T Tennis

Herzten sich nach einem unglaublichen Match: Carlos Alcaraz (rechts) und Jannik Sinner. © APA/getty / MATTHEW STOCKMAN

Das Tennis-Drama von New York

Carlos Alcaraz und Jannik Sinner sind zwei Ausnahmetalente. Das haben sie im Viertelfinale der US Open einmal mehr unter Beweis gestellt. Im Gegensatz zu den letzten beiden Duellen behielt diesmal der Spanier nach einer epischen Schlacht die Oberhand. Nichtsdestotrotz kann Sinner erhobenen Hauptes nach Europa zurückkehren. Auf der größten Tennis-Bühne der Welt hat er sich teuer verkauft.

Zuerst im Wimbledon-Achtelfinale, wenige Wochen später im Umag-Endspiel: Jannik Sinner hatte in den letzten beiden Matches mit dem Weltranglisten-4. bewiesen, dass er ihn nicht nur ärgern, sondern auch schlagen kann. Im dritten Aufeinandertreffen der Saison wollte der Mann aus Murcia nun zurückschlagen. Und das gelang ihm: Dank einer unglaublichen Leistung wies Alcaraz einen ebenfalls starken Sinner in fünf Sätzen in die Schranken. 3:6, 7:6, 7:6, 5:7, 3:6 hieß es aus Sinners Sicht nach 5:15 Stunden, in denen Tennis der Extraklasse gezeigt wurde. Besonders bitter für den Südtiroler: Er hatte im vierten Satz mit einem Matchball die große Chance, ins Halbfinale einzuziehen. Doch es wollte nicht sein.


Die beiden Protagonisten wählten ab dem ersten Ballwechsel ein horrendes Tempo. Schnell wurde den Zuschauern im Arthur Ashe Stadium klar, dass Alcaraz auf Revanche aus war. Der Spanier spielte von der Grundlinie so gut wie fehlerlos, attackierte die zweiten Aufschläge des Sextners – und breakte sofort. Damit schaffte er etwas, was ihm in den letzten zwei Duellen gegen Sinner nicht gelungen war: In Wimbledon und Umag fand er zwar 16 Breakchancen vor, nützte jedoch keine einzige davon. Vor den Augen der ehemaligen US-Open-Sieger Andy Roddick (2003) und Juan Martin Del Potro (2009) sowie Ski-Star Lindsey Vonn reagierte Sinner aber schnell. Er holte sich das Break zurück und ging mit 3:2 in Führung. Die Youngsters spielten auf einem extrem hohen Niveau – vor allem Alcaraz, der in den Ballwechsel stets der aggressivere war und Sinner bei dessen Servicegames in große Bedrängnis brachte. Das hatte nicht zuletzt mit Sinners niedriger Quote und erneut (zu) vielen Doppelfehlern zu tun. Und so gelangen dem 19-Jährigen zwei weitere Breaks. Der erste Satz, in dem Alcaraz 16 (!) Winners schlug, ging an den Spanier.


Sinner musste etwas an seinem Spiel ändern – und das tat er. Ab dem Beginn des zweiten Abschnittes trat der Schützling von Simone Vagnozzi und Darren Cahill deutlich aggressiver auf. Er zwang Alcaraz immer öfters in die Defensive und gewann so langsam die Oberhand. Der Lohn für den beherzten Auftritt war das frühe Break zum 3:1. Das Duo trieb sich zu Höchstleistungen an, die Fans bejubelten spektakuläre Punkte im Minutentakt. Doch ausgerechnet als Sinner mit 5:4 führte und für den Satz aufschlug, ließ der erste Service ihn im Stich. Alcaraz bestrafte dies – und breakte zurück. Nicht nur: Er gewann zehn Punkte in Folge, hatte bei Aufschlag Sinner – auch dank des Punkts des Turniers – vier Satzbälle. Doch der Südtiroler behielt kühlen Kopf, hatte etwas Glück und rettete sich in den Tiebreak. Dieser war an Spannung kaum zu überbieten. Sinner führte mit 5:3, Alcaraz kam wieder heran. Dann ein Satzball, den Alcaraz mit einem unglaublichen Passierschlag abwehrte. Kurze Zeit später hatte der Spanier den fünften Satzball. Aber dann: Ass von Sinner, der mit einem fantastischen Return-Winner die Linie runter alles auf Null stellte.

