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Die umstrittene Persönlichkeit Alexander Loginov ist seit jeher auf ausländischen Material unterwegs. © Manzoni/IBU / Manzoni/IBU

„Es ist krank“: So steht es um Russlands Wintersport

Angesichts des Angriffskriegs gegen die Ukraine bleibt der Ausschluss der russischen Wintersportler von internationalen Wettkämpfen auf unbestimmte Zeit bestehen. Westliche Skiausrüster haben ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Verband beendet, Stars wie Alexander Bolshunov stehen nun ohne Material da – ein Problem? Russland will mit eigenen Skiern den Westen die Stirn bieten.

Während Ukrainische Biathleten sich der Armee zur Heimatverteidigung angeschlossen haben, waren die Russischen Olympia-Medaillengewinner bei einer Propaganda-Show des Präsidenten Vladimir Putin im Moskauer Luzhniki Stadion dabei. Russlands erfolgreiche Olympia-Helden trugen stolz das Kriegszeichen „Z“ auf ihren Jacken und strahlten mit hochrangigen Politikern um die Wette. Mit dabei war unter anderem Langlauf-Olympiasieger Alexander Bolshunov.


Der schwedische Biathlon-Star Sebastian Samuelsson rätselte, was genau hinter dem Auftritt steckte. „Ich frage mich, ob sie dazu gezwungen wurden, oder ob sie wirklich so dumm sind. In jedem Fall ist es krank“, sagte er gegenüber „Aftonbladet“. Auch der norwegische Biathlet Sturla Holm Laegreid stimmte zu: „Das ist total krank. Das weckt Erinnerungen an 1938 in Deutschland. Es ist ekelhaft, dass die Welt wieder so geworden ist.“ Bereits zuvor hatte Bolshunov auf seinem Instagram-Account ein Foto von sich in einem alten Rennanzug aus Zeiten der Sowjetunion mit dem Titel: „CCCP 1980“ gepostet. CCCP ist eine Abkürzung für die gemeinsame Sowjet-Union, was die Ukraine beinhalten würde. 1980 war hingegen das Jahr als Russland in Afghanistan einmarschiert ist und die Olympischen Spiele in Moskau von den USA boykottiert wurden.

Bolshunov (links) bei der Propaganda Inszenierung von Putin. © IMAGO / Pavel Bednyakov

Der Post, den er schnell wieder löschte, und die Teilnahme an der Propaganda-Show hat für Bolshunov nun konkrete Folgen: Sein französischer Skiausrüster Rossignol hat auf Anhieb die Zusammenarbeit mit dem Langlauf-Star eingestellt. Sein Trainer Jurij Borodavko kommentierte den Vorfall so: „Kein Problem, Sasha (Bolshunov) hatte gerade eine Menge neuer Ski bekommen, damit kommt er eine Weile über die Runden“. Auch andere Partner wie Swix (Stock-Ausrüster) oder der deutscher Handschuh-Ausrüster Kinetixx kündigten den Vertrag.

Bei Alexander Bolshunov sind die meisten Partner weg! © Nordic Focus

Bolshunovs Aktionen ernteten viel Kritik in der Szene: „Ich war schockiert, als ich das gesehen habe – und auch wieder nicht. Ich nehme so stark Abstand davon, dass ich es nicht schaffe, mich dazu zu äußern, ich bin richtig wütend“, so die Langlauf Gesamtweltcupsiegerin Therese Johaug. FIS Renn-Direktor Pierre Mignerey schätzte die Situation politisch ein: „Eine Distanzierung von Putin kann schwere Konsequenzen für namhafte Sportler haben. Sie würden Schwierigkeiten mit den Behörden bekommen und die Leistungssport-Karriere riskieren. Dann müsste er möglicherweise sein Land verlassen, oder Schlimmeres“, sagte Mignerey gegenüber NRK. „Es wäre gut zu wissen, ob sie die Wahl hatten, die Möglichkeit, NEIN zu sagen. Therese ist in Norwegen geboren, ich in Frankreich, wir sind in Ländern geboren, in denen wir auch öffentlich unsere freie Meinung sagen dürfen“, findet der Mignerey.
Russlands Sportler im Zwiespalt
Klar ist hingegen die Position von Newcomerin Veronika Stepanova. Sie führte bei Olympia die russische Staffel zu Gold und bekannte sich in den sozialen Netzwerken öffentlich zu Putin: „Ich habe mich persönlich mit ihm austauschen dürfen, Putin ist ein großer Befürworter unseres Sportes, durch ihn ist unser Land wieder groß und stark geworden. Mit großem Stolz habe ich die Auszeichnung des Kremls in Empfang genommen, ich werde weiterhin versuchen mein Land zu ehren“, schrieb die 21-Jährige.

