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Simon Maurberger hat den WM-Winter fest im Visier. © M. Rizzi

Simon Maurberger: „Es gab Tage, da wollte ich alles hinschmeißen“

Simon Maurberger hat lange um den Durchbruch im Weltcup gekämpft und ausgerechnet dann, als zu Jahresbeginn der Knoten geplatzt schien, hat ihn die bis dato schwerste Verletzung seiner Karriere aus der Bahn geworfen. Die Diagnose: Kreuzbandriss und Meniskusschaden. Im Interview mit SportNews spricht der 25 Jahre alte Ahrntaler über den beschwerlichen Weg zurück und die Kritik an der FIS, die nach seinem Sturz laut wurde.

Im Weltcup waren Sie lange Zeit auf Plätze zwischen 15 und 30 abonniert, bis Sie zu Beginn dieses Jahres plötzlich wie beflügelt auftraten und drei Mal in den Top-Ten landeten. Wie kam es zu diesem Höhenflug?


„Ich habe in letzter Zeit einiges geändert. Ich bin gelassener geworden, hadere nicht mehr tagelang mit meinen Fehlern und bereite mich stattdessen bewusster auf die nächsten Aufgaben vor. Außerdem habe ich vor Weihnachten einiges an meinem Setup geändert, das hat mir sehr viel Aufwind gegeben. Ich habe einen klaren Trend nach oben eingeschlagen.“

„Mein Ziel muss es sein, regelmäßig in die Top 5 zu fahren“

Die Spitzenergebnisse sind also keine Momentaufnahme?

„Nein. Ich bin überzeugt, dass ich an den richtigen Knöpfen gedreht habe, um konstant vorne mitzumischen. Mein Ziel für die Zukunft muss es sein, mich in der vorderen Startgruppe zu etablieren und regelmäßig in die Top 5 zu fahren.“


Mit Rang 8 beim Parallelriesentorlauf in Chamonix waren Sie diesem Ziel sehr nahe. Ausgerechnet dieses Rennen hatte aber fatale Folgen für Sie. Wie oft denken Sie an den Sturz zurück?

„Auf dem Heimweg von Chamonix habe ich mir die Szene mehrfach auf Video angesehen, sie genau analysiert – auch wenn es mir sehr schwer gefallen ist. Seitdem ist das abgehakt. Heute kann ich die Bilder anschauen ohne mit der Wimper zu zucken.“


Ihr Sturz hat für einen Aufschrei im Fahrerlager gesorgt. Einige Stars nutzten die Gelegenheit, um für mehr Sicherheit zu plädieren. Freut Sie diese Rückendeckung?

„Ja, diese Botschaften haben sehr gut getan. Alexis Pinturault ist in dieser Angelegenheit einer der Wortführer, er hat mir eine sehr nette SMS mit Genesungswünschen geschickt. Das zeigt den Zusammenhalt im Fahrerlager. Es kam in Vergangenheit selten vor, dass sich die Athleten so verbünden und ihre Stimme gegenüber der FIS erheben.“


Schließen Sie sich der Kritik gegenüber dem Weltverband an?

„Es gibt Punkte die unbedingt verbessert werden müssen. Es kann nicht sein, dass unsere Saison im Oktober beginnt, dann ein langes Loch folgt, um im Januar ein Klassiker nach dem anderen ins Programm zu stopfen. Das birgt eine große Verletzungsgefahr. Mittlerweile wurde aber ein demokratischer Weg eingeschlagen, wo alle Beteiligten nach einer guten Lösung suchen. Dieser Prozess zeigt, dass die Athleten nicht mehr unmündige Figuren sind, die nach dem Willen einiger weniger hüpfen müssen.“

„Ich bleibe ein großer Fan der Parallelrennen“

Hat die schwere Verletzung Ihre Meinung über die Parallelwettbewerbe geändert?

