas-Stadion in Budapest den Supercup ausspielen gegen den FC Sevilla. Das ist ja im Grunde ganz nett. Wird vom europäischen Fußball-Verband (UEFA) organisiert und hat fast schon Tradition. Gespielt werden soll, so der Plan, vor 20.000 Zuschauern. In Worten, weil man es sonst vielleicht nicht glaubt: Zwanzigtausend. Im Parkhaus der Münchner Allianz-Arena können sich Fans, die ein Ticket gekauft haben (3000 stehen den Münchnern zu), auf Covid-19 testen lassen. Nur wer einen negativen Test hat, darf ins Stadion, das normalerweise ein Fassungsvermögen hat für 67.000 Zuschauer. Die UEFA ist stolz, dass sie die Anzahl auf ein Drittel reduziert hat. Nur so nebenbei, damit wir uns auch richtig verstehen: Das Robert-Koch-Institut hat die ungarische Metropole wegen rasant steigender Corona-Zahlen zum Risikogebiet erklärt. Etwa 2000 spanische Fans sollen auch kommen dürfen. Spanien ist das am meisten vom Virus betroffene Land Europas. Das wirft keine Fragen mehr auf. Das ist nur noch blanker Hohn und ein Spiel mit der Gesundheit der Fans über alle Grenzen hinweg. Schlimm genug, dass Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge die Idee goutiert. Soll ja auf dem Weg zur Normalität ein weiterer Schritt sein. Es könnte ein fürchterlicher Fehltritt werden.
French Open mit weniger Fans
Derweil hat die Regierung in Frankreich für die French-Open die Veranstalter eingebremst, die aus einem Stadion drei machen wollten, um damit die bestehenden Regelungen zu umgehen. Jetzt sind nur noch 5000 Zuschauer zugelassen auf der gesamten Anlage. Mehr als die doppelte Anzahl wollte man ursprünglich einschleusen. Die Reaktion der Spieler und Spielerinnen darauf ist bemerkenswert. Ich habe nicht eine Stimme gefunden, die sich dagegen geäußert hätte. Der überwiegende Tenor ist klar und deutlich: Die Gesundheit geht vor. Und alle wissen und ahnen möglicherweise sogar, dass auch 5000 Fans bereits zu viel und eine Gefahr darstellen können, zumal das Virus in Frankreich wieder schwindelerregend an Tempo aufgenommen hat. Es ist und bleibt ein Vabanquespiel und wir alle sitzen nicht unbedingt am längeren Hebel, denn das Virus hat sich vorgenommen, Grenzen einfach zu ignorieren. Leider hat sich das noch nicht allzu intensiv herumgesprochen. Der Egoismus der Kleinstaaterei ist ein Verbündeter der Pandemie. Und so werden wir das Fußballspiel in Ungarn und das Grand-Slam-Turnier der Tennis-Elite in Frankreich auch mit dem Gedanken verfolgen: Hoffentlich geht alles gut. Und damit meine ich keineswegs irgendwelches Resultat. Das ist längst zweitrangig geworden.

Autor: sigi heinrich

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