Q Sport Mix

Eintauchen in das blaue Becken: Was in „normalen“ Zeiten kein Problem war, ist in der Corona-Pandemie eine Besonderheit. © APA/afp / CHARLY TRIBALLEAU

Sigi's Spitzen: Eintauchen in die Corona-Welt des Sports

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht er der Frage nach, wie stark Corona die Olympischen Spiele in Tokio beeinflussen könnte.

Ein fast leeres Flugzeug und doch dauert die Abfertigung am Flughafen in Tokio mehrere Stunden. Ausweise müssen gezeigt und Telefonnummern hinterlegt werden. Ständige Erreichbarkeit wird angemahnt und hinter jeder Ecke steht ein immer kopfnickender Japaner und wedelt mit einem Wattestäbchen. Test, Test, Test. „Ich will das eigentlich nur so schnell wie möglich über die Runden bringen“, sagt der Rekordeuropameister Patrick Hausding aus Deutschland. Sein Kollege Maicol Verzotto aus Südtirol ist ähnlich konsterniert. „Wir werden total kontrolliert.“ Willkommen in der schönen neuen olympischen Welt.


Auch, wenn das jetzt nur die Qualifikationswettkämpfe für die eigentlichen Spiele in gut zwei Monaten sind, so bekommen alle schon mal einen Vorgeschmack auf die Abläufe, wenn die Spiele denn stattfinden sollten. Sie tauchen im wahrsten Sinne des Wortes ein in ein Szenario, das für alle Teilnehmer verbunden ist mit der totalen Einschränkung der persönlichen Freiheit. Und der Datenschutz ist längst niedergetrampelt worden von der Angst auf eine Ansteckung.

In Tokio fand am Montag ein Wettkampf statt – und extrem starken Sicherheitsvorkehrungen. © APA/afp / CHARLY TRIBALLEAU

Niemand, der um einen Olympiaplatz kämpft, darf das Hotel verlassen. Die Zimmer haben keine Fenster, die sich öffnen lassen. „Wir atmen ständig nur Klimaanlagenluft ein“, meint Hausding. Auswärts essen ist untersagt. Athleten anderer Nationen darf man sich nur bis auf einen Meter nähern. Und wer glaubt, er könne über die Stränge schlagen, der sieht sich prompt umgeben von vielen Japanern.
Totale Kontrolle
Es ist ähnlich wie in der Sowjetunion vor 40 Jahren, als in den Hotels Anstandsfrauen auf jeder Etage saßen, die dafür sorgten, dass die Gäste aus dem bösen Westen nicht plötzlich mit weiblicher Begleitung auf das Zimmer gingen. Rigoros wurde eingeschritten. Immerhin haben die Wasserspringer ja Glück, dass die Abstände bei den Synchronspringern wohl den Anforderungen genügen. Ansonsten müssten diese Wettkämpfe nämlich gestrichen werden aus dem olympischen Programm. Nein, ganz ehrlich, da will man nicht hin. Wirklich nicht.

Zudem besteht die Gefahr, dass die Pandemie neuen Schwung erhält, zumal die Werte in Japan besorgniserregend sind. Tokio gehört zu den vier Notstandspräfekturen. Am gestrigen Sonntag gab es fast 1000 Neuansteckungen und die Impfkampagnen laufen schleppend, weil Fachpersonal fehlt. So recht weiß niemand, wie 10.000 Sportler und Sportlerinnen bei den Spielen in einer einzigen Blase verschwinden sollen. Aktionismus macht sich breit. Statt alle vier Tage ein Corona-Test soll bei den Olympischen Spielen jetzt täglich getestet werden. Das ist schon logistisch eine Herausforderung, die vermutlich kaum bewältigt werden kann.
Die vage Hoffnung auf ein gutes Konzept
„Die Olympischen Spiele stehen und fallen mit dem Konzept“, sagt der deutsche Olympiaarzt Bernd Wohlfahrt. Aber welches Konzept ist das richtige, das wirklich Sicherheit gibt? Niemand wird diese Frage im Vorfeld beantworten können. Jeder, der sich zu den Olympischen Spielen in Tokio begibt, egal in welcher Funktion, muss um das Risiko für seine Gesundheit wissen.

Ein paar Veranstaltungen der jüngsten Vergangenheit verdeutlichen die Problematik. Bei der Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaft im polnischen Torun gab es über 50 Corona-Fälle. Auch die Beach-Volleyball-Turniere in Dubai und jetzt gerade eben in Mexiko waren nicht frei von neuen Ansteckungen. Sogar bei der Curling-Weltmeisterschaft in Montreal wurden zwei Spielerinnen der deutschen Mannschaft in Quarantäne geschickt. Deutschland darf ausnahmsweise mit drei Spielerinnen statt wie üblich mit vier antreten. Die Eishockey-Weltmeisterschaft der Frauen, die jetzt stattfinden sollte, wurde verschoben. Auf unbestimmte Zeit im Sommer. Also quasi abgesagt. Und das ist alles nur ein Ausschnitt aus dem sportlichen Corona-Fenster.

Es sind nicht mehr als Durchhalteparolen, die wir vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und von den Organisatoren in Japan hören. Im Grunde ist es vor allem eine irgendwie geartete Hoffnung, die diese Olympischen Spiele noch am Leben erhält. Ein kleiner Strohhalm, der freilich viele Bruchstellen hat. Zu viele vielleicht schon.

Autor: sigi.heinrich

Empfehlungen

Kommentare (0)

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen..

© 2021 Sportnews - IT00853870210