
Aaron Kostner spricht Klartext. © APA / BARBARA GINDL
„Die Nordische Kombination wurde gekreuzigt“
Die Nachricht, dass die Nordische Kombination zur Gänze aus dem olympischen Programm gestrichen wurde, schlug am Dienstag ein wie eine Bombe. Die Enttäuschung und Fassungslosigkeit kennen bei den direkt Beteiligten keine Grenzen – so auch bei Aaron Kostner, Südtirols bestem Kombinierer.
09. Juli 2026
Von:
Leo Holzknecht
Am 19. Februar erlebte Aaron Kostner seine ganz persönliche Sternstunde. Im tief verschneiten Predazzo fand das letzte von drei NoKo-Rennen bei den Olympischen Spielen im eigenen Land statt. Der Athlet aus St. Ulrich und sein Grödner Teamkollege Samuel Costa wuchsen im Langlaufen förmlich über sich hinaus und beendeten den Teamsprint auf dem sensationellen vierten Platz. Zu jenem Zeitpunkt wusste noch keiner, dass es Kostners letzter Auftritt auf der olympischen Bühne war.
Seit Dienstag steht nämlich fest, dass die Nordische Kombination bei den Winterspielen 2030 in Frankreich nicht olympisch sein wird – zum ersten Mal seit 1924. Die einst als Königsdisziplin des Winters bezeichnete Sportart muss sich neu erfinden – und gegen den Ruin kämpfen. SportNews hat Kostner, der am Mittwoch seinen 27. Geburtstag feierte und sich zurzeit mit Italiens NoKo-Kader in Planica in einem Trainingslager befindet, telefonisch erreicht. Der Grödner spart dabei nicht mit Kritik am Internationalen Olympischen Komitee (IOC), bringt seine ganze Enttäuschung zum Ausdruck und spricht über seine persönliche Zukunft.
Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen und wie unerwartet kam sie?
„Um ehrlich zu sein, war es schon eine Überraschung. Egal, ob die nationalen Verbände, die Trainer oder Athletensprecher – alle waren positiv eingestellt und nicht nur sicher, dass die Nordische Kombination im Programm bleiben wird, sondern auch, dass die Damen in dieses aufgenommen werden. Als ich gestern von der Nachricht erfahren habe, war das schon ein ziemlich harter Schlag.“
Wie gehen Sie jetzt damit um?
„Es ist sehr schwer. Die Trainings für die kommende Saison sind schon in vollem Gange. Ich fühle besonders mit den jungen Sportlerinnen und Sportlern mit, die zehn bis 15 Jahre lang hart trainiert haben, um sich ihren olympischen Traum zu erfüllen – und diesen nun zerplatzen sehen. Ich hatte das Glück, zweimal dabei sein zu können. Sie nicht – und können nichts dafür.“
Aaron Kostner bei den Olympischen Spielen in Predazzo. © AFP / JAVIER SORIANO
Können Sie die Entscheidung nachvollziehen?
„Wir wussten, dass es angesichts der nackten Fakten kritisch werden könnte. Es ist ein Prozess, der sich in den letzten zehn Jahren abgezeichnet hat. So wurde bereits in diesem Jahr die Staffel bei Olympia abgeschafft. Pro Nation durften weniger Athleten nominiert werden. Dass die Damen vor vier Jahren vom IOC abgewiesen wurden, war ebenfalls kein positives Zeichen. Aber trotzdem wollte ich es nicht wahrhaben, dass eine über 100-jährige Geschichte einfach so ausradiert wird.“
Die IOC-Präsidentin Kirsty Coventry besuchte bei den Winterspielen in Predazzo ein Rennen und zeigte sich vom Spektakel „begeistert“. Warum wurde nun doch dagegen entschieden?
„Ja, das stimmt. Das war einer der Gründe, warum wir alle zuversichtlich waren. Viele Fans haben den Rennen beigewohnt, auch die Einschaltquoten in den USA und in Asien waren meinen Informationen zufolge sehr gut. Aber ich bin überzeugt davon, dass das IOC diesen Entschluss schon vor einem Jahrzehnt gefasst hat. Es war ganz egal, was wir getan und abgeliefert haben – die Entscheidung stand bereits fest.“
Aaron Kostner denkt über seine Zukunft nach.
Das IOC argumentiert unter anderem damit, dass die Sportart an der Reichweite von Instagram-Beiträgen gemessen wurde. Wie stehen Sie dazu?
„Diese Entwicklung halte ich für problematisch und ungerecht. Social Media existiert erst seit 15 Jahren, während diese Sportart eine über 100-jährige Tradition hat. Das IOC ist eigentlich darauf ausgerichtet, den Amateursport zu fördern. Dass im Fußball nur die U23-Nationalteams spielberechtigt sind, ist ja kein Zufall. Gleichzeitig wird jedoch genau kalkuliert, welche Einnahmen eine Disziplin einbringt. Reicht der Profit nicht aus, verliert die Sportart ihren Platz. Diese Politik steht meiner Meinung nach in starkem Kontrast zur ursprünglichen olympischen Philosophie. Darf ich noch etwas anderes ergänzen?“
Sehr gerne.
„Auch die Argumentation, dass zu wenige Länder um die Spitzenpositionen und Medaillen kämpfen, ist Schwachsinn. Bei den Langläufern gibt es sogar eine noch geringere Diversität als bei uns. Zudem bestreiten sie ja sechs Rennen und wir nur deren drei.“
Immerhin: Der italienische Wintersportverband FISI stärkt euch den Rücken. Wie sehen Sie die Zukunft der Nordischen Kombination?
„Es ist schön, dass die FISI uns ihre Unterstützung zugesichert hat. Dennoch wird es in den nächsten Jahren immer schwieriger werden. Das Ziel der Sportgruppen ist es nämlich seit jeher, Sportler und Sportlerinnen für die Olympischen Spiele vorzubereiten. Neue Talente werden nach dieser Entscheidung wohl nicht mehr aufgenommen. Und die, die bereits in der Sportgruppe sind, müssen aller Voraussicht nach bei Weltcups und Weltmeisterschaften ganz vorne mitspielen, um ihren Platz nicht zu verlieren. So fällt das ganze System auseinander.“
Aaron Kostner ist Südtirols bester Skispringer. © AFP / JAVIER SORIANO
Haben Sie sich auch Gedanken über die Fortsetzung Ihrer Karriere gemacht?
„Das ist eine andere Diskussion. Unser Sport verlangt extrem viel Einsatz – und das tagtäglich. Man muss auf vieles verzichten, viel Zeit und Geld investieren, stets auf das eigene Gewicht achten und 24 Stunden lang an den Sport denken. Ich muss zugeben, dass die Motivation jetzt kleiner geworden ist, nachdem uns das große Ziel weggenommen wurde. Ich werde diese Saison noch sicher weitermachen, weil der Weltcup-Kalender schon steht, eine WM stattfindet, das Preisgeld gesichert ist und wir im ersten Jahr noch keine großen Auswirkungen spüren werden. Für die Zukunft lasse ich mir jedoch alle Türen offen, denn ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Was passiert etwa, wenn die Rennen nicht mehr im Fernsehen ausgestrahlt werden? Wenn Veranstalter nicht mehr Rennen organisieren wollen? Dass die Nordische Kombination nämlich in ein paar Jahren wieder ins olympische Programm aufgenommen wird, ist für mich ausgeschlossen. Mit seiner Entscheidung hat das IOC die Nordische Kombination und deren über 100-jährige Geschichte gekreuzigt.“
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