
Südtirols letzte große Medaillenhoffnung: Patrick Baumgartner. © FELICE CALABRO' / Felice Calabro'
Der Pusterer, der 630 Kilo übers blanke Eis steuert
Die Olympischen Spiele befinden sich auf der Zielgeraden. Doch ein heißes Eisen hat Südtirol noch im Feuer: Patrick Baumgartner will am Wochenende Großes erreichen. Wie aber tickt Italiens bester Bobpilot?
20. Februar 2026
Aus Cortina d'Ampezzo

Von:
Thomas Debelyak
In einem anderen Leben würde man Patrick Baumgartner derzeit vermutlich nicht im malerisch verschneiten Cortina d’Ampezzo finden, sondern irgendwo oben. Also mehrere Kilometer weit oben. „Früher war es immer ein Traum von mir, Flugzeugpilot zu werden“, lacht der 31-Jährige aus Pfalzen.
Pilot wurde Baumgartner am Ende tatsächlich, allerdings nicht von irgendwelchen Flugobjekten, sondern von einem Bob, der mit allem Drum und Dran mehr als eine halbe Tonne wiegt – und der mit Geschwindigkeiten von rund 150 km/h durch einen engen, kurvigen und voll vereisten Kanal braust. Was das Adrenalin-Level, was den Nervenkitzel betrifft, steht sein realisierter Traumjob dem Kindheitstraum also um nichts nach.
Patrick Baumgartner ist der Pilot des Viererbobs. © FELICE CALABRO' / Felice Calabro'
Der Modellathlet aus dem Pustertal ist Südtirols letzte Medaillenhoffnung in Cortina d'Ampezzo. Am Sonntag, dem allerletzten Wettkampftag, hat Baumgartner im Viererbob seine große Chance auf Edelmetall. Er steuerte in den Ampezzaner Dolomiten zwar schon seinen Zweierbob über die Eugenio-Monti-Bahn, doch das diente im Endeffekt mehr der Vorbereitung auf die Königsdisziplin, den Vierer. Dort ist der Pfalzner mit seiner Crew in dieser Saison als Dritter schon auf's Weltcup-Podest gefahren und hat auch in den ersten Trainings in Cortina d’Ampezzo mit herausragenden Zeiten angedeutet, dass Großes möglich ist.
Alles begann mit einem Zufall
Die Geschichte von Patrick Baumgartner beginnt in Issing, einem kleinen Ortsteil der Gemeinde Pfalzen. Eine große Bobtradition gibt es hier nicht, im Gegenteil: Der kleine Patrick war zunächst ein recht guter Skifahrer, der bis ins Jugendalter auch an Rennen teilnahm. „Mit 14 Jahren habe ich aber aufgehört, die Passion war nicht mehr so da“, erzählt Baumgartner.Patrick Baumgartner will bei Olympia für Furore sorgen © FELICE CALABRO' / Felice Calabro'
Da kam eine zufällige Begegnung gerade recht. „Mein Onkel war damals bei den Carabinieri in Bruneck stationiert und traf dort auf die Südtiroler Rodel-Größe Arnold Huber. Er trainierte zu jener Zeit die jungen Bobsportler und war auf der Suche nach Nachwuchs“, so Baumgartner. „Mein Onkel fragte mich also, ob ich das nicht mal ausprobieren möchte. Ich hätte die richtige Statur dafür. Ich bin also mal ganz spontan nach Innsbruck gereist und mit einem Bob durch den Eiskanal gefahren – und es hat mir sofort gut gefallen.“
Gut gefallen ist etwas untertrieben, denn Baumgartner war für seine neu entdeckte Leidenschaft sofort Feuer und Flamme. Schritt für Schritt arbeitete er sich nach oben, bis er schließlich zu Italiens bestem Bobpiloten wurde. Dass Baumgartner nun, mit 31 Jahren, für seinen Sport immer noch brennt, merkt man besonders dann, wenn er mit großer Begeisterung davon erzählt.
120.000 Euro für einen Bob
„Als Pilot ist man jene Figur, die die Kontrolle über den Schlitten hat. Mit zwei Seilen im Inneren kann ich den Bob lenken. Hinter mir sitzen die drei Anschieber bzw. Bremser. Am besten ist es, wenn diese Athleten rund 100 Kilogramm wiegen und dazu noch sehr explosiv und flink sind. Es ist deshalb oft der Fall, dass sie Quereinsteiger sind und aus der Leichtathletik kommen“, so Baumgartner, der sein Gefährt mit Eric Fantazzini, Robert Mircea und Lorenzo Bilotti teilt.„Auf der Bahn erreichen wir eine Geschwindigkeit von bis zu 150 km/h.“ Patrick Baumgartner
Stolze 120.000 Euro kostet ein solcher Viererbob – auch, weil alles von Hand gemacht wird. Und dann wäre da noch das Gewicht. „Das Gerät an sich wiegt 210 Kilogramm, maximal darf der Bob inklusive Crew die 630 Kilo nicht überschreiten. Um diese 630 Kilo zu erreichen, darf man auch Extra-Gewichte einbauen, denn: Je schwerer der Bob, desto schneller. Auf der Bahn erreichen wir eine Geschwindigkeit von bis zu 150 km/h“, so Baumgartner.
Der Schockmoment
Wer mal mit dem Auto auf der Autobahn so schnell gefahren ist, weiß, dass hier das kleinste Missgeschick böse Folgen haben kann. Das bekam Baumgartner vor einem Monat zu spüren, als sich sein Bob im Rennen in Altenberg bei hoher Geschwindigkeit überschlug. „Das war ein Albtraum“, sagt der Pusterer. „Beim Reinspringen am Start habe ich das linke Lenkseil weggetreten und hatte de facto keine Kontrolle mehr über den Schlitten. Man fährt also und weiß, der Bob wird sich überschlagen. Es war ein Schock, aber zum Glück ist alles glimpflich ausgegangen.“„Im Juni werde ich meine Freundin Greta heiraten.“ Patrick Baumgartner
Es war dies eine der wenigen negativen Erfahrungen in einer ansonsten sehr soliden Karriere. Eine Karriere, die nun mit den Olympischen Spielen vor der eigenen Haustür ihr großes Highlight bekommt. Doch nicht nur deshalb steht Baumgartners Jahr 2026 unter einem besonderen Stern. „Im Juni werde ich heiraten“, freut sich der 31-Jährige, der sich vor zwei Jahren an einem malerischen Strand mit seiner Langzeitfreundin Greta Passler verlobt hat. Sie ist die Schwester von Biathletin Rebecca Passler.
Glückliches Paar: Baumgartner und seine Verlobte Greta.
„Ich bin sehr froh, wie sehr sie hinter mir steht. Sie kommt oft zu meinen Rennen und nimmt – genauso wie meine Eltern – dafür schon mal acht Autostunden in Kauf“, so Baumgartner, der auch am Sonntag bei den finalen Durchgängen auf besondere Unterstützung zählen kann. Sein großes Ziel: „Eine Medaille!“ Dann würde aus dem Pfalzner Bobpiloten endgültig der Überflieger werden – und das ganz ohne Flugzeug.
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