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In Lech/Zürs sind ab Donnerstag die Alpinen zu Gast. Vor 3 Wochen wurden die dortigen Rennen noch wegen Schneemangels abgesagt. © APA / MAURICE SHOUROT

Sigi`s Spitzen | Der Sport und seine Lobby

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt hier seine eigene SportNews-Rubrik. Heute wirft er einen Blick auf den Profi-Sport im Allgemeinen, der derzeit im Vergleich mit anderen Branchen bevorzugt wird.

Sigi Heinrich


Es ist ziemlich beliebig, welche Publikation ich mir gerade zu Gemüte führe: Überall verfolgen mich jetzt Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Kolumnen nicht mehr auf aktuelle Ereignisse eingehen, sondern sich als Ratgeber fühlen. Was ich jetzt tun muss, tun soll, um die Stille Nacht zu retten in diesen Corona-Zeiten. Wie ich mich verhalten soll, um mich als wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu erweisen. Ich habe es ja verstanden. Nichts nämlich soll ich tun. Brav sein, Maske auf, Hände waschen, Abstand halten. Täglich versuchen mir Hobby-Psychologen, denen eine Plattform gegeben wird, ins Gewissen zu reden. Fast fühle ich mich, als würde ich einen maßgeblichen Beitrag zur Rettung der Welt beitragen können. Das ist natürlich schon toll. Ein Rädchen, ja fast schon ein Rad sein zu dürfen, das diesem Virus den Garaus machen soll. Da kommen enorme Glücksgefühle auf. Mir wird suggeriert, wie bedeutend ich als kleiner Mensch jetzt plötzlich bin und dass es jetzt praktisch an mir persönlich liegt, ob wir alle bald wieder „normale“ Verhältnisse haben. Ich muss bloß stille halten, ruhig atmen, keine unnötigen Ausflüge unternehmen und vor allem die Wohnung brav lüften (auch so ein Tipp, der mich verfolgt und den ich natürlich mit gewaltigem Schwung beherzige und zwar so lange, bis die Bude endlich richtig kalt ist).

Es gehe ums Überleben
Wenn das nur alle tun würden, nicht nur ich und meine Freunde. Denn was das sportliche Geschehen angeht, ist von Ruhe keine Rede. Im Gegenteil. Jetzt geht es erst richtig los. Der Winter hat begonnen. Es ist kalt geworden. Die Alpen können endlich künstlich beschneit werden und erwarten den Tross derer, die allen Stillhalteparolen zum Trotz um Weltcuppunkte kämpfen. Wie heißt es so schön: Es geht ums Überleben. Ums nackte Überleben sogar. Schlicht ausgedrückt: Ohne Wettkämpfe stürbe, so macht man uns klar, der Sport aus. Jetzt lebe ich als Kommentator natürlich auch davon, dass etwa die Biathleten ihre Europarunde beginnen (die Testrennen für die Olympischen Spiele 2022 in Peking wurden nach Tschechien verlegt). Ich freue mich darauf. Logisch. Aber ich sehe auch das immense Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft und in den Entscheidungen der politischen Mandatsträger allüberall. Der Sport, so scheint es, hat eine gewaltige Lobby und darf, natürlich unter strengen Hygienemaßnahmen, weiterhin schier uneingeschränkt seinem Wettkampfplan nachgehen.

Schausteller, Schauspieler, Künstler, Theaterschaffende oder Kinobetreiber werden das mit Befremden sehen ebenso die Standbesitzer der Weihnachtsmärkte. Sie bleiben schlicht auf der Strecke in dieser Zeit. Keine Weltcuppunkte. Nicht mal einen halben bekommen sie. Man muss all den Betroffenen in diesen Branchen, ebenso wie allen kleinen Geschäftsinhabern oder Restaurantbesitzern nicht schier täglich erklären, dass sie jetzt nichts tun sollen. Sie sind ja zum Stillstand verdammt. Um Wintersport wird hingegen länderübergreifend gekämpft: Lech am Arlberg (Österreich), Gröden, Alta Badia, Carezza (Südtirol) Val d` Isère (Frankreich), Kontiolahti und Ruka (Finnland): Es fühlt sich im Sport allgemein fast so an, als würde die zweite Corona-Welle nur sacht die Zehenspitzen streicheln. Das alles funktioniert oder soll zumindest funktionieren, weil auf Teufel komm raus getestet wird. Täglich gerne auch zweimal, wenn es sein muss. Vor allem in dem Bereich, der als sogenannter Profisport bezeichnet wird. Kommen die Altenheime auch in den Genuss täglicher Tests? Oder alle Lehrer in den Schulen? Wohl kaum. So driftet unsere Gesellschaft, deren wertvolles Mitglied ich ja sein darf, auseinander. Es gibt die Tätigen und die Untätigen. Hilfe und Unterstützung gibt es weiterhin für die erste Gruppe. Dazu gehört auch der Sportbetrieb. Für die zweite, und das ist längst die überwiegende Mehrheit, bleiben nur moralinsaure Lobhudeleien und Durchhalteparolen. Viel ist das nicht.

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