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AJ Ginnis, Ski-Exot aus Griechenland. © Jamie Walter

Ein Grieche im Ski-Zirkus: Das verrückte Leben des AJ Ginnis

Sonne, Strand, Meer – wenn der Südtiroler an Griechenland denkt, dann ist das in der Regel mit Sommer und Urlaub, auf keinem Fall aber mit schneebedeckten Bergen und Wintersport verbunden. Es geht aber auch anders: Denn ein junger Grieche schickt sich an, den Ski-Weltcup aufzumischen. Die Rede ist von AJ Ginnis, der uns seine kuriose Geschichte erzählt hat.

Es ist der 9. März 2015. Im norwegischen Hafjell buhlen die Talente von Morgen bei der Junioren-Weltmeisterschaft darum, ihre ersten Schritte hinein ins Rampenlicht des großen Ski-Zirkus zu machen. Im Slalom fährt Henrik Kristoffersen in einer eigenen Liga und sichert sich mit einem Bombenvorsprung von anderthalb Sekunden Gold vor Marco Schwarz. Und auf Platz 3? Da ist ein gewisser AJ Ginnis zu finden, bei jenem Rennen noch schneller als Clement Noel, Loic Meillard oder auch Simon Maurberger. Es war dies eines der großen Highlights in der Karriere von Ginnis, der sich damals noch im US-amerikanischen Ski-Anzug den Stangenwald hinunterschlängelte. Doch das war einmal. Ab der kommenden Saison wird der 25-Jährige für jene Nation an den Start gehen, wo er das Skifahren erlernt hat: Nämlich für Griechenland.

Von griechischen Bergen ins US-Team
Als wir Ginnis telefonisch erreichen, staunen wir nicht schlecht: Der Slalom-Spezialist begrüßt uns nicht etwa in typisch-amerikanischem Englisch (und mit griechischem Akzent), sondern mit einem feinen österreichischen Dialekt. „Als junger Bub habe ich mal in Österreich gelebt und spreche deshalb auch gut deutsch“, verrät der Ski-Profi. Aufgewachsen ist er aber einige hundert Kilometer weiter südlich, nämlich in Griechenland. „Mein Vater war Grieche, meine Mutter ist US-Amerikanerin – und wir alle haben eine große Passion für das Skifahren.“ Skifahren inmitten eines Sommer-Paradieses? „Klar, auch in Griechenland gibt es Berge und Skigebiete. Eines davon ist am Mount Parnass in der Nähe von Delfi, wo mein Vater eine Skischule hatte. Jedes Wochenende sind wir dorthin“, erklärt Ginnis.

Hier präsentiert AJ Ginnis seine Bronze-Medaille der Junioren-WM.


Schon damals war AJ Feuer und Flamme für das Skifahren. Der Traum, dies einmal professionell zu machen, reifte aber erst etwas später. „Ich war 11 Jahre, als mein Vater aus Arbeitsgründen nach Salzburg zog. Ich begleitete ihn und fing an, dort für den Skiclub Kaprun Rennen zu fahren. Mit 15 Jahren zog ich dann in die USA und ging auf eine Ski-Akademie. 2 Jahre später fand ich mich dann im amerikanischen Slalom-Nationalteam wieder – und da wusste ich dann endgültig, dass das als Ski-Profi durchstarten will.“
Eine Spendenaktion rettete die Karriere

AJ Ginnis hat einen besonderen Weg hinter sich. © Facebook

Allerdings war Ginnis' Weg von zahlreichen Widrigkeiten geprägt. Da wären die vielen Verletzungen, die er im Laufe der Zeit erlitten hat („2 Mal riss das Kreuzband, auch beim Meniskus hatte ich Probleme, insgesamt musste ich 5 Mal operiert werden.“). Da wäre auch die Ausbootung aus dem Nationalteam 2018 („Nach Olympia wurde das Slalom-Team sozusagen aufgelöst und ich musste mich fortan alleine durchkämpfen“). Und da wäre auch der Tod seines Vaters im Jahr 2014. „Das war ein harter Schlag für meine Familie. Meine Mutter, die immer alles für mich getan hat, sagte mir damals: Das Geld ist knapp, ich weiß nicht, ob sich das mit dem Skifahren noch ausgeht.“ Ginnis glaubte aber weiter an seinen Traum, startete eine Spendenkampagne im Netz und sammelte so 20.000 Dollar, dank denen er seine Karriere fortsetzen konnte.

„Bisher hat es noch nie einen Griechen gegeben, der Weltcuppunkte sammeln konnte. Das will ich ändern.“
AJ Ginnis

Trotz all dieser Widrigkeiten gab es für den griechisch-amerikanischen Skirennfahrer auch einige Erfolgserlebnisse. Neben seiner Bronze-Medaille bei der Junioren-WM holte er 2016 beim Slalom in Madonna di Campiglio Weltcuppunkte, zudem raste er beim Europacup in St. Vigil einmal auf das Podest und krönte sich 2017 auch zum Slalom-Meister der USA. In der vergangenen Saison war er bei 2 Weltcup-Slaloms im Einsatz, in Kitzbühel verpasste er die Quali für den 2. Lauf als 36. dabei nur knapp. Allerdings ist das Leben eines Skifahrers, der ohne Nationalteam ist, kein einfaches. Deshalb kam ein Anruf für Ginnis heuer gelegen: „Der griechische Verband fragte mich, ob ich mir einen Wechsel vorstellen könnte. Nach reiflicher Überlegung sagte ich zu.“
Weltcup-Debüt in Alta Badia

Ginnis beim Wengen-Slalom 2018. © AFP / FABRICE COFFRINI


Fortan wird Ginnis also für Griechenland an den Start gehen. „Weil es dort kein Team gibt, bin ich mehr oder weniger auf mich alleine gestellt – doch diese Freiheiten, die mir der Verband gibt, sind mir nur recht. So kann ich selbst alles planen – wenn ich will, dann darf ich mit den Amis oder den Kanadiern mittrainieren, ansonsten kann ich auch mein eigenes Training machen“, so Ginnis, der seinen Nationenwechsel wie folgt begründet: „Ich weiß jetzt, dass ich 2, 3 oder 4 Jahre in Ruhe arbeiten kann. Im US-Team war nach jeder Saison immer alles etwas ungewiss.“ Auch Teilnahmen an Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen sind ihm nun sicher, was ihn ebenfalls freue.

Seine Weltcup-Premiere im griechischen Anzug will AJ Ginnis Mitte Dezember in Alta Badia feiern, denn dort steht heuer der 1. Slalom der Saison auf dem Programm. Das Ziel ist ganz klar. „Bisher hat es noch nie einen Griechen gegeben, der Weltcuppunkte gesammelt hat. Das will ich ändern“, sagt der sympathische Skifahrer mit einem Schmunzeln. Eine außergewöhnliche Geschichte, die noch um einige kuriose Kapitel reicher werden könnte.

Schlagwörter: Wintersport

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