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TV-Kommentator Sigi Heinrich.

Sigi's Spitzen: Gesichtsverlust der Tennisstars

In seiner regelmäßigen Kolumne schreibt die deutsche Kommentar-Ikone Sigi Heinrich über verschiedenste Themen in der Welt des Sports. Dieses Mal hat er seinen Fokus auf die Tennis-Stars in der Corona-Krise gelegt.


Von Sigi Heinrich


So ganz genau oder eigentlich gar nichts weiß uns die Geschichte wirklich zu erzählen über den „Mann mit der eisernen Maske“. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf und zahlreiche Historiker beschäftigte die Frage, wer wohl hinter der Maske war, ein Leben lang. Klar ist indes wohl nur, dass es sich um einen unbekannten französischen und natürlich geheimnisvollen Staatsgefangenen von Ludwig XIV handelt. Er war von 1669 bis zu seinem Tod 1703 inhaftiert. Die Maske war, so viel ist allerdings sicher überliefert, nicht aus Eisen, sondern aus schwarzem Samt.

Alexander Dumas hat darüber einen Roman geschrieben. Längst ein Klassiker und vielfach verfilmt, zuletzt mit wundervoller Besetzung wie Gerard Depardieu, Jeremy Irons, Leonardo di Caprio und John Malkovich. Mit dieser Maske wäre der große unbekannte Gefängnisinsasse heutzutage „on vogue“ gewesen, denn mittlerweile gehört sie gar zum beliebten Accessoire. Passend farbig zum Kostüm oder elegant zum schwarzen Anzug. Die Maske hat sich durchgesetzt. Zunächst jedenfalls.

Verführerische Öffnung
Oder ist sie schon wieder ein Auslaufmodel, weil wir aus Bequemlichkeit schnell gutgläubig sind und annehmen, dass sich die Pandemie just vor dem Sommeranfang brav in ihr Schneckenhaus zurückgezogen hat? Weit gefehlt nämlich. Tobend an anderen Orten der Welt verbreitet Corona weiterhin Angst und Schrecken, während wir optimistisch hoffen, dass es keine zweite Welle bei uns geben wird. Doch die Masken fallen.

Immerhin: Es gibt sie weiterhin, die eisernen Maskenträger und ich empfinde das mittlerweile nicht als verstörend, sondern als beruhigend. Da nehmen sich viele selbst in die Pflicht. Sie helfen mit, unterstützend, um die neu gewonnene Freiheit möglichst zu erhalten. Das ist berührend zu sehen, während freilich die Mehrzahl wohl auf Abstand (ein Meter, der sehr, sehr flexibel ausgelegt wird) hofft und auf einen möglichst ruhigen Verlauf der zweiten Phase, wie uns das so schön erklärt wird. Die Phase der Öffnung in jedweder Hinsicht.
Gefährliche Auswüchse
Eine Öffnung, die auch den Sport erreicht hat, allerdings schon zum Restart mit Auswüchsen, die mich verstören. In Serbien sind Kitas und Schulen noch geschlossen, aus Angst vor der Verbreitung von Coivid-19. Das Pokalfinale fand dennoch vor 20.000 Zuschauern statt. Fußball fordert schon wieder eigene Rechte. Und bekommt sie. Vermutlich existiert das Wort „Abstand“ im serbischen Sprachgebrauch nicht.

Und beim Adria-Cup, einer privaten Tennisserie, organisiert von Novak Djokovic, wird eine Party gefeiert, die dem mittlerweile berühmt-berüchtigten „Kitzloch“ in Ischgl, von wo aus das Virus durch ganz Europa geschleudert wurde, alle Ehre machen würde. Kein Abstand, keine Masken. Als wäre nie irgendwas gewesen bezüglich eines todbringenden Virus. Derweil hat der serbische Tennisstar, der übrigens auch Sprecher der Spieler ist, klar gemacht, dass er sich nicht den für die US-Open vorgesehenen Quarantäne-Maßnahmen unterwerfen wird. Alexander Zverev aus Deutschland äußerte sich ähnlich pikiert, da man nur vom Hotel zum Stadion gehen dürfe. Und auch dürfe man nur einen Betreuer auf den Court mitnehmen.

Auch die Tennisstars lassen mehrheitlich gerade ihre Masken fallen. Egoismus feiert fröhlich Triumphe, die bald 120.000 Toten in den USA, die mit oder an Corona gestorben sind, wischen die Tennisasse weg wie lästige Fliegen. Sie wollen ihre Turniere weiter so bestreiten, wie sie das gewohnt sind. Mit allen Freiheiten, vor allem was natürlich auch ihre Bezahlung angeht. Es ist die nächste Sportart, die den Ernst der Situation nicht erkennt. Und es sind, und das ist unübersehbar, genau jene Sportler, die wirtschaftlich wahrlich verwöhnt worden sind in den vergangenen Jahren, die jetzt jede Vorbildfunktion ad acta legen. Ohne Masken erkennt man das wahre Gesicht. Zu spät leider, um die Identität des Gefangenen der Bastille (dorthin wurde er am Ende seiner Inhaftierung verlegt) zu offenbaren.

Autor: sigi heinrich

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