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Kristina Mladenovic spricht von einem Albtraum. © kristinamladenovic93

Sigi's Spitzen: Tennisstars in der Blase

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute schildert er, wie er die derzeitige Corona-Situation bei den US Open in New York sieht.

Sigi Heinrich

So allmählich, tröpfchenweise gewissermaßen, kommt Licht ins Dunkel einer Blase, die sich mitten in New York befindet. In Manhattan genau. Dort, wo sich die Teilnehmer an den derzeit laufenden US-Open befinden, rumort es gewaltig seit bekannt wurde, dass der Franzose Benoit Paire einen positiven Corona-Test absolvierte. Seitdem liegt er auf seinem Zimmer. Nein, nein. Er ist im Grunde wohlauf. Aber er darf sich außerhalb des ihm zugewiesenen Raumes nicht aufhalten und die Zimmermädchen dürfen auch nicht bei ihm rein, um mal mit dem Staubsauger eine Runde zu drehen. Paire hat Bilder gepostet. Und ja, es sieht ziemlich chaotisch aus, wobei ich das nicht ganz nachvollziehen kann. Die Bettdecke kann man auch selber ordentlich falten und einen Staubsauger kann man sich vor die Türe stellen lassen. Und die Kleider in den Schrank zu hängen ist auch kein Hexenwert. Aber Paire will auch provozieren, weil er sich als Gefangener sieht.


Auch seine Kollegin Kristina Mladenovic lässt ihrem Ärger gerade in Wortschwallen freien Lauf. Sie spricht gar von einem Albtraum. Sie spielte Karten mit Paire. Mit Mundschutz wohlgemerkt. Jetzt gehört sie zu den Kontaktpersonen eines positiv auf Corona getesteten Spielers und muss folglich auch erhebliche Einschränkungen in Kauf nehmen. Sie darf das Hotel nur für ihr Training verlassen (sie spielt nach ihrer Niederlage in der zweiten Runde noch Doppel mit der Ungarin Timeo Babos - beide gewannen im Januar die Australien-Open). Eine Begleitung ist immer dabei. Im Hotel ist es ihr untersagt, den Aufzug zu benutzen. Sie muss Treppen steigen, was für eine Spitzensportlerin ja zumutbar sein sollte, wobei ich nicht weiß, in welchem Stockwerk sie untergebracht wurde. Da darf ich nicht zu streng sein. Auf jeden Fall fiel auch folgender Satz: „Wenn ist das alles gewusst hätte, wäre ich hier nicht an den Start gegangen.“

Tennisspieler sind reiche Einzelunternehmer
Mir kommen fast die Tränen. Sie hat als Verliererin der zweiten Runde eine Preisgeld von 100.000 US-Dollar erhalten und wird nach Lage der Dinge auch im Doppel noch paar Dollar hinzufügen können. Es stand ihr, wie allen anderen auch frei, nicht an den Start zu gehen. Aber viele oder gar die meisten, die sich auf diese schwierige Situation eingelassen haben, sahen das wohl zunächst eher lockerer. Getreu dem Motto: Es wird schon nicht so schlimm werden. Natürlich haben die Tennisspieler, die alle Einzelunternehmer sind, durch den Ausfall vieler Turniere nach dem Lockdown nichts verdient. Die Kosten für den Trainer und die Masseure etwa liefen derweil weiter. Allerdings ist es auch so, dass die Bankkonten der Tennis-Elite prall gefüllt sind. Selbst wer nie große Turnier gewann ist nach ein paar Jahren ein wohlfeiler Millionär mit Wohnsitz in der Betonwüste Monte Carlo. Der Blick auf das Mittelmeer ist dabei nicht der Grund für die Residence im Zwergstaat. Eher schon und sicher eigentlich ein steuerlicher Vorteil, der freilich nur dann möglich ist, wenn man sich auch ein sündteures Apartment leisten kann.
Die Blase verschluckt das Leben
Die Mitglieder der noblen Tenniselite jammern jetzt auf höchstem Niveau. Manche spüren zum ersten Mal in ihrem Leben, dass sie keine Sonderbehandlung mehr erhalten und dass die Einschränkungen, die wir alle durch die Pandemie schon am eigenen Leib erfahren haben, auch ihr Leben beeinflusst. All das, was die Akteure der US-Open derzeit in New York erleben, haben die Menschen in Italien schon durchgemacht. Der große Unterschied: Viele haben dabei auch viel Geld verloren. Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Das liegt mir fern. Aber ein bisschen mehr Demut stünde den Tennisstars durchaus gut zu Gesicht, angereichert vielleicht mit ein paar Wahrheiten über das wirkliche Leben, das im Moment eben auch von der
Blase verschluckt wird.

Schlagwörter: Tennis

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