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Biathlon-Queen Dorothea Wierer blickt auf die vergangene Saison zurück. © AFP / MARCO BERTORELLO

Sticheleien, verflixte Schießen & Resümee: Jetzt spricht Wierer

Dorothea Wierer hat eine Saison mit Höhen und Tiefen hinter sich. Im großen Interview mit SportNews lässt sie den Winter Revue passieren und spricht dabei unter anderem über ihre Bilanz, ärgerliche Erinnerungen, Sticheleien aus dem norwegischen Biathlon-Lager und ihr neuestes „Projekt“.

Dorothea Wierer hat einen wechselhaften Winter hinter sich. An die Form der vergangenen beiden Jahre, als sie zwei Mal den Gesamtweltcup gewann, konnte sie zwar nicht anknüpfen, trotzdem stehen ihr am Ende ein Sieg, vier weitere Podestplätze und die kleine Kristallkugel im Einzel zu Buche. Das spricht für die Klasse der bald 31-Jährigen, die sich nach Saisonende für ein ausführliches SportNews-Interview Zeit genommen hat.



Dorothea Wierer, schade eigentlich, dass die Saison zu Ende ist, oder?

„Einerseits ist es schade, weil ich erst jetzt gut in Form gekommen bin, andererseits merkt man schon, dass man seit November unterwegs ist. Auch mental ist es zach geworden, weil wir immer in unserer Blase waren und nur zwischen Hotel und Rennstrecke umhergependelt sind.“


Wie fällt Ihr Saisonfazit aus?

„Es geht so. Einerseits stimmt mich das Endergebnis (Platz 5 im Gesamtweltcup, Anm. d. Red.) positiv, weil ich nun seit sechs Jahren immer in den Top 5 bin. Das heißt, dass ich sehr konstant war. Andererseits: Wenn man es gewohnt ist, immer zu gewinnen, kann man nicht rundum zufrieden sein. Ein fünfter Platz im Gesamtweltcup ist nicht schlecht, aber ich habe mir mehr erwartet, vor allem vom Saisonbeginn, wo ich müde war. Ich habe mich im Herbst mit dem Training und den Terminen etwas übernommen und zu wenig auf den Körper gehört, mir nicht die nötigen Pausen genommen. Das hat sich ausgewirkt.“

Gemeinsam mit der Österreicherin Lisa Theresa Hauser (links) gewann Dorothea Wierer die kleine Kristallkugel im Einzel. © TT News Agency / ANDERS WIKLUND



Was war heuer anders als in den letzten beiden Jahren, in denen Sie jeweils den Gesamtweltcup gewonnen haben?

„Auf der einen Seite hat es heuer mehr Athletinnen gegeben, die eine gewisse Konstanz hatten und ganz vorne mitgemischt haben. Andererseits war ich nicht zu 100 Prozent auf der Höhe. Und wenn man das nicht ist, dann kann man sich nicht erwarten, zu gewinnen. Dafür ist das Niveau einfach zu hoch.“


Das wohl dramatischste Ereignis hat sich heuer bei der WM auf der Pokljuka zugetragen, als Sie in der Single-Mixed-Staffel auf dem Weg zu einer Medaille waren, die allerletzte Scheibe aber einfach nicht fallen wollte

„Das geht mir brutal auf die Nerven, es war wie verhext. Wenn ich jetzt zurückschaue, denke ich mir: Wie kann das sein, dass ich diese Serie nicht zubekommen habe? Auf dem Schießstand kriegt man da plötzlich Stress, und mit Stress geht gar nichts mehr. Ich habe aber auch mit anderen Athleten gesprochen, die sagten, dass so etwas schon Biathleten wie Ole Einar Bjørndalen oder Michael Greis passiert ist, auch bei wichtigen Ereignissen wie der WM. Trotzdem ist es bitter.“

In der Single-Mixed-Staffel kam es für Wierer (links) und Lukas Hofer zu dramatischen Szenen. © AFP / JOE KLAMAR


Hinterlässt so ein Ereignis Spuren in Ihrem Kopf?

