
Die Südtirol Arena in Antholz. © APA/afp / ODD ANDERSEN
Ein Südtiroler Blick auf Olympia – 70 Jahre danach
Konrad Renzler ist einer der wenigen, die in Cortina d'Ampezzo schon einmal dabei waren: Vor 70 Jahren, als die Olympischen Winterspiele zum ersten Mal in den italienischen Alpen ausgetragen wurden. 18 war der Südtiroler damals.
04. Februar 2026
Von: dpa/dl
Mit ein paar Freunden machte er sich frühmorgens im VW-Bus in seinem Heimatdorf Antholz auf den Weg. Renzler sah, wie die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft 0:8 gegen den späteren Olympiasieger UdSSR verlor. Weil das Geld nicht reichte für eine Übernachtung, ging es gleich danach wieder zurück.
Am Freitag ist es wieder so weit: In Cortina, das sich vom stillen Bergdorf zur „Königin der Dolomiten“ mit zuverlässig viel Prominenz gemausert hat, werden wieder Winterspiele eröffnet. Die 25. bereits, längst eine milliardenschwere Veranstaltung. Zudem ist Mailand dabei, Italiens Mode- und Finanzmetropole. Damit gibt es erstmals bei Olympia offiziell zwei Gastgeberstädte. Aus 24 Wettbewerben im Jahr 1956 sind nun 116 geworden, aus 820 teilnehmenden Sportlerinnen und Sportlern um die 2.900.
Austragungsorte weit über Norditalien verstreut
Tatsächlich finden die Spiele jedoch nicht nur in Mailand und Cortina statt, sondern je nach Sportart weit verstreut im Norden Italiens: zudem in Bormio, Livigno, Verona, im Val di Fiemme (Fleimstal) und auch in Antholz. Dort werden die Biathlon-Wettbewerbe ausgetragen. Renzler, inzwischen 88, ist in dem 3.000-Seelen-Ort immer noch zu Hause. Nur: Auf eine Eintrittskarte wartet der langjährige Bürgermeister bislang vergebens. Die Spiele sieht der alte Herr inzwischen sehr kritisch. Und damit steht er in Italien nicht allein.Das Panorama bei den Olympischen Spielen ist einzigartig. © APA/afp / ODD ANDERSEN
„Vor 70 Jahren war alles noch klein und gemütlich“, sagt Renzler in der „Südtirol-Arena“, wie das Biathlonstadion jetzt heißt. „Heute ist das fast nur noch Kommerz. Weil die Leute nie genug bekommen.“ Der Altbürgermeister gehört keineswegs zu denen, die die Vermarktung des Sportbetriebs rundum ablehnen. In seiner Amtszeit, zwischen 1969 und 1980, hat er selbst dazu beigetragen, dass Antholz international zu einer der ersten Adressen für Biathlon wurde. Inzwischen leben hier viele gut vom Tourismus.
Altbürgermeister: „Das IOC diktiert alles“
„Aber die nächsten Wochen hat von uns keiner mehr etwas zu sagen, weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) alles diktiert“, meint Renzler. Das alte Stadion vor den 3.000 Meter hohen Gipfeln der Riesenferner-Gruppe, wo auch schon Weltmeisterschaften stattfanden, hätte nach allgemeiner Einschätzung ohne großen Aufwand olympiatauglich gemacht werden können. Nun steht hier ein untertunnelter Betonpalast für 58 Millionen Euro mit bombastischer Flutlichtanlage.Die Olympische Ringe in Antholz. © APA/afp / ODD ANDERSEN
Für die neue Beschneiungsanlage wurde eben noch ein künstlicher See ausgehoben – obwohl Loipen und Schießstände auf 1.600 Metern Höhe eigentlich schneesicher sind. Renzler ist das alles zu viel. „Wenn der Sport zur Religion wird und die Sportler zu Göttern, stimmt etwas nicht.“ Die Vorsitzende von Südtirols Dachverband für Natur- und Umweltschutz, Elisabeth Ladinser, sagt dazu nur knapp: „Gott Mammon lässt grüßen.“
Region Stockholm unterlag 2019 bei Bewerbung
Es gibt aber auch andere Stimmen. Gottfried Leitgeb zum Beispiel sieht man sofort an, dass er sich auf die Spiele freut. Auf dem Kopf trägt der 69-Jährige eine Skimütze mit den fünf olympischen Ringen, die ihm seine Frau handgestrickt hat. „Wir sind stolz darauf, auch wenn wir zwei Wochen lang nichts zu sagen haben werden. Olympia daheim ist einmal im Leben.“Im Unterschied zu Deutschland gab es in Italien keine Abstimmungen, ob die Bevölkerung die Spiele haben will. Umfragen zufolge stand die Mehrheit dahinter. So setzte sich „Milano-Cortina“ – so der offizielle Name – 2019 gegen die Region Stockholm durch. Der Bürgermeister von Antholz, Thomas Schuster, meint, dass eine klare Mehrheit für Olympia ist. „Aber es gibt auch eine größere Zahl an Leuten, die sagt: “Wir lassen das über uns ergehen.„“
Schlechte Erfahrungen nach Spielen von Turin
Als abschreckendes Beispiel gelten vielen in Italien die Spiele 2006 von Turin. Die damals eigens gebauten Schanzen für den Skisprung und die Bobbahn verrotten jetzt. Aus dem olympischen Dorf wurden Zweitwohnungen, die meist leer stehen. Mailand und Cortina gewannen auch mit dem Versprechen, für die „nachhaltigsten Spiele aller Zeiten“ statt teurer Neubauten vor allem vorhandene Stätten zu nutzen.Dass man jetzt lange Wege fahren muss, um von einem Austragungsort zu anderen zu kommen, passt nicht dazu. Und trotz der hehren Zusagen wurde viele auch neu gebaut – unter anderem gleich zwei olympische Dörfer, ein „Snowpark“ in Livigno und neue Langlauf-Anlagen. Die Kosten belaufen sich offiziell auf mehr als 3,5 Milliarden Euro. Im Gegenzug werden nach einer Prognose der Universitäten Venedig und Mailand positive Auswirkungen von 5,3 Milliarden erwartet. Gerechnet wird mit zwei Millionen Besuchern und drei Milliarden Zuschauern an den Bildschirmen.
