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Man wird sich daran gewöhnen müssen, dass Andreas Zingerle nicht mehr am Schießstand steht.

Wierer-Thematik, Vittozzi-Krise & Co: Andreas Zingerle zieht Resümee

Er hat Italiens Biathlon-Sport geprägt wie wohl kein anderer: Andreas Zingerle, der langjährige Trainer der Nationalmannschaft, hat zum Ende der Saison 2021/22 seinen Rücktritt erklärt. Im großen Abschiedsinterview mit SportNews spricht der 60-jährige Antholzer über seine größten Erfolge, einen möglichen Wierer-Abschied, die Formkrise von Lisa Vittozzi und die Zukunft des italienischen Biathlon-Sports.

Von:
David Lechthaler

Bereits vor zwei Jahren hatte Andreas Zingerle gesagt: „Bis zur Olympia-Saison mache ich noch weiter – dann ist aber endgültig Schluss“. Die Antholzer Biathlon-Ikone hat seinen Worten Taten folgen lassen. Seit 1979, als er mit dem Biathlon begonnen hatte, ist er diesem Sport treu geblieben – zuerst als Athlet (wobei er 4 Mal Weltmeister geworden ist) und später als Trainer. SportNews hat den Pusterer Erfolgscoach telefonisch erreicht und mit ihm ein Abschieds-Interview geführt.



Andreas Zingerle, blicken wir kurz in die Zukunft: Was werden Sie künftig am meisten vermissen?

Andreas Zingerle: „Das kann ich im Moment noch nicht sagen (lacht). Aber sicherlich wird es komisch sein, so viel Zeit zu Hause zu verbringen.“


Wie lautet denn Ihr Fazit zur abgelaufenen Saison?

„Im Großen und Ganzen war ich schon zufrieden – auch, wenn man sich bei den Weltcups oftmals sicherlich mehr erwartet hätte. Bei Olympia haben wir aber gute Resultate eingefahren (Wierer holte Bronze, Hofer einen 4. Platz und Windisch einen 5. Rang; Anm. d. Red.). Der 4. Platz von Luki Hofer in der Verfolgung war sicherlich schade. Er zeigte ein perfektes Rennen, doch für eine Medaille hätte es am Ende eben eine bessere Ausgangslage nach dem Sprint gebraucht.“


Wie sehen Sie den italienischen Biathlon-Sport für die Zukunft aufgestellt?

„Wir haben einige talentierte Athleten. Wenn man diese richtig an die Weltspitze heranführt, ist in Zukunft wieder einiges drin. Das Potential ist auf alle Fälle da, um bei der Heim-Olympiade 2026 in Antholz für Furore zu sorgen. Aber es ist noch viel Arbeit zu verrichten.“


Ein junger Athlet, der bereits in der abgelaufenen Weltcup-Saison sein Potential andeutete, war Tommaso Giacomel. Was trauen Sie Ihm zu?

„Tommaso ist stark gestartet (7. Platz in Östersund; Anm. d. Red.). Dann hatte er ein kleines Leistungstief – auch, weil er oftmals zu hohe Erwartungen hat. Aber insgesamt ist er auf einem guten Weg. Vor allem körperlich ist er für seine 22 Jahre schon extrem weit.“

Lisa Vittozzi zielte im Liegendschießen oftmals daneben. © ANSA / KIMMO BRANDT


Eine enttäuschende Saison erlebte dagegen Lisa Vittozzi: Vor allem beim Liegendschießen hatte sie oftmals Probleme: Wie kann man diese beheben?

„Wenn wir das wüssten, hätten wir sie schon längst gelöst. Wir haben wirklich alles Mögliche getan, dass Lisa im Liegendschießen wieder konstant performt. Wir haben an der Schießposition, am Atmen und an der Waffe getüftelt. Bei den Staffeln ist es meistens auch gutgegangen. Jedenfalls ist es kein technisches Problem. Vielleicht liegt das Problem auch im mentalen Bereich. Eventuell hat ihr das verlorene Duell um den Gesamtweltcup 2018/19 mit Doro Wierer einen leichten Knacks gegeben, schwer zu sagen. Aber im Sport muss man mit Niederlagen eben umgehen.“
„Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Doro weitermacht.“ Andreas Zingerle

Apropos Doro Wierer: Sie hat die Fortsetzung ihrer Karriere noch nicht bestätigt. Glauben Sie, dass Wierer weitermacht?

„Schwierig zu sagen. Mein letzter Kenntnisstand ist, dass sie jetzt mal in den Urlaub geht und danach entscheiden wird. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie weitermacht. Aber Doro wird sicherlich viele Sachen abwägen. Es kommt auch auf die Zusammenstellung des Trainerstabs und der Mannschaft an.“


Mit Dominik Windisch hat sich ein anderes langjähriges Aushängeschild dagegen bereits verabschiedet. Wie sehr schmerzt sein Rücktritt?

„Das wird man erst in den nächsten Jahren sehen. Grundsätzlich gilt es, seine Entscheidung zu akzeptieren und respektieren. Er hatte natürlich sehr viel Erfahrung auf dem Buckel. Solche Athleten können einer jungen Mannschaft immer was weitergeben.“

„Wenn sie so fleißig weiterarbeiten, können sie den Sprung nach oben schaffen.“ Andreas Zingerle über seine Kinder David und Linda


Ihre Kinder David und Linda haben bei den letzten Nachwuchs-Weltmeisterschaften ihr Potential angedeutet: Was trauen Sie ihnen zu?

„Wenn sie so fleißig weiterarbeiten, können sie den Sprung nach oben schaffen. Je näher man sich aber dann einmal die Weltspitze herangetastet hat, umso härter wird es. Das Wichtigste ist aber sowieso, dass ihnen der Sport gefällt. Sie betreiben Biathlon, weil sie es wollen und nicht weil sie es tun müssen.“


Beide nähern sich langsam dem A-Kader an: Ist es vielleicht sogar besser, dass Sie dann nicht mehr der Cheftrainer sind?

„Das sehe ich auf alle Fälle auch so. Für die Mannschaft wäre das nicht gut und insgesamt einfach keine glückliche Konstellation.“

Dorothea Wierer setzte der Heim-WM in Antholz die Krone auf. © ANSA / ANDREA SOLERO


Blicken wir noch einmal kurz zurück: Was waren die Highlights Ihrer Trainerkarriere?

„Sicherlich die ganzen Erfolge bei den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Die Krönung waren sicherlich die beiden Gesamtweltcups von Doro Wierer (2018/19 und 2019/20; Anm. d. Red.) und ihre beiden Goldmedaillen bei der WM in Antholz 2020. Ausgerechnet an dem Ort, wo man so viel Zeit in seinem Leben verbracht hat. Diese zwei Wochen waren sicherlich besonders und werden immer in Erinnerung bleiben.“







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