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Biathlon: Ex-Weltmeister Simon Schempp hat am Donnerstag seine Karriere beendet. © AFP / FRANCK FIFE

Sigi`s Spitzen | Der leise Abschied des Simon Schempp

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol – und befüllt seit einiger Zeit seine eigene SportNews-Rubrik. Heute geht es um den deutschen Biathleten Simon Schempp, der seine Karriere etwas überraschend am Donnerstag beendete.

Sigi Heinrich

Die erste Analyse mag sich angefühlt haben wie ein Faustschlag in die Magengrube, der einem die Luft nimmt. Dabei war es bei Simon Schempp in Oberhof nicht so sehr das Resultat beim Sprint, das ihm zu denken gegeben haben mag, sondern vielmehr die brutale Erkenntnis, dass er in der Loipe nicht mehr wettbewerbsfähig ist. Die nackten Zahlen seines einzigen Wettkampfes in dieser Saison belegen das schonungslos. Der 58. Platz kam mit nur einem Schießfehler zustande. Die reine Laufzeit war der eigentliche Schock. Platz 73. Simon Schempp war am Ende.


Jetzt hat er von sich aus einen Schlussstrich unter seine Karriere gezogen. Er fühlt sich nicht mehr in der Lage, das Ruder noch herumzureißen. Aus, vorbei. Den Biathleten Simon Schempp gibt es ab sofort nicht mehr. Wir haben gemeinsam im Sommer einen Podcast gedreht. Arnd Peiffer war auch dabei und wir haben ausgemacht, dass wir uns auf jeden Fall noch mal bei den Olympischen Spielen in Peking 2022 treffen werden. Vielleicht hat Schempp damals schon in sich Zweifel gespürt. Wer weiß das schon. Träume müssen schließlich leben.

Schempp lieferte sich einige packende Duelle mit Fourcade. © APA / HELMUT FOHRINGER

Das braucht ein Simon Schempp nicht
Aber er versäumte bereits die Weltmeisterschaften in Östersund (Schweden) und Antholz (Italien). Und für die Titelkämpfe in Slowenien, die am 10. Februar beginnen (alle Rennen live bei Eurosport), fehlte auch jede noch so kleine Qualifikation. Er ist nicht mehr im Team und verpasste ja schon die interne Qualifikation vor dieser Saison. Und ehrlich: Ich kann mir Simon Schempp auch nicht im IBU-Cup vorstellen oder bei einer Europameisterschaft. Bei Wettkämpfen der zweiten Garnitur hinter dem Weltcup, die vor allem ein Aufgalopp der Talente sein sollen. Das braucht ein Simon Schempp nun wirklich nicht. Das muss er sich nicht mehr antun, und das hat der 32-Jährige wohl auch so gesehen.
Eine Zäsur für den DSV
Und ja, es ist eine kleine Zäsur für das deutsche Biathlon. Und ja, es stimmt auch mich ein wenig traurig, schließlich habe ich jedes Rennen von ihm kommentiert. Sogar schon die Juniorenweltmeisterschaften 2008 in Ruhpolding, wo er mit der Staffel eine Bronzemedaille gewann. Auch wenn er zuletzt schon nicht mehr dabei war, so war er doch immer allgegenwärtig, denn Biathlon in Deutschland in den letzten zehn Jahren war klar auch mit Simon Schempp verbunden. Er galt als überragendes Talent, viele zogen Vergleiche mit Ole-Einar Björndalen oder Martin Fourcade. Er habe, so hieß es vielfach auch bei den internationalen Kollegen, die Fähigkeiten, eine ähnlich dominierende Rolle zu spielen wie diese beiden prägenden Biathleten ihrer Epoche.

Gerne erinnere ich mich etwa an den Massenstart bei den Olympischen Spielen in Pyoengchang, als Simon Schempp im Zielsprint nur hauchdünn von Fourcade geschlagen wurde. Der Franzose ärgerte sich zunächst, weil er dachte, er habe Gold verloren. Das Zielfoto entschied letztlich doch zu seinen Gunsten und Simon Schempp? Der nahm das überragend sportlich hin. „Ich habe wohl zu kleine Füße“, meinte er lächelnd. 14 Zentimeter lag Fourcade vor ihm nach 15 Kilometern.

Simon Schempp galt als Antholz-Spezialist. © AFP / VINCENZO PINTO


Der Wahl-Ruhpoldinger Simon Schempp war keiner, der auf die Pauke schlägt. Er bevorzugte stets die leisen Töne. Er hat es auch nie nach außen getragen, wenn sich sein Körper immer wieder mal gegen die hohen Anforderungen des Spitzensports stemmte. Dabei waren es nicht so sehr muskuläre Verletzungen, die ihn bremsten. Er war mitunter einfach ausgepowert, müde, ohne Energie. Vielleicht hätte man dieses große Talent sensibler und noch viel mehr auf ihn persönlich bezogen all die Jahre trainieren und betreuen müssen. Vielleicht hat er aber auch so manche Pause, die man ihm gönnen wollte, einfach ignoriert, denn Simon Schempp war eben auch einer, der gerne und viel trainierte. Möglicherweise manchmal zu viel.

Er ist jetzt der erste der vier Musketiere, der aus dem Sattel steigt. Das ist auch eine neue Situation für seine ehemaligen Kollegen und Freunde Arnd Peiffer, Erik Lesser und Benedikt Doll. Ganz auf Biathlon muss Simon Schempp freilich nicht verzichten. Seine Lebensgefährtin, Franziska Preuss, ist eine Medaillenkandidatin bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft. Aber Vorsicht Simon: Daumendrücken kann auch ziemlich anstrengend sein.

Autor: sigi heinrich

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