Drama pur

Weil es nun leicht zu tröpfeln begann, schloss sich das Dach des Arthur Ashe. Es wurde also bei Indoor-Bedingungen gespielt, die Sinner so sehr mag – wie übrigens auch Alcaraz. Und das sah man: Der Spanier fühlte sich zu Beginn des dritten Satzes sichtlich wohl, Sinner hingegen verlor nach dem kräftezehrenden zweiten Abschnitt etwas Intensität – und sein Aufschlagspiel zum 2:3. Drei leichte Fehler verhinderten im Anschluss ein Re-Break, Alcaraz erhöhte mit Mühe auf 4:2. Doch Sinner gab nicht klein bei. Er holte sich den Aufschlagverlust prompt wieder zurück, um beim Stand von 5:5 erneut gebreakt zu werden. Eine Kombination aus zu vielen zweiten Aufschlägen und starken Returns von Alcaraz führte dazu.

Die Satzentscheidung? Von wegen! Sinner returnierte fantastisch, der Ziehsohn von Juan Carlos Ferrero fand zwei Mal die passende Antwort, doch beim dritten Mal schlug Sinner zu. Wieder Tiebreak. In diesem lieferte der nun entfesselt aufspielende Südtiroler die ganz große Show ab. Nicht nur fehlerfrei, sondern auch spektakulär schnappte er sich die Verlängerung – und zwar mit 7:0! Um 1 Uhr Ortszeit ging es in den vierten Satz.

Matchball vergeben

Dieser begann für Sinner wie gewünscht. Nämlich mit einem Break! Sinner hatte nun Oberwasser, doch Alcaraz gab sich nicht geschlagen. Er glich zum 3:3 aus, konnte gegen Sinners Reaktion allerdings nicht ausrichten, der sich zu Null das zweite Break des Satzes holte – und nur noch zwei Games vom Halbfinal-Einzug entfernt war. Die Nerven begannen nun aber zu flattern. Der 21-Jährige ließ zunächst einen Matchball liegen, dann beging er einen Doppelfehler und wurde nach einer verzogenen Vorhand gebreakt. Ein harter Schlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Von seinem Aufschlag völlig in Stich gelassen, machte Alcaraz den Satz mit 7:5 zu.

Die Fans riss es immer wieder aus den Sitzen. © APA/getty / JULIAN FINNEY


Alles sprach nun für Alcaraz: Das Momentum, die körperliche Frische, seine 6:1-Bilanz in fünften Sätzen. Sinner konnte dafür auf sein Löwenherz und seinen unglaublichen Willen zählen. Er brachte die ersten beiden Aufschlagspiele irgendwie durch, schnappte sich dann das Break, gab es jedoch sofort wieder ab – obwohl er im Game schon mit 40:15 führte. Bei Sinner hakte weiterhin der Service, was Alcaraz eiskalt bestrafte. Er entlief auf 5:3 – und machte kurz darauf alles klar.

Damit steht Alcaraz zum ersten Mal in einem Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Dort trifft er nun auf den US-amerikanischen Lokalmatadoren Frances Tiafoe, der Andrey Rublev in drei Sätzen bezwang. Er hat sogar noch die Chance, die neue Nummer 1 der Weltrangliste zu werden. Sinner wird hingegen enttäuscht von New York abreisen, einige Tage ruhen, mit Stolz auf das Turnier zurückblicken, um sich dann auf den Saisonendspurt zu konzentrieren.

Empfehlungen

Kommentare (0)

Bestätigen Sie den Aktivierungslink in unserer E-Mail, um Ihr Konto zu verifizieren und Kommentare zu schreiben.
Aktivierungslink erneut senden
Vervollständigen Sie Ihre Daten: Die Eingabe von Adresse, Ort, PLZ & Telefon ist verpflichtend, um einen Kommentar absenden zu können.
Profil bearbeiten

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.

© 2022 First Avenue GmbH