Q Sport Mix

Sigi Heinrich ist in Deutschland eine TV-Ikone.

Sigi`s Spitzen: Gefangen in der Corona-Angst

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

Von Sigi Heinrich

Ende Mai. Und ich bin gefangen im Winter. Er umklammert mich noch immer und lässt nicht locker. Oder ist es schon der Nachfolger des vergangenen Jahres, quasi der Vorbote dessen, was noch auf uns zukommt. Es ist verrückt. So habe ich das noch nie erlebt, was freilich auch damit zu tun hat, dass die Sommersportarten allesamt entschlafen sind und nur zäh, langsam und mühselig wieder ans Tageslicht kommen. Das nutzt der kalte Winter gnadenlos aus und schlägt zu. Unerbittlich. Rücktrittsmeldungen von zum Teil wirklich hochkarätigen Aktiven kommen lawinenartig daher. Ungebremst. Martin Fourcade, Kaisa Mäkäräinen, Anna Veith, Dominik Landertinger, Celia Aymonier, Nina Löseth, Tina Weirather, Alexia Runggaldier. Und das ist nur eine kleine Auswahl, wenngleich durchaus erlesen. Als hätten sie alle, die jetzt nicht mehr aktiv sein wollen, geahnt, dass der künftige Winter möglicherweise im Chaos versinken könnte.

Pessimisten fürchten sich
Wenn man sehr pessimistisch ist. Schon jetzt nämlich heben viele den Zeigefinger. Warnend und mit Nachdruck. So nach dem Motto: Macht euch auf was gefasst. Auf die Spitze getrieben hat das jetzt Flavio Roda, der Präsident des italienischen Skiverbandes (FISI), der allen Ernstes, jetzt, Ende Mai eben, die alpine Skiweltmeisterschaft in Cortina d„ Ampezzo verlegen möchte. Von 2021 auf 2022. Die Angst, die noch nie ein guter Ratgeber war, hat ihn zu diesem ganz und gar ungewöhnlichen Ansuchen beim Internationalen Ski-Verband (FIS) getrieben. Auf einen Nenner gebracht fürchtet er eine Absage, die dann den Veranstalter und möglicherweise auch den Verband in den Ruin treiben könnte.
Absprache wäre gut gewesen
Mit den Verantwortlichen vieler anderer großer Events im Winter in Südtirol (Antholz, Gröden, Alta Badia, Toblach, Kronplatz) hat er diese Aktion nicht abgesprochen. Noch weniger bilateral wie mit Oberstdorf, wo im etwa gleichen Zeitfenster wie die alpine Weltmeisterschaft jene der nordischen Elite in Deutschland stattfinden soll. Oder mit Pokljuka, wo die Biathleten ihre Medaillen im Februar in Slowenien vergeben. 2021 um das noch einmal zu unterstreichen. Roda sorgt mit seinem Vorgehen für allgemeine Verunsicherung, auch wenn er dazu aus seiner Sicht nachvollziehbare Gründe ins Feld führt und sicher auch noch immer geschockt sein mag von der Absage des Weltcup-Finales im vergangenen Winter in Cortina.
Ein seltsames Szenario
Das Szenario soll dann so aussehen: Olympische Winterspiele in Peking 2022 und danach, im Anschluss also, noch schnell eine Weltmeisterschaft. Gut, das machen die Eiskunstläufer seit Ewigkeiten so. Aber Hand aufs Herz: Wen interessiert noch eine WM nach dem Glanz Olympias? Ich habe das im Eiskunstlaufen oft erlebt. Die aktuellen Medaillengewinner haben abgesagt, um den frischen Ruhm nicht zu gefährden durch eine mögliche Niederlage bei der WM. Das ginge den Alpinen sicher nicht anders. Und ob eine WM nach Olympischen Spielen der erhoffte Zuschauermagnet sein würde, sei auch dahingestellt. Logisch ist es schwierig, mit viel Verantwortung optimistisch zu bleiben. Aber eine andere Wahl sehe ich im Moment nicht. Noch haben wir sogar den längsten Tag des Jahres noch vor uns. Noch befinden wir uns mitten im schönsten Frühling, sehnen uns nach einem einigermaßen normalen Sommer. Vielleicht sogar am Strand. Winter versteck dich. Wir brauchen und wollen dich im Moment nicht.


Autor: sigi.heinrich

Empfehlungen

Kommentare (0)

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen..

© 2020 Sportnews - IT00853870210