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Ein Blick auf Tokio mit dem National-Stadion: In der japanischen Hauptstadt sollen in wenigen Monaten die Olympischen Sommerspiele stattfinden. © AFP / BEHROUZ MEHRI

Sigi`s Spitzen: Der olympische Geist aus der Retorte

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um die anstehenden Olympischen Sommerspiele in Tokio, die auf alle Fälle „anders“ werden.

Sigi Heinrich


Die Faszination Olympischer Spiele scheint nach wie vor ungebrochen zu sein. In den Ohren der Sportlerinnen und Sportler klingen die Worte Olympische Spiele wie eine verführerische Musik. Es gibt nur alle vier Jahre die Chance, dabei sein zu können. Das ist eine der nach wie vor großen Unterschiede zu allen anderen Veranstaltungen.

Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder internationale Meisterschaften für Studierende brechen schier jedes Jahr wellenartig über alle her. Die Internationale Eislauf-Union (ISU) etwa führt sogar in Jahren, in denen Olympische Spiele stattgefunden haben, noch Weltmeisterschaften durch, die dann freilich einen eher geringen Reiz ausüben. Jedes Jahr Weltmeister zu werden ist dann ja auch langweilig. Aber Olympiasieger ist man ewig und im Sprachgebrauch heißt es dann ja auch nicht: Ehemaliger Olympiasieger wie etwa bei Weltmeistern.

Nein, Olympiasieger zu werden ist der große Traum, den manche, wie Laura Dahlmeier, die deutsche Biathletin, sogar mit kindlicher Schrift als kleines Mädchen in ihr Poesiealbum gekritzelt hat. Und genau von diesem Traum leben die Olympischen Spiele immer noch. Ungebremst. Und dafür verzichten alle, die um die Medaillen kämpfen, auf die Darstellung ihrer persönlichen Sponsoren. Sie nehmen in Kauf, dass sie keine Preisgelder erhalten. Sie ordnen sich total unter in der Hoffnung, den Titel „Olympiasieger“ später wirkungsvoll vermarkten zu können.

Vorteil für das IOC
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) weiß natürlich um dieses Pfund, mit dem es wuchern kann. Trotz mancher Kritik folgt die vielzitierte „Jugend der Welt“ schier wie Lemminge dem Ruf der fünf Ringe. Dabei sind diese Spiele längst kein Tummelplatz mehr für Romantiker und Idealisten. Der Präsident des IOC weiß das sehr wohl und hat es dennoch geschafft, das Erfolgsmodell Olympische Spiele weiter auszubauen.

Finanziell steht das IOC glänzend da. Das ist ein klares Verdienst von Bach, der manchmal wie ein Baum tief verwurzelt allen Stürmen zu trotzen scheint. Jetzt muss er die Nachricht hinnehmen, dass in Tokio in wenigen Monaten keine ausländischen Zuschauer zugelassen sein werden. Nur Japaner dürfen die Spiele in Japan besuchen. Man müsste annehmen, dass dies eine Horrornachricht ist für Bach. Dabei ist es nur eine Randerscheinung. Es juckt ihn im Grunde kaum. Es ist einfach nur Pech für den Ausrichter in Japan.

Nur Japaner dürfen die Spiele in Tokio besuchen. © APA/afp / PHILIP FONG

Angesichts der nicht eben rosigen Entwicklung der japanischen Wirtschaft haben nämlich auch die Einwohner Tokios andere Sorgen, als sich im Olympiastadion zum Beispiel die Flugshow des Stabhochspringers Mondo Duplantis aus Schweden anzuschauen. Außerdem gibt es nicht viele Sportarten, in denen Japan mögliche Olympiasieger stellen kann. Kunstturnen gehört dazu. Im Volleyball hofft man. Judo ist natürlich gefragt, ein wenig Schwimmen kommt hinzu. Sumo ist ja leider nicht olympisch. In einer Olympischen Kernsportart wie Leichtathletik herrscht hingegen Fehlanzeige. Auf die TV-Bilder, die wir aus Tokio bekommen werden, hat das vermutlich kaum Auswirkungen. Man kann Kamerapositionen so geschickt aussuchen, dass der Eindruck einer vollen Halle vermittelt wird, obwohl nur ein paar japanische Fans anwesend sind, die zudem in vielen Sportarten keine Fachleute sind. Ja, diese Olympischen Spiele werden anders werden.
Japan ist der große Verlierer
Das Treffen der besten Sportlerinnen und Sportler der Welt wird eine Retortenübung werden. Vermutlich ohne Atmosphäre und künstlich aufgebläht. Und dennoch: Wer Olympiasieger wird, dem ist das letztlich auch egal. Hingegen steht der große Verlierer dieser Veranstaltung bereits fest. Es ist Ausrichter Japan. Bereits jetzt sind die Kosten auf 13,5 Milliarden Euro gestiegen. 12 Prozent wollte man durch den Ticketverkauf einnehmen, der jetzt ja ausfällt. Bei all dem finanziellen Desaster, das verkraftet werden muss, wird sich das Mitleid in Grenzen halten. Es hat bislang kaum Olympische Spiele gegeben, die ein Geschäft waren. Das musste man wissen, als man sich beworben hat. Ausgenommen ist natürlich das IOC, dass durch geschickte Verträge stets alle Risiken auf die Veranstalter abwälzt. Die Bewerbung Mailand/Cortina für die Winterspiele 2026 sollte deshalb schon jetzt bei allen Ausgaben alle mögliche Vorsicht walten lassen.

Autor: sigi heinrich

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