Veronika Stepanova bekennt sich klar für Putin und versteht den Westen nicht. © Nordic Focus

Ob die Russen im nächsten Winter im Weltcup antreten dürfen, ist noch völlig unklar. Die Sperre gilt momentan bis September und soll dann neu bewertet werden. Es wäre ein herber Rückschlag für Putins Propaganda. In Russland zählt Skilanglauf zu den beliebtesten Sportarten, einen normalen Weltcup verfolgen im Schnitt 1,5 Millionen Russen vor dem Fernseher. Mittlerweile haben die Meisten Skifirmen ihre Zusammenarbeit mit Russland beendet. Mitglieder des Amer-Sport-Konzerns Atomic und Salomon hätte bestehende Verträge mit einzelnen Athleten noch nicht gekündigt, würden im Moment aber kein neues Material ausliefern und den Verlauf der Situation genau beobachten, erklärt Global PR Manager Denis Dietrich.
Steht Russland künftig ohne Ausrüstung da?
Der Vorsitzende des russischen Biathlon-Verbands Viktor Maigurov findet die Ausbootung der russischen Biathleten demütigend und schlug Alarm, in Russland mangelt es künftig an Spitzen-Ausrüstung. Nun will er die Ausrüstung für seine Sportler schleunigst verbessern. Maigurov verwies zwar darauf, dass der Verband schon in der vergangenen Saison „positive Erfahrung“ mit der Nutzung einheimischer Materialien gemacht habe und die Biathleten bei Olympia einige Medaillen mit Produkten russischer Hersteller gewonnen hätten.

Dennoch ist auch Maigurov klar: „Die Entwicklung von Geräten der Eliteklasse wird wohl Dutzende von Jahren dauern.“ Bedeutend selbstsicherer gab sich Russlands einziger Ski-Hersteller „STC“, der bisher hauptsächlich Einsteiger- und Kindermodelle produziert hat: „Schon in Kürze werden wir unsere Produktion umstellen und unseren Athleten die besten Skier zur Verfügung stellen!“

Werden die Russen bei einer Rückkehr in den Weltcup ohne westliches Material auskommen müssen? © APA/afp / CHRISTOF STACHE

Mit ausländischen Herstellern wolle der Verband die Beziehungen nicht abbrechen, betonte der ehemalige Biathlet, es werde nach Wegen gesucht, um unter den neuen Umständen trotzdem weiterhin zusammenzuarbeiten. Der führende Skihersteller im Nordischen Sport Fischer wird seine Tätigkeit in Russland wohl nicht wiederaufnehmen. Erst 2020 wurde das abgebrannte Fischer-Werk in der westukrainischen Stadt Mukachevo neu aufgebaut, mehrere Tausend Mitarbeiter produzieren an die zwei Millionen Skier im Jahr. Der Produktions-Stopp der größten europäischen Ski-Produktion könnte zudem Auswirkungen auf die globale Verfügbarkeit von Skiern haben.

Russlands Verband hat jüngst einen eigenen Biathlon-Weltcup für russische und belarussische Athleten mit sechs Stationen geplant. Ein weiterer Schlag für Russlands Wintersport könnte demnächst folgen, nach dem Verlust der Staffel-Medaille der Biathlon-Frauen von Sochi 2014 hat die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) weitere 17 Verfahren gegen russische Sportler eröffnet.

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