
Tommaso Giacomel gibt sich im SportNews-Interview sehr nachdenklich. © SN
Italiens Star-Biathlet zweifelt: „Bin ich gut genug für den Weltcup?“
Nach Herz-OP, schwerem Sturz und einer langen Zwangspause kämpft sich Biathlet Tommaso Giacomel zurück in den Weltcup. Mit uns spricht der 26-Jährige offen über eine dunkle Zeit, große Zweifel und einen besonderen Winter ohne Ziele.
03. Oktober 2026

Von:
Alexander Foppa
Der 20. Februar 2026 hat sich im Gedächtnis von Tommaso Giacomel tief eingebrannt. An jenem Freitagnachmittag war er ganz oben: den Gesamtweltcup in Reichweite, eine Olympia-Bronzene schon in der Tasche – und gerade drauf und dran, im Massenstart zu Gold zu laufen. Doch dann kam der Schock. Der Trentiner Star-Biathlet brach in der Antholzer Olympia-Loipe zusammen.
Es sollte nicht nur das Ende seiner Medaillenjagd sein, „meine Saison war an jenem 20. Februar de facto beendet“, erinnert sich der Trentiner zurück. Bei ihm wurden Impulsstörungen in den Herzvorhöfen diagnostiziert, wenige Tage später folgte ein operativer Eingriff. Doch damit nicht genug. Als sich Giacomel gerade wieder zurückgekämpft hatte, folgte der nächste Schock: Im Radtraining wurde ihm ein Stück feuchtes Moos auf der Straße zum Verhängnis, er rutschte aus und zog sich beim Sturz eine Schulterverletzung zu. „Ich glaube, in der Phase hätte ich mich sogar beim Schachspielen verletzt – einfach eine unglückliche Zeit“, sagt er heute schmunzelnd.
Freundin und Familie haben geholfen
In Wirklichkeit aber war es für ihn eine dunkle Zeit, in der er mental schwer angeschlagen war. Im SportNews-Gespräch sagt er: „Zunächst die Herz-OP, dann der Sturz. Es kam vieles, zu vieles zusammen.“ Giacomel ist ein Sportler, der unheimlich viel von sich selbst verlangt, zugleich aber auch große Zweifel mit sich trägt. „Plötzlich war da eine Leere. Ich war ungewohnt viel Zeit zu Hause, dort hatte ich zum Glück meine Freundin und meine Familie. Sie haben mir in der Zeit enorm geholfen. Aber ich bin ehrlich: Lieber hätte ich diese Zeit in der Loipe verbracht“, sagt er augenzwinkernd.Tommaso Giacomel und seine Freundin Elisa haben die gemeinsame Zeit genossen. © Instagram/tommy_giacomel
Giacomel hat das vergangene halbe Jahr versucht abzuschalten, sich abzulenken – und neue Kraft zu tanken. Er war mit seiner Freundin Elisa im Urlaub, schaute beim Tennisturnier in Madrid vorbei, traf Kimi Antonelli beim Formel-1-Rennen in Ungarn und er war viel auf dem Rennrad unterwegs. Aber das sei nicht mit einer normalen Saisonvorbereitung vergleichbar, so Giacomel. „Ich habe brutal viel Training verpasst, mir fehlen zwei komplette Monate.“
„Ich stehe bei 60 Prozent.“ Tommaso Giacomel
Der 26-Jährige aus dem Primiero-Tal ist mittlerweile komplett schmerzfrei und zurück im gewohnten Mannschaftsgefüge, jedoch gab es auch jüngst immer wieder Rückschläge. „Das spielt sich im Kopf ab. Ich hatte gehofft, schnell zu alter Form zu finden. Doch ich musste einsehen, dass es unmöglich ist. Jetzt stehe ich bei 60 Prozent.“ Er sagt, er habe aktuell gar keine Ziele, „für mich wird die Saison ein Schritt ins Ungewisse.“
Ohne Ziele, aber mit viel Elan wird Tommaso Giacomel in den Weltcup-Winter starten. © APA / GEORG HOCHMUTH
Giacomel muss erst wieder seinen Körper in Einklang bringen, Kondition aufbauen, den Rhythmus finden. „Es wird ein schwieriger Winter“, prognostiziert Italiens bester Biathlet: „Die Zeit, die ich verloren habe, kann ich nicht aufholen. Ich weiß nicht, ob ich für den Weltcup gut genug bin.“ Mit Aussagen wie diesen versucht Giacomel nicht, Druck von sich zu nehmen. Es scheint, als wäre er wirklich auf der Suche nach sich selbst.
Ein Satz, der Hoffnung macht
Am Ende des Gesprächs entwischt dem Star-Biathleten, der bei Kontrahenten und Mitstreitern aufgrund seiner natürlichen Art äußerst beliebt ist, dann aber doch ein Satz, der den Fans Hoffnung machen dürfte. „Vielleicht bin ich in zwei Monaten ja doch wieder ganz der Alte.“ In rund zwei Monaten, vom 26. bis 29. November, steigt die große Weltcup-Eröffnung im finnischen Kontiolahti. Nur so viel steht fest: Tommaso Giacomel wird wieder angreifen.Profil bearbeiten
Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.



Kommentare (0)