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Biathlon-Funktionär Klaus Höllrigl bei sich zuhause in Latsch. © SN

Italiens Biathlon-Chef: „Das Geld darf keine Ausrede mehr sein“

Seit einem halben Jahr ist Klaus Höllrigl der höchste Biathlonfunktionär Italiens. Er soll die Azzurri bis zu den Olympischen Wettkämpfen in Antholz medaillenreif machen, zugleich aber auch unmittelbare Erfolgsgeschichten schreiben. SportNews hat sich mit dem Vinschger getroffen, um über diesen schwierigen Spagat zu sprechen. Dabei hat sich ein Gespräch entwickelt, in dem er tiefe Einblicke gewährte – sportlich und privat. Ein Protokoll.

Von:
Alexander Foppa

Es ist früher Nachmittag, wenige Stunden vor Klaus Höllrigls Abreise nach Kontiolahti, wo an diesem Dienstag die Weltcupsaison beginnt, als ich an seiner Haustür klingle. Er wohnt seit wenigen Jahren am Ortsrand von Latsch, umgeben von Apfelbäumen. „Ich lebe mitten im Grünen und doch im Dorf. Hier fühle ich mich wohl“, sagt er. Der Technische Direktor Biathlon des italienischen Wintersportverbands, so seine offizielle Bezeichnung, führt mich in die sonnendurchflutete Küche. „Ich bin froh, dass es endlich losgeht“, gesteht er.


Gemeint ist der Start in den Weltcup-Winter und zugleich der Auftakt in ein neues Abenteuer. Der 42-Jährige sprüht vor Vorfreude: „Ich habe ein richtig gutes Gefühl. Wir wollten im Sommer Teamspirit aufbauen, das Niveau der Jungen anheben und die arrivierten Athleten in Topform bringen. Ich denke, das haben wir geschafft. Mal sehen, ob mir die ersten Rennen recht geben.“ Höllrigl wurde mit dem Fernziel Olympia 2026 engagiert, er weiß aber ganz genau: In seiner Funktion wird man immer und immer wieder an Ergebnissen gemessen. Mit entschlossenem Blick sagt er: „Wir brauchen nicht erst im Jahr 2026 Erfolge, sondern auch auf dem Weg dorthin.“

Höllrigl will „die Lücke“ schließen

Für letztere sollen Dorothea Wierer (32 Jahre) und der zurzeit verletzte Lukas Hofer (33) sorgen. Dahinter klafft aber noch eine große Lücke. „Das wissen wir“, sagt Höllrigl, dem das näher rückende Karriereende bei den beiden Vorzeigeathleten aber keinesfalls die Sorgenfalten in die Stirn treibt. Während er die Mokka-Kanne von der Herdplatte nimmt und uns heißen Kaffee aufschenkt, fährt er aus: „Der Vorteil: Wir sind nicht von einem Talent abhängig, sondern haben eine ganze Reihe an Athleten, die um die 20 Jahre jung sind, die es ganz nach oben schaffen können. So etwas gab es bei uns noch nie. Sie sind nicht nur sportlich richtig gut, sondern bringen auch Motivation, Ehrgeiz und den nötigen Killerinstinkt mit, den man im Biathlon benötigt.“

Klaus Höllrigl ist ein ehemaliger Athlet und Trainer, in erster Linie aber ein Familienmensch. © SN


Dabei denkt er an die drei Antholzerinnen Hannah Auchentaller, Rebecca Passler und Linda Zingerle, „die sich auf einem Niveau bewegen und sich gegenseitig pushen“, aber auch an die beiden weiteren Südtiroler Patrick Braunhofer und David Zingerle. Ihnen soll die nötige Zeit gegeben werden, um sich im Weltcup zu beweisen.
„Ich habe Doro vorher nicht um ihre Meinung gefragt.“ Klaus Höllrigl über die Cheftrainer-Wahl

Die Aufgabe, diese Athleten nach oben zu führen, vertraut Höllrigl dem neuen Cheftrainer Alexander Inderst an. Seine Nominierung war die erste wichtige Amtshandlung des neuen Biatlon-Chefs. „Ich habe mich für Alex entschieden, weil er in Italien der größte Fachmann in dieser komplexen Sportart ist.“ Mit diesem Entschluss wurde zugleich Superstar Dorothea Wierer zum Weitermachen getrieben, hatte diese ihr Karriereende doch an die Wahl des neuen Cheftrainers gekoppelt. Dennoch beteuert Höllrigl: „Ich habe Doro vorher nicht um ihre Meinung gefragt.“ Sehr wohl habe er aber gewusst, was Italiens beste Biathletin aller Zeiten benötigt, um noch „ein paar erfolgreiche Jahre“ dranzuhängen.

