S+
Alex Vinatzer freut sich auf die neue Saison. © Pentaphoto

L Ski Alpin

Alex Vinatzer freut sich auf die neue Saison. © Pentaphoto

Alex Vinatzer: „Als ob deine Freundin dich verlassen würde“

Seit vielen Jahren ist er der mit Abstand beste und erfolgreichste Slalom- und Riesentorlaufspezialist Südtirols. Alex Vinatzer hat in seiner Karriere dennoch schon viele Berg- und Talfahrten erlebt. Besonders intensiv war die letzte Saison, die beim 26-Jährigen bleibende Spuren hinterlassen hat – und auch eine Sinneswandlung zur Folge hatte.

Aus dem Sportzentrum Mulin da Coi

Von:
Leo Holzknecht

Die Olympischen Spiele sind für jeden Wintersportler das größtmögliche Ereignis. Eines, von dem man schon als kleines Kind träumt. Wo die alleinige Teilnahme unbändige Euphorie und endlose Emotionen auslösen kann. Denn über Medaillen dürfen sich nur wenige Auserwählte freuen. Alex Vinatzer hatte ein solches Edelmetall bei den letzten Winterspielen im eigenen Land schon griffbereit, als er bei der Team-Kombination als Letzter im Starthaus stand. Die von Giovanni Franzoni an ihn übergebene Führung rettete er – erdrückt vom immensen Druck – jedoch nicht ins Ziel. Infolgedessen schied er sowohl im Slalom als auch im Riesentorlauf aus.


Über diese Tage, die darauffolgenden Wochen, die mentale Erschöpfung, die ständigen Trainerwechsel und über eine neue Herangehensweise sprach Vinatzer vor seiner Abreise nach Ushuaia (Argentinien) im Sportzentrum Mulin da Coi, wo sich der Grödner im Sommer mit seinem Fitnesscoach Elia Berti auf die neue Saison vorbereitet hat.


Sie haben im Herbst 2021 Ihr erstes Riesentorlauf-Rennen im Weltcup bestritten. Vier Jahre später, zu Beginn der letzten Saison, standen Sie in Beaver Creek erstmals auf dem Podest. Hätten Sie gedacht, dass Sie es in Ihrer „zweiten“ Disziplin so weit bringen würden?

„Der Riesentorlauf hat mir schon immer gefallen. Ich glaube sogar, dass ich einmal U18-Italienmeister war. Weil es aber im Slalom so gut lief, war es schwierig, diese zweite Disziplin ins Training einzubauen. Und ich muss auch sagen, dass mir das alte Material nicht weitergeholfen hat. Seit ich auf Atomic fahre, ist es ziemlich schnell gegangen: Die ersten Punkte, Top 15, Top 5. Natürlich wird es, je weiter vorne man ist, immer schwerer. Nachdem ich im Riesentorlauf die nötige Erfahrung aber gesammelt hatte, klappte es mit dem Podest. Ich hoffe, dass es in Zukunft so weitergeht.“

Das erste Riesentorlauf-Podest holte Alex Vinatzer in Beaver Creek. © GETTY IMAGES NORTH AMERICA / CHRISTIAN PETERSEN

Das erste Riesentorlauf-Podest holte Alex Vinatzer in Beaver Creek. © GETTY IMAGES NORTH AMERICA / CHRISTIAN PETERSEN


Nach dem Jahreswechsel zeigte die Formkurve etwas nach unten, bis die bitteren Olympischen Spiele kamen. Wie schauen Sie jetzt auf diese Zeit zurück?

„Ich muss gestehen, dass es ziemlich hart war – vor allem nach Olympia. Das hat sich in den Ergebnissen der letzten Weltcup-Rennen widergespiegelt. Wenn man auf einem solch hohen Niveau wettbewerbsfähig sein will, muss man in allen Belangen bei 100 Prozent sein. Vor allem mental war ich sehr müde und erschöpft. Von diesen Ereignissen habe ich mich erst im Juni erholt. Jetzt fühle ich mich aber wieder bereit und motiviert. Das Konditionstraining, die ersten Schneetage auf dem Gletscher sind gut verlaufen, aber ja: Es waren schwierige Monate.“


Sie haben die letzte Saison analysiert. Würden Sie rückblickend etwas anders tun?

„Das ist immer schwer zu sagen. Bis Dezember ist alles sehr gut gelaufen. Nach dem Jahreswechsel sind wir hingegen etwas von unserem Weg abgekommen. Wir haben versucht, mehr zu machen, als eigentlich nötig war. Der Druck ist gestiegen, ich habe einige Rennen verpatzt – und schon stand Olympia an. Ein, zwei Dinge würde ich ab Jänner also schon anders machen.“
„Ich habe aufgehört, die Dinge zu lesen, die auf den sozialen Netzwerken geschrieben werden.“ Alex Vinatzer

Wie gehen Sie in solchen Momenten wie bei Olympia mit Kritik um? Perlt diese an Ihnen ab oder geht sie Ihnen nahe?

