
Dorothea Wierer war über ein Jahrzehnt lang das Gesicht des Biathlonsports. © TEY / Pierre TEYSSOT
Die Frau, die eine ganze Sportart sexy machte
Die Biathlon-Queen ist vom Thron gestiegen. Dorothea Wierer hat ihre Karriere am Samstag bei den Olympischen Spielen daheim in Antholz beendet. Es geht eine der erfolgreichsten Athletinnen der Südtiroler Sportgeschichte – und zugleich das Gesicht des Biathlons. Eine Hommage unseres Reporters, der ihren Werdegang über 15 Jahre begleitet hat.
22. Februar 2026

Von:
Alexander Foppa
Ich muss zugeben: Der Titel, den Sie hier oben lesen, stammt nicht von mir. Es ist ein Satz, den Italiens Biathlon-Chef Klaus Höllrigl bei einem Gala-Dinner während dieser Olympischen Spiele sagte, als er über das Karriereende von Dorothea Wierer sprach. Ein Satz, der mich kurz nachdenken ließ. Weil er zugespitzt ist. Und weil er stimmt.
Der 27. Februar 2011. Biathlon-Europameisterschaft in Ridnaun. Dorothea Wierer gewinnt Gold in der Verfolgung der Juniorinnen – ihr definitiver Durchbruch, denn nur Wochen später läuft sie bei der WM der Großen erstmals in die Top Ten.
Jene in Ridnaun war ihre erste Pressekonferenz in Südtirol. Und meine auch im internationalen Biathlon. Nach dem Rennen saß sie dort, Kaugummi kauend, auf dem Stuhl wippend. Sie antwortete in holprigem Englisch, in kurzen Sätzen. Eine Handvoll Journalisten war vor Ort, mehr nicht. Trotzdem wirkte sie mal verlegen, mal leicht genervt. Es war dieses spürbare Unbehagen, das viele junge Athleten und Athletinnen begleitet, wenn sie plötzlich im Rampenlicht stehen.
Vom forschen Teenie zum abgebrühten Superstar
Fast auf den Tag genau 15 Jahre später trat Dorothea Wierer am Samstag ein letztes Mal vor die Presse. Diesmal warteten nicht zwei oder drei Fragen. Es waren zweihundert. Vielleicht dreihundert. Sie wurde durch einen endlosen Korridor von TV-Stationen geschoben, danach in der Mixed Zone von Print- und Online-Journalisten belagert. Jeder wollte ein Statement. Jeder ein letztes Wort.Dorothea Wierer als damals 20-Jährige bei der EM in Ridnaun.
Aus den Junioren-Rennen waren längst Olympische Spiele geworden – ihre vierten und letzten. Aus dem forschen Talent ein waschechter Superstar. Und aus der unruhigen Debütantin ein abgebrüht Medienprofi. Wierer kennt die Wucht der Bilder. Sie versteht die Macht der Worte. Und sie weiß, wie man beides nutzt. Sie liefert Schlagzeilen, weil sie ehrlich ist. Authentisch. Offen. Ich habe Interviews mit ihr geführt – Minuten, nachdem sie auf der Loipe empfindliche Niederlagen einstecken musste. Sie blieb stehen. Sie antwortete. Immer. Das ist im durchkommerzialisierten Spitzensport keine Selbstverständlichkeit mehr.
Gewehr und Make-up-Pinsel
Wierer hatte das Geschäft früh verstanden. Sie wusste, dass sie die Medien braucht – so wie die Medien sie brauchen. Sie gab uns Geschichten. Und bekam dafür das Rampenlicht. Sie war die erste Biathletin, die vor dem Rennen nicht nur zu Gewehr und Ski griff, sondern auch zu Make-up-Pinsel und Mascara. Die mit geschminkten Augenlidern und lackierten Fingernägeln am Schießstand stand. Die selbst nach den härtesten Zielsprints in die Kamera lächelte – nicht aufgesetzt, sondern selbstverständlich. Professionalität und Persönlichkeit – bei ihr war das kein Widerspruch. Offen, schlagfertig, mit einem Hauch Ironie eroberte sie die Herzen der Fans. In Italien. In Deutschland. In ganz Europa.Dorothea Wierer bei ihrem Karriereabschluss, den Olympischen Spielen daheim in Antholz. © ANSA / PIERRE TEYSSOT
„Doro“ wusste sich zu inszenieren, ohne je inszeniert zu wirken. Natürlich liebte sie das Zentrum der Aufmerksamkeit – optisch wie sportlich. Damit mussten auch ihre Teamkolleginnen umgehen. Manche schafften dies, sie wurden enge Freundinnen der Biathlon-Queen. Andere dagegen wurden auf unliebsame Weise in den Schatten ihrer Strahlkraft gedrückt.
Titel, Medaillen und Kugeln
Doch es gab ein Argument, das immer für sie sprach: den Erfolg. Über mehr als ein Jahrzehnt gehörte sie zum Besten, was diese Sportart zu bieten hat. Sie ist Italiens erfolgreichste Biathletin aller Zeiten, Südtirols Wintersport-Star schlechthin. Ihre Bilanz liest sich wie ein Festmenü für Wintersport-Feinschmecker: zwei Gesamtweltcupsiege, vier kleine Kristallkugeln, vier Weltmeistertitel, acht weitere WM-Medaillen, ein Mal Olympia-Silber, drei Mal Olympia-Bronze und 17 Weltcupsiege. Sie war mehr als nur erfolgreich. Sie war Präzision, Power und Stil. Sie war ein Gesicht, das das Biathlon verändert hat. Eines, das diese Sportart – ja – sexy gemacht hat.Profil bearbeiten
Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.


Kommentare (0)