Neue Eisbahn in Cortina für 120 Millionen Euro
Den größten Ärger gab es, weil in Cortina allen Versprechen zum Trotz für 120 Millionen Euro eine neue Bahn für Bob, Rodeln und Skeleton hochgezogen wurde. Gegen die ausdrückliche Empfehlung des IOC setzte die Regierung in Rom den Bau durch. Zwischendurch war auch erwogen worden, mit den Wettbewerben auf vorhandene Eiskanäle in Deutschland oder Österreich auszuweichen – aber das ließ der Nationalstolz nicht zu.Die Olympia Village in Cortina. © APA/afp / ODD ANDERSEN
Für das neue „Sliding Center“, das in Rekordzeit fertig wurde, gibt es nun viel Lob. Anderswo sind hingegen immer noch die Handwerker zugange, auch in Mailand und Cortina noch. Der „Corriere della Sera“ schrieb eben noch: „Es scheint, als seien die Olympischen Spiele eher eine Betonwüste als ein Sportereignis. Überall Baustellen. Als wäre September und nicht Januar.“ Erfahrungsgemäß wird in Italien bei Großveranstaltungen jedoch fast alles rechtzeitig fertig.
Hoffnung auf Olympia-Stimmung wie in Paris
Für die Zukunft von Olympia im Winter wäre das eine gute Nachricht. Die vorigen drei Spiele – 2014 in Sotschi, 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking – sind aus unterschiedlichen Gründen in wenig guter Erinnerung. Praktisch mit dem Ende der Spiele in Russland begann Wladimir Putin auf der Krim seinen Krieg gegen die Ukraine. In Südkorea und China wurde deutlich, dass das keine klassischen Wintersport-Länder sind. Viele klagten über Spiele aus der Retorte, ohne große Stimmung.Jetzt aber kehren die Spiele in die Alpen zurück, wo 1924 alles begann. Das gab es zuletzt vor zwei Jahrzehnten. Die Hoffnung ruht darauf, dass sich mit Beginn der Wettbewerbe eine Olympia-Stimmung wie früher entwickelt – ähnlich wie bei den Sommerspielen 2024 in Paris, als anfangs große Skepsis herrschte und es schließlich viel Applaus gab. Termingerecht schneite es in den höher gelegenen Orten der Region ausgiebig.
Noch kümmert man sich in Mailand um andere Dinge
Im Moment allerdings ist von Begeisterung noch nicht so viel zu spüren – weder in Antholz noch in Cortina und auch nicht im verregneten Mailand, wo die zentrale Eröffnungsfeier stattfinden wird. In der 1,3-Millionen-Stadt haben die meisten Leute gegen Olympia nichts groß einzuwenden, sind aber noch mit anderen Dingen beschäftigt. Zudem ist man Großveranstaltungen gewohnt. Gerade erst ist die Modewoche vorbei, bei der auch einiges an Hollywood-Prominenz zu Gast war.Der Piazzo Duomo in Mailand im olympischen Kleid. © ANSA / SALVATORE DI NOLFI
Im riesigen Olympia-„Megastore“ vor dem Dom, wo Souvenirs gekauft werden können, geht es bislang eher gemächlich zu. Billig sind die Sachen hier nicht. So ist das inzwischen üblich. Die Maskottchen Tina und Milo in mittelgroßer Plüschvariante kosten 50 beziehungsweise 60 Euro. Für eine „Retro-Daunenjacke“ mit dem Logo der Winterspiele von Cortina 1956 müssen 500 Euro gezahlt werden. Gut, dass Konrad Renzler, der als einer der wenigen damals schon dabei war, davon nichts weiß.
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