„Im ersten Staffelrennen nach der Weltmeisterschaft habe ich beim vierten Schuss kurz gestockt. Da dachte ich mir: Bitte, mach die Serie einfach nur zu. Ich habe getroffen und war froh. Aber wenn so etwas öfters passiert, dann kann es wirklich zum psychologischen Problem werden und man kann mitunter auch Angst vor dem Schießstand bekommen.“

„Ich habe mich schon ein bisschen geschämt.“
Dorothea Wierer

Auch beim letzten Saisonrennen sorgte eine Szene für Aufsehen: In der Wind-Lotterie des Östersund-Massenstarts haben Sie über zwei Minuten am Schießstand verbracht.

„Ich habe den Rekord für die längste Schießeinlage in den letzten Jahren aufgestellt (lacht). Ich habe mich zum Schießen hingestellt und es hat wegen des starken Windes einfach nur gewackelt. Mein Ziel war es, zu treffen und nicht einfach nur die Schüsse hinzuwerfen, egal wie viele Strafrunden es kostet. Die ersten anderthalb Minuten sind wie im Flug vergangen, irgendwann habe ich mir aber gesagt: 'Doro, du weißt schon, dass alle anderen schon fertig geschossen haben!' Dann habe ich einfach drauflosgeschossen. Ich habe mich für diese Szene schon ein bisschen geschämt und mich gefragt: Was denkt sich mein Trainer Andreas Zingerle jetzt von mir?“

Wierer nimmt Maß: Die Rasnerin zählt zu den besten Biathletinnen der Welt. © Biathlon Antholz



Im kommenden Winter stehen die Olympischen Spiele an. Wird es Ihre letzte Saison werden?


„Über das denke ich gar nicht nach. Wenn ich jetzt sage, das wird meine letzte Saison, dann mache ich mir unnötig Druck und verbrauche unnötig Energien. Ich will mit dem Gedanken starten, dass ich noch zehn Saisonen vor mir habe. Wenn ich dann am Ende des Winters stuff sein sollte, dann lasse ich es. Mich zwingt ja niemand.“

„Ich finde es ein bisschen übertrieben, aber solche Sachen sind besser zu ignorieren.“
Wierer über Sticheleien

Themawechsel: In den letzten Tagen gab es Sticheleien von der Norwegerin Ingrid Landmark Tandrevold, die gesagt hat, dass sie in der Loipe absichtlich von zwei Azzurre behindert worden sei.

„Vielleicht hat sie etwas Aufmerksamkeit gewollt. Diese Aktion hat sich jedenfalls bei einem Anstieg ereignet, wir sind nebeneinander alle im gleichen Tempo gelaufen. Da können wir nicht anhalten und sie vorbeilassen, wenn wir nicht einmal wissen, ob sie überhaupt schneller ist. Ich finde es ein bisschen übertrieben, aber solche Sachen sind besser zu ignorieren.“


Noch eine private Frage: In Cavalese haben Sie sich mit ihrem Mann Stefano ein neues Haus zugelegt, das das neue Eigenheim wird. Was darf in der Wohnung der Dorothea Wierer nicht fehlen?

„Eine Couch (lacht). Nein, es ist ein normales Haus, das ziemlich groß ist, mit einem tollen Garten. Wir sind zurzeit dabei, alles auszuräumen, Ende Mai werden dann die Umbauarbeiten beginnen. Bei der Planung helfe ich selbst ein bisschen mit, aber nicht zu viel, denn Biathlon hat nach wie vor Priorität.“


Fragen: Thomas Debelyak


Autor: det

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Kommentare (1)

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Hermann Zanier [melden]

bravo, nichts als bravo. Auch die letzte Einlage am Schießstand war einmalig: am Fernseher bin ich nicht einmal losgelaufen, sondern viermal. Ich kann es aber gut mitfühlen: man konzentriert sich auf etwas (nur keinen Fehler schießen) und übersieht den Rest, auch in Ordnung.
Was Fräulein Trandrevold anbbelangt, hätte die liebe Dorthea noch eine Rechnung offen, sie wurde von ihr bei der WM massiv behindert, aber einige Norweger sind so, auch Northug konnte es nicht lassen. Fräulein Tandrevold sollte lieber etwas auf ihre Linie aufpassen, dann würde sie wirklich schneller laufen.

26.03.2021 18:32

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