„In keiner Weise, ich bleibe ein ganz großer Fan der Parallelrennen! Vermutlich braucht es aber noch einige Zeit, bis der perfekte Mittelweg gefunden ist, um Athleten, Organisatoren und Fans zufriedenzustellen.“


Ihr bisheriges Karriere-Highlight hatten Sie allerdings in einem klassischen Slalom, jenem in Schladming. Was hat diesen Tag für Sie so besonders gemacht?

„Im Vorjahr war ich von der gewaltigen Zuschauerkulisse in Schladming enorm beeindruckt. Ich war richtig nervös – und schied dann prompt aus. Im Anschluss bin ich mit einem Freund ins Szene-Lokal Tenne gegangen, habe mir dort den 2. Lauf angesehen und gedacht: Wie cool wäre es, da vorne mitzumischen. Nur ein Jahr später ist dieser Traum mit Platz 5 wahrgeworden. Ich bin es wie ein ganz normales Rennen angegangen und stand demnach relativ entspannt im Starthaus. Das hat mir geholfen.“

Maurberger bei der Zieldurchfahrt in Schladming. Am Ende stand ihm mit Platz 5 das beste Ergebnis seiner Karriere zu Buche. © Pentaphoto


Was macht die Faszination Schladming aus?

„Es ist nichtmal unbedingt die Atmosphäre am Pistenrand, denn die ist auch bei anderen Rennen wie in Madonna oder bei den Klassikern in der Schweiz toll. Der ganz große Unterschied ist, dass in Schladming der Stadionsprecher extrem laut ist. Es ist das einzige Rennen, bei dem man während der Fahrt die Zwischenzeiten hört. Das kann einen richtig pushen, besonders bei einer guten Fahrt, wie es bei mir in diesem Winter der Fall war.“


Werden wir Sie beim Saisonstart im Oktober in Sölden wieder im Starthäuschen sehen?

„Ich will im August wieder auf Skiern stehen und die Saisonvorbereitung in Angriff nehmen. Für dieses Ziel arbeite ich jeden Tag sehr hart. Die erste Zeit nach der Verletzung war nicht einfach. Ich hatte einfach das Gefühl, nichts geht weiter. Ich musste erst lernen, mit so einem Rückschlag umzugehen.“

„Manni Mölgg hat mich enorm unterstützt“

Wie haben Sie es geschafft, sich aus dem Loch zu befreien?

„Es gab Tage, an denen ich am liebsten alles hingeschmissen hätte. Doch zum Glück kann ich diese an einer Hand abzählen. Ich habe die Reha teilweise gemeinsam mit Manni Mölgg absolviert, dessen Knieverletzung etwas anders war als meine, bei ihm ging vieles schneller. Das war nicht einfach für mich. Er hat mir aber immer wieder Geduld gepredigt und mich so enorm unterstützt. Ich bin gelassener und zugleich fokussierter geworden. Mittlerweile kann ich auch problemlos acht bis zehn Übungseinheiten in der Woche absolvieren.“


Was machen Sie in der Zeit, in der Sie nicht trainieren?

„Ich genieße es einfach, zuhause zu sein. Bis auf den einen oder anderen spontanen Wochenendtripp, werde ich auch nicht in den Urlaub fahren. Ich habe gemeinsam mit meiner Schwester ein Gemüsebeet angelegt und verbringe viel Zeit beim Garteln. Außerdem lese ich im Augenblick sehr viel.“


Welches Buch lesen Sie zurzeit?

„Mein Servicemann hat mir das Buch 'Leadership e autoinganno' geschenkt, ich habe es binnen zwei Wochen verschlungen. Es handelt von Selbstkontrolle, Emotionen und Bewusstsein. Also alles Dinge, die im Sport von großer Bedeutung sind und die ich im bevorstehenden Winter versuchen werde umzusetzen. Denn dann will ich wieder der Simon Maurberger sein, der ich zum Zeitpunkt meiner Verletzung im Februar war.“


Fragen: Alexander Foppa


Autor: fop

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