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Sigi Heinrich ist in Deutschland eine TV-Ikone.

Sigi`s Spitzen: Ein halbes Jahrhundert im Zeitraffer

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

Von Sigi Heinrich


Es geht nicht ohne diese Geschichte, die zwar schon sehr lange zurück liegt aber aktueller denn je ist. Bei der Siegerehrung der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko-Stadt senkten die beiden schwarzen Medaillengewinner Tommie Smith (Gold in Weltrekordzeit 19.83 über 200m) und John Carlos (Bronze) ihre Köpfe bei der Nationalhymne und streckten die Hände mit schwarzen Handschuhen in den Himmel (der eine die rechte, der andere die linke Hand – sie hatten nur ein Paar dabei und der Vorschlag, dies dann eben so zu machen, kam von Peter Norman, dem Silbermedaillengewinner aus Australien). Es war der erste große und in die Welt hinausgetragene Protest im Sport.

„Wenn ich gewinne, bin ich Amerikaner, wenn ich etwas Schlechtes mache, sagen sie, ich sei ein Neger. Das schwarze Amerika versteht, was wir gemacht haben“, sagte Smith damals. Sie bewiesen Zivilcourage. Alle drei. Denn auch Norman hatte wie seine Kollegen einen Anstecker an der Trainingsjacke der Organisation OPHR (Olympic Projekt for Human Rights). Er war ein Gegner von Australiens rassistischer „White Australia-Policy“ in den 60 er Jahren. Er solidarisierte sich mit seinen Kollegen. Als er 2006 starb gehörten Smith und Carlos zu den Sargträgern. Es ist dies eine große Geschichte und man darf nicht vergessen, dass Martin Luther King im April 1968 ermordet wurde. Ein paar Monate vor den Spielen in Mexiko.

Erschütternde Reaktion
Die Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees und vor allem die des damaligen weißen Präsidenten Avery Brundage war erschütternd. Er stufte das Verhalten als eine „üble Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch Neger“ ein. 1936 hatte er, damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees der USA, nichts dagegen, in Berlin den Hitlergruß zu zeigen. Mittlerweile hat sich das IOC geläutert gezeigt und wertet die Aktion vor 52 Jahren als „stillen Protest gegen die Behandlung schwarzer Amerikaner“. Alle drei, Smith, Carlos und Norman wurden danach übrigens geächtet und hatten es schwer im Leben. Eine 22 Fuß hohe Statue, die das Bild von damals auf dem Siegerpodest nachzeichnet, steht heute vor der San Jose State University. Immerhin eine späte und wenigstens dauerhafte Würdigung.
Der Sport bringt sich ein

Und jetzt, ein halbes Jahrhundert später (!) gibt es im Sport weltweite Proteste gegen Rassismus, ausgelöst durch den Tod des Afro-Amerikaners George Floyd, dem ein weißer Polizist so lange die Luft abschnürte, bis er starb. Der Kniefall ist mittlerweile das äußere Zeichen des Protestes. Der NFL-Profi Colin Kaepernick inszenierte ihn während der Nationalhymne bei einem Match 2016 gegen „Polizeigewalt und Rassismus“. Die gesamte Mannschaft des FC Liverpool kniete am Montag geschlossen vor dem Training am Mittelkreis. Bundesliga-Profis solidarisieren sich mit den Demonstranten und zeigen dies unverhohlen auf den Trikots. Der Formel-1 Fahrer Lewis Hamilton äußerst sich mit einem klaren Statement.
Grünes Licht für Proteste
Mehr und mehr verlassen die Sportler ihre Wohlfühl-Oasen und beginnen sich, mutiger als je zuvor, zu engagieren. Das hat auch mit Corona zu tun. Denn die Zwangspause und die heftige Kritik am Fußball-Kosmos hat alle sensibilisiert. Jetzt will man die Gesellschaft unterstützen und die gegebenen Möglichkeiten durch die öffentliche Wahrnehmung auch ausnutzen zu wollen. Trainer und Verbandsfunktionäre scheinen die Aktiven sogar zu unterstützen, was auch eine neue Qualität darstellt. Zumindest goutieren sie die Aktionen und drohen nicht, wie in der Vergangenheit, mit harten Strafen. Es bleibt zu hoffen, dass es in dieser Richtung keinen Rückfall gibt. Nur eine gemeinsame, weltumspannende Solidarität kann helfen im Kampf gegen Rassismus. Der Sport kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten und man sollte ihm das auch gestatten. Die Vergangenheit war leidvoll genug.

Autor: sigi heinrich

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