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Sigi Heinrich ist in Deutschland eine TV-Ikone.

Sigi`s Spitzen: Fußball ohne Vorfreude

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

Von Sigi Heinrich


Ich warte jetzt schon ein paar Tage darauf, dass sich in mir was tut. Ich warte auf das berühmte Kribbeln im Bauch. Es ist nicht das einer frischen oder auch anhaltend schönen Liebe. Ein sportliches meine ich, wie das früher immer irgendwann zu spüren war, wenn große und außergewöhnliche Sportereignisse bevorstanden, denen man alles untergeordnet hat. Nach denen man den eigenen Terminplan sortierte bis hin zur Uhrzeit. Für die großen Boxkämpfe einer lange zurückliegenden Ära mit charismatischen Faustkämpfern sind wir sogar mitten in der Nacht aufgestanden. Und hätten wir jemals ein wichtiges Länderspiel im Fußball versäumt? Nie und nimmer. Als die Kicker den Ball wegen Corona ruhen lassen mussten, dachte ich zunächst, dass nach der Pause der Wiederbeginn ähnliche Reaktionen mit sich bringen würde. Totale Vorfreude, denn das war ja doch ein kapitaler Entzug, den wir da überleben mussten.

Zerschlagenes Porzellan
Und nun: Nichts. Gähnende Leere in mir. Sollen sie doch spielen. Mir doch egal. Was ist da passiert, frage ich mich. Ich habe doch nie die Sportschau versäumt, bin sogar rechtzeitig vom Biergarten aufgebrochen, damit mir ja kein Tor entgeht. Ich habe auf das Handy geschaut, um aktuell informiert zu sein. Fußball ist unser Leben. Falsch. War unser Leben. Die kickende Elite hat in der Corona-Zeit viel Porzellan zerschlagen. Es wurde so viel wie selten zuvor über die finanziellen Auswüchse diskutiert. Im gleichen Maße wie die Menschen, die Fans und potentiellen Zuschauer also, mit der Krise und ihren wirtschaftlichen Folgen konfrontiert wurden, kamen die Gehälter der Profis mehr und mehr ans Licht. Das führte zu einer Neiddebatte, die letztlich aber auch einher ging mit viel Unverständnis im Zusammenhang mit der Tatsache, dass viele Vereine sich in ihrer Existenz bedroht sahen. Das verstand dann niemand mehr und versteht auch jetzt niemand, da sich die Profivereine darauf verständigt haben, Corona-Fußball zu spielen.
Neue Regeln beim Neustart
Mit neuen Regeln (fünf Einwechslungen erlaubt), mit Quarantäne-Vorschriften. Und das alles nicht, um fair den Meister oder die Absteiger zu vermitteln, sondern um an die TV-Gelder zu kommen, die nur ausgeschüttet werden, wenn der Ball auch über den Rasen rollt. Das ist nicht mehr unser Fußball sondern ein künstlich aufgebauschtes Konstrukt, das ausschließlich dazu dient, einer Elite zu Einnahmen zu verhelfen. Dazu sollte das Argument helfen, dass der Fußball eine gesellschaftlich wichtige Rolle spielt, ja fast schon systemrelevant ist. Und dann folgt, um uns gänzlich zu verhöhnen, der irre Hinweis, dass wir dankbar sein sollten, weil uns, also den durchwegs Coronageschädigten quasi, jetzt Ablenkung in schwieriger Zeit geboten wird. Mit Fußball sollen wir wohl den letzten Kontoauszug vergessen und auch gleich die Zukunftsängste mit einem Schlag beseitigen. Schließlich geht ja jetzt das Leben weiter soll uns suggeriert werden. Aber die Krise hat uns längst eines Besseren belehrt. Wir lassen uns jetzt nicht mehr so leicht verführen und umgarnen. Wir wissen: Es ist alles nur Theater, eine Scheinwelt, die zudem arg zerbrechlich zu sein scheint. Genauso wie die reale Welt im Augenblick.

Autor: sigi.heinrich

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