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Sigi Heinrich ist in Deutschland eine TV-Ikone.

Sigi`s Spitzen: Gefährliche Gipfelsehnsucht

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

Von Sigi Heinrich


Zweifellos waren die letzten Wochen nicht einfach und mehr als einmal streifte der Blick aus dem Fenster schier gierig hinauf zu den umliegenden Gipfeln (denn egal, wo man in Südtirol wohnt, sind die Dolomiten prägend für das Auge). Im April, der so wunderbar mild war, trugen sie immer noch eine weiße unschuldige Kappe. Und schon da reifte unweigerlich der Gedanke bei vielen, dass man bei erstbester Gelegenheit mit Wanderstock und festem Schuhwerk dem Objekt der Sehnsucht näher rücken würde wollen. Doch dazu bedurfte es natürlich erst der Erlaubnis, die Enge der Wohnung auch verlassen zu dürfen. Die Quarantäne hat Frühlingstouren erst mal untersagt. Man konnte sich an Friedrich Schiller gütlich tun derweil, der dereinst der Sehnsucht 1801 ein ganz und gar wunderbares eigenes Gedicht widmete, in dem es unter anderem heißt: „….und die Luft auf jenen Höhen, o wie labend muss sie sein“.

Pelikane im Einsatz
Jetzt also nichts wie hinauf. Im Freundeskreis erörtert man schon mal mögliche Touren, denn es ist auch klar, dass die Routen dem körperlichen Zustand, der durch den Stillstand in der Krise eher malad ist, angepasst werden müssen. Langsam also erst einmal sollte das Motto heißen. Die Berge laufen schließlich nicht weg. Die Sehnsucht nach dem Blick ins Tal hinunter hat nämlich ihre Tücken. Wer zu viel will gleich beim ersten Mal, begibt sich in Gefahr. Und schon röhren die Motoren der Hubschrauber hinein in die Stille der steilen Wände. Die Heli-Flugrettung Südtirol ist im Einsatz. Gerade in den Bergen gilt der Spruch vom Übermut, der selten gut tut, in ganz besonderem Maße. Und so waren die „Pelikane“ gleich an den ersten schönen Bergtagen im Dauereinsatz. Es gab gar erste Todesfälle. Die Sehnsucht ist ein gefährlicher Ratgeber in diesen Fällen. Weniger wäre manchmal wohl mehr. Schiller befeuert den drängenden Wunsch nach Höhenluft allerdings. „Dort im ewigen Sonnenschein“, schreibt er schwärmerisch. Und am Ende fordert er sogar auf, dass der Mensch sich aufmachen solle, das Ziel seines Sehnens zu erreichen (was auch für die Liebe gelten mag). Auch wenn Schiller mehr durch seine Dramen bekannt ist, wohnt seiner Lyrik eine spielerische Leichtigkeit inne, die verführen kann.
Eine kleine Quarantäne
Doch nun – und vielleicht ist das sogar ein Glück – wird der Drang, die Berg-Sehnsucht zu stillen, vermutlich erst einmal unterbrochen werden, denn ein Wetterphänomen, das oft Anfang Juni zu beobachten ist, hält Einzug in diesem Jahr. Die „Schafskälte“ sorgt für einen veritablen Temperatursturz durch aus dem Nordwesten einströmende kalte und feuchte Luft. Es ist ja eh erstaunlich und verwunderlich gar, dass in diesem Corona-Jahr der Bauernkalender fast minutiös eingehalten wird. Sogar die kalte Sophie ließ sich diesmal nicht lumpen. Weit oben kann es sogar wieder Schneefall geben. Die Natur zwingt uns eine weitere kleine Quarantäne auf, die wir, erfahren in diesen Dingen jetzt, freilich locker wegstecken. Die Pelikane können hoffentlich am Boden bleiben, während wir uns anderen Sehnsüchten hingeben können. Es gibt genug davon.

Autor: sigi heinrich

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