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Den Fokus auf Sölden gerichtet: Simon Maurberger ist bereit für die neue Weltcup-Saison. © ueberall.eu

Simon Maurberger: „Ich war verzweifelt“

Bei Simon Maurberger wird im Sölden-Riesentorlauf alles auf Null gestellt, denn es ist das Ende einer anderthalbjährigen Leidenszeit. Als wir den 26-Jährigen vor seiner Abreise kontaktieren, dreht sich unser Gespräch nur kurzzeitig um das Weltcup-Opening. Rasch geht der Blick zurück auf jene Phasen, in denen er sich, wie er selbst sagt, vor lauter Schmerzen „auf der Toilette kaum mehr hinsetzen konnte.“ So ist ein Interview entstanden, in dem der Ahrntaler tiefe Einblicke in die Schattenseiten des Profisports gewährt und zeitgleich aufzeigt, wie er sich wieder herangekämpft hat.

Autor:
Alexander Foppa


Im Januar 2020 fuhren Sie beim Slalom in Schladming mit Platz 5 Ihr bestes Weltcup-Ergebnis ein, direkt im Anschluss folgte jedoch die bisher schwierigste Zeit Ihrer Karriere. Wie fassen Sie diese zusammen?

„Es waren anderthalb Jahre, die sehr schwierig und zermürbend waren. Nach meinem Kreuzbandriss konnte ich nur mit Schmerzmittel auf die Skier steigen. Erst nach dem Meniskus-Eingriff im vergangenen Februar wurde es langsam besser. Bis dahin musste ich bei jeder belastenden Bewegung, bei jeder Stufe, die ich ging, auf die Zähne beißen. Das ging so weit, dass ich mich auf der Toilette vor lauter Knieschmerzen kaum mehr hinsetzen konnte. Das war für mich und mein Umfeld sehr belastend. Ich war richtig verzweifelt und habe das die Menschen um mich herum auch spüren lassen. Meine Familie, die Ärzte und Physiotherapeuten mussten sich viel anhören.“


Wie haben Sie aus diesem Tief herausgefunden?

„Ich habe mich sehr viel mit mir selbst beschäftigt, Yoga- und Meditationsübungen gemacht. Ich habe verstanden, wann es zu viel wird und mein Körper, vor allem aber mein Kopf eine Pause brauchen. Ich habe mich bewusst vom Skisport und meinen Verletzungen ablenken lassen, um Kraft zu tanken.“

„Von da oben sieht die Welt ganz anders aus, es erscheint alles so winzig.“ Simon Maurberger über das Paragleiten

Wo haben Sie diese Ablenkung gefunden?

„Zum einen auf dem Fahrrad. Wenn ich es 2-, 3-mal in der Woche schaffe, aufs Bike zu steigen, bin ich richtig happy. Ich habe mit Freunden mehrtägige Radtouren am Gardasee und auf Mallorca unternommen, diese Zeit war Balsam für die Seele. Außerdem habe ich in diesem Jahr eine neue Leidenschaft entdeckt: Das Paragleiten.“


Was finden Sie in luftiger Höhe, was Ihnen der Alltag als Profisportler nicht bieten kann?

„Es ist genau das Ausbrechen aus dem Skifahrerleben, diesen Rahmen für wenige Stunden zu sprengen. Ich erklimme einen Berg, setze mich hin und genieße die Ruhe, ehe ich mit diesem befreiten Gefühl ins Tal gleite. Von da oben sieht die Welt ganz anders aus, es erscheint alles so winzig unter einem. Diese Momente helfen mir ungemein, alles wieder in die richtige Relation zu stellen und mich auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.“

Simon Maurberger bei einem seiner Rad-Ausflüge. © ueberall.eu


Haben Sie sich dadurch auch als Sportler verändert?


„Mein Fahrstil, mein Gefühl auf den Skiern und meine Leidenschaft sind unverändert. Allerdings hat sich abseits der Piste einiges gewandelt. Ich habe gelernt, Tempo rauszunehmen, mal einen trainingsfreien Tag einzuschieben, anstatt mich mit Vollgas von einer Einheit in die nächste zu stürzen. Ich drossle gewisse Dinge deutlicher als früher, ohne aber den Fokus und die Konzentration zu verlieren.“


Es klingt, als würden Sie mit einem guten Gefühl nach Sölden reisen.

„Ja, ganz bestimmt! Eigentlich hatte ich meine Teilnahme am Weltcup-Opening gar nicht fest eingeplant, umso überraschender und schöner ist es nun, so früh in die neue Saison zu starten. Ich bin seit anderthalb Monaten schmerzfrei, habe auch die Härtetests auf den eisigen Gletscher-Pisten in Schnals und Sölden bestanden. Der Riesentorlauf am Sonntag kann also kommen.“

Mit welchen Zielen starten Sie in den Olympia-Winter?

„Natürlich sind die Winterspiele das absolute Highlight. Ich möchte unbedingt nach Peking und dort auch eine richtig gute Vorstellung liefern und nicht einfach nur dabei sein. Jetzt unmittelbar denke ich aber nur an Sölden. Dort ist die Platzierung zweitrangig, nach all den schwierigen Monaten will ich einfach nur eine 'Gaude' haben und nach dem Abschwung im Ziel zu mir selber sagen können: Wow, das hat gepasst!“


In Sölden werden erstmals wieder Fans im Zielgelände für Stimmung sorgen. Wer wird Ihnen vor Ort die Daumen drücken?

„Mal ganz ehrlich: Die Rennen im vergangenen Winter waren eine Tristesse. Die Stille entlang der Piste hat sich teilweise angefühlt, als wäre man im Training. Deshalb freue ich mich ungemein auf das Rennen am Sonntag. Meine Freundin, meine Schwester, einige Kollegen werden dort sein – und natürlich viele Bekannte, die sich dieses Spektakel zum Saisonstart seit Jahren nicht entgehen lassen.“

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