Italien ist kein Biathlonzwerg mehr

Höllrigls Worte wirken gut überlegt, ihm rutschen keine halben Sätze über die Zunge. Angesprochen auf die Unterstützung von oben, sprich den Entscheidungsträgern in Italiens Sportwelt, schweift sein Blick durchs Küchenfenster in den sonnigen Garten. „Ich darf nicht jammern.“ Nach einer kurzen Pause erklärt er: „Das meine ich ehrlich. Besonders finanziell hat sich die letzten Jahre viel getan. Wir können hier nicht groß rumklotzen. Aber ich muss schon sagen: Wir konnten alle unsere Vorhaben realisieren. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, was wir die letzten Monate mit mehr Geld anders machen hätten können.“ Besonders ins Material habe man viel investiert und so alle Voraussetzungen geschaffen, um mit den Besten konkurrieren zu können. „Überhaupt“, sagt Höllrigl, „darf Geld keine Ausrede mehr sein.“ Früher sei man in Sachen Budget weit hinterhergehinkt, doch mittlerweile sei Italien längst kein Biathlonzwerg mehr.

Klaus Höllrigl (r.) mit dem langjährigen und ehemaligen Cheftrainer Andreas Zingerle (l.).


Ihren Status und zugleich ihre Ansprüche wollen die Azzurri bereits in Kontiolahti untermauern. Für Höllrigl bedeutet der Saisonauftakt im hohen Norden zugleich, Abschied nehmen von seiner Familie. „Biathlon ist mein Leben. Diese Leidenschaft hatte ich schon als Athlet und als Trainer, sie ist mit der Zeit nur noch größer geworden. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt zu differenzieren: Eines sind sportliche Erfolge und Misserfolge, was aber wirklich wichtig ist, ist die Familie.“ Und die sieht der Ehemann und zweifache Vater nur rund 150 Tage im Jahr. „Die andere Zeit bin ich auf Reisen. Klar ist meine Abwesenheit eine Belastung für die Familie. Meine Frau hat da vieles auf sich genommen, besonders als die Kinder kleiner waren. Ihr und auch meinen Töchtern bin ich ewig dankbar.“

Als er diese Einblicke ins Familienleben gewährt, stehen wir bereits im Hausflur. Rund eine Stunde lang haben wir uns über den Biathlonsport und Themen, die weit darüber hinausgehen, unterhalten. Für mich ist es an der Zeit, mich zu verabschieden. Höllrigl dagegen wird die letzten Stunden mit seinen Liebsten genießen, bevor der Flieger Richtung Finnland geht und für ihn ein neuer (Lebens-)Abschnitt beginnt.

Zur Person

PrivatKlaus Höllrigl ist 42 Jahre alt, stammt aus Goldrain und ist in Latsch wohnhaft. Dort lebt er mit seiner Ehefrau Claudia und den beiden Töchtern Johanna (9 Jahre) und Maria (6).
HobbysKlettern und Fußballschauen. Er ist Juventus-Sympathisant und eingefleischter Fan von Arminia Bielefeld. Mehrfach hat er den deutschen Zweitligisten bereits im Stadion die Daumen gedrückt. Zuhause schaut er regelmäßig auf den Fußballplätzen in Latsch, Goldrain und Naturns vorbei.
BerufNach der Matura an der Sportoberschule in Mals wurde Höllrigl zum Biathlonprofi, beendete nach zwei WM-Teilnahmen, mehreren Weltcupstarts und einem Italienmeistertitel aber mit 28 Jahren seine Karriere. Später arbeitete er als Sportlehrer und kehrte dann als Trainer ins Biathlon-Nationalteam zurück. Seit Mai 2022 ist er Technischer Direktor Biathlon im italienischen Wintersportverband.

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