„Ich habe aufgehört, die Dinge zu lesen, die auf den sozialen Netzwerken geschrieben werden. Heutzutage verbringe ich nur noch zehn Minuten pro Tag auf Instagram & Co., denn ich will meine Zeit anders investieren. Bei den Interviews im Zielraum ist man sich schon der Stimmung bewusst, die um einen herrscht. Es hat den Anschein, als ob die Welt untergehen würde, obwohl es letztendlich nur ein Skirennen ist. Dennoch denkt man – vor allem bei Geschehnissen wie bei Olympia, wenn die Chance auf eine Medaille tatsächlich gegeben war –, noch lange darüber nach. Kritik ist aber auch Teil des Sports. Man kann nichts anderes tun, als aus den Fehlern zu lernen und es das nächste Mal besser zu machen.“


Nach Olympia hat Ihr Trainer Mauro Pini sein Amt niedergelegt. Wie viel Kraft und Energie kosten euch Athleten die ständigen Wechsel im Trainerteam?

„Es ist einfach ungut. Man schenkt dieser Person sein volles Vertrauen. Wenn der Trainer dann plötzlich weg ist, fühlt sich das fast so an, als würde einen die Freundin verlassen. Und es ist nicht nur schwer, sich davon zu erholen, sondern auch schwer, der neuen Person mit dem gleichen Vertrauen entgegenzutreten. Man lässt sich zu Beginn nicht voll darauf ein. Was sagt er, kann man ihm glauben? Es ist kein Zufall, dass die besten Athleten seit Jahren immer auf den gleichen Trainer setzen. Vertrauen in das Projekt ist unerlässlich.“


Wie haben Sie sich bisher mit dem neuen Trainerteam um Max Blardone, Giancarlo Bergamelli und Alexander Prosch zurechtgefunden?

„Wir hatten bisher erst zwei Trainingslager, in denen wir die Dinge mit sehr viel Ruhe angegangen sind. Alexander Prosch ist meine Bezugsperson. Ich kenne ihn schon gut, weil er mich damals auch in der Europacup-Gruppe betreut hat. Er ist ein Südtiroler wie ich, mit ihm kann man gut quatschen und reden. Wir sind uns einig, was wir technisch erreichen und mit welcher Denkweise wir die Rennen angehen wollen. In Argentinien müssen wir jetzt verstehen, was mir gut und weniger guttut.“

Alex Vinatzer erlebte bei den Olympischen Spielen schwere Zeiten. © APA / EXPA/ JOHANN GRODER

Alex Vinatzer erlebte bei den Olympischen Spielen schwere Zeiten. © APA / EXPA/ JOHANN GRODER


Sie sprachen über eine veränderte Herangehensweise. Können Sie genauer darauf eingehen?

„Der Sieg im Weltcup ist das, was mir fehlt und was ich mir wünsche. Dieser unbändige Siegeswille hat mir in meiner Karriere schon sehr oft weitergeholfen, gleichzeitig mich aber auch durch zu viel Risiko und Fehler wichtige Rennen gekostet. Zur neuen Saison versuche ich, mich etwas von dieser Verbissenheit zu entfernen. Das heißt nicht, dass ich mich mit weniger zufriedengebe, denn zu gewinnen bleibt immer noch das Ziel. Aber ich probiere, meinen Fokus auf andere Aspekte zu legen – so wie auf die Technik. Und dann bin ich gespannt, wohin mich das führen wird.“


Letzte Frage: Sie sprachen in Ihrer Vergangenheit immer wieder von Starts im Super-G. Werden wir Sie heuer zum ersten Mal im Weltcup bei einem solchen sehen?

„Nein, ich denke nicht. Pro Jahr absolviere ich maximal sieben Trainingseinheiten in dieser Disziplin. Und wenn ich das tue, bin ich gar nicht schlecht unterwegs. Bis ich aber nicht die 500 Punkte im Weltcup habe, die es mir erlauben würden, mit der Nummer 31 zu starten, macht es keinen Sinn. Denn ich habe keine Zeit, im Winter meine FIS-Punkte bei Europacup- oder FIS-Rennen zu verringern. Je besser ich also in technischen Disziplinen fahre, desto größer ist die Chance, dass ihr mich im Super-G sehen werdet.“

Kommentare (0)

Bestätigen Sie den Aktivierungslink in unserer E-Mail, um Ihr Konto zu verifizieren und Kommentare zu schreiben. Aktivierungslink erneut senden
Vervollständigen sie Ihre Profil-Angaben, um Kommentare zu schreiben.
Profil bearbeiten

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.

© 2026 First Avenue GmbH