e Biathlon

Luis Mahlknecht ist seit Jahren die Stimme in der Südtirol Arena. © SN

Ein Ruf ins Leere: So erlebt der Stadionsprecher Antholz 2021

Luis Mahlknecht war an unzähligen Biathlon-Schauplätzen rund um den Globus, seit mehr als einem Jahrzehnt ist er der Speaker in der Südtirol Arena. Er hat schon viel gesehen im Weltcupzirkus, und dennoch: Ein Erlebnis wie jenes an diesem Donnerstagnachmittag in Antholz hatte er noch nie. Ein Erfahrungsbericht.


Von Luis Mahlknecht


Normalerweise war die Fahrt zum Biathlon-Weltcup nach Antholz ein Eintauchen in eine besondere Welt, eine Welt der Farben, der Fröhlichkeit, der bombastischen Stimmung. Eine besondere Welt ist es auch in diesem Jahr, aber viel, viel anders. Die mit Fahnen geschmückten Hotels am Taleingang fehlen, schrullig bunt gekleidete Fans sind auch nicht anzutreffen, und auf der Talstraße sind wenige Fahrzeuge unterwegs. Auch die üblich auf den geräumten Schneewegen joggenden Sportlerinnen fehlen. Erst kurz vor dem Biathlonstadion hält sich eine finnische Athletin an einer Holzstange und absolviert einige Streckübungen. Die Wege im Stadion sind neu, man hat farbige „Blasen“ gebildet, und so wird mir (ich bin in der roten Blase) der Gang ins Pressezentrum (gelbe Zone) verwehrt. Bekannte Gesichter verstecken sich hinter der obligatorischen Maske, und so fällt auch manche Begrüßung nur sehr oberflächlich aus – oder zur Gänze aus.

Das waren vorgestern meine ersten Eindrücke, als ich mich anschickte, erneut als Kommentator vom sogenannten „Adlerhorst“ aus die Biathlonrennen stimmlich zu begleiten, zu moderieren. Ich fragte mich ehrlich, wie das sein würde, und bereitete mich auch mental auf die Herausforderung vor. Dann klopften plötzlich zwei Grödner an der Kabinentür. Es waren Lorenz Demetz-Pincan und Thomas Mussner-Zorz, die etwas brauchten. Sie waren damit beschäftigt, oberhalb des Schießplatzes eine Skulptur anzufertigen, was sie auch meisterlich taten. Ich empfand diesen kurzen Besuch als einen Augenblick der Normalität, der mir gut tat.

Lorenz Demetz-Pincan und Thomas Mussner-Zorz beim Anfertigen der Schnee-Skulptur.


Denn auch sonst ist vieles anders, sogar gespenstisch. Abends sitzt man einzeln im Restaurant am Tisch, es ist stiller als nach einem Begräbnis. Und auch in der Hausbar gibt es kein Bier vom Fass, weil es die Wirtin vermieden hat, Fässer zu bestellen, weil es sonst ja gar keine Touristen gibt.

Ahnte Lisa Theresa Hauser schon etwas?
Beim morgendlichen Spaziergang über den vereisten Antholzer See trifft man niemanden, die Gastbetriebe am gegenüberliegenden Ufer müssen gesperrt bleiben, allein ein grimmiger Hund bellt mich hinter einer Glaswand an. Auf dem Rückweg – wo sich sonst Fans zu Hundertschaften tummelten – begegne ich nur Lucie Charvatova, der tschechischen Athletin, die im letzten Jahr hier im Sprint die Weltmeisterschafts-Bronzene gewonnen hatte. Ein kurzer Gruß – das war’s. Sonst keine Seele am Weg.

Vor der Moderation dann halte ich mich nur noch kurz am Parkplatz auf, wo die Athleten eintrudeln. Alle brav mit Maske, alle irgendwie schon im Tunnel. Man kann nur ein paar Wortfetzen mitbekommen, wo man sonst auch ein netteres Gespräch führen konnte. Lächelnd zieht Federica Sanfilippo vorbei, Selina Gasparin schickt sogar ein nettes Hallo herüber, Lisa Theresa Hauser und Dunja Zdouc halten sogar einen Augenblick inne, haben einen lockeren Spruch. Ein gutes Omen schon? Spürte Hauser da schon etwas? Nur die heute für Korea startende Anna Boulygina hat Zeit für ein paar Sätze, dann verschwindet auch sie in den Katakomben.

Dort wo normal bis zu 15.000 Zuschauer stehen, schmücken Papptafeln die leeren Ränge. © APA/afp / MARCO BERTORELLO


Trotzdem steigern wir uns in die Moderation hinein, wenn es dann los geht. Ein Kribbeln geht trotz allem durch uns. Gewisse Situationen kenne ich ja schon von verschiedenen Italienpokalrennen, wo auch kaum Zuseher da sind. Und für die Mitarbeiter im Stadion und auf der Strecke, für Techniker und Trainer und wahrscheinlich auch für die Athleten selbst sind nette Worte aus der Sprecherkabine Labsal. Dieser Meinung ist auch mein Sprecherkollege Günther Leitgeb, und so moderieren wir beide im Wettkampfmodus, unterstützt durch die Burschen von Soundlights, die die passende Musik ausgesucht haben. Wir begleiten den historischen Triumph von Lisa Theresa Hauser, freuen uns über die tolle Leistung von Marion Deigentesch und jubeln mit der kleinen Polin Anna Maka. Und für Gabriele Lescinskaite habe ich mir sogar ein paar Grußworte aus Litauen schicken lassen. Ist angekommen, wenn ich an das lächelnde Gesicht der schlanken Biathleten im Ziel denke.

Der erste Tag ist geschafft. Es war in der abnormen Situation fast Normalität. Weil wir zufrieden sein sollten, dass Sport überhaupt stattfinden kann. Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen. Mit Herzblut, wie immer. Und trotzdem wünschen wir uns, dass es 2022 wieder eine Rückkehr zur Normalität geben kann.


Autor: lm

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