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Torgny Bendelin (links) ist in Schweden eine Institution. © ANDERS WIKLUND / SCANPIX SWEDEN / AFP

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Torgny Bendelin (links) ist in Schweden eine Institution. © ANDERS WIKLUND / SCANPIX SWEDEN / AFP

Italiens Eishockey-Talente: „Ich habe Mitleid mit ihnen“

Die U20-Weltmeisterschaft der Division IB in Mailand hätte für Italiens Eishockey-Jugend der erste Schritt in eine bessere Zukunft werden sollen. Stattdessen endeten die Titelkämpfe aber mit einem Debakel und dem Abstieg in die Viertklassigkeit. Angesichts dieses verheerenden Ergebnisses fragen wir uns: Wie ist es um die Zukunft des italienischen Eishockeys bestellt?

Von:
Leo Holzknecht

Es ist noch nicht allzu lange her, da schaffte es das Blue Team, die Klasse in der zweithöchsten Division gegen Teams wie Österreich und Slowenien zu halten. Man schrieb das Jahr 2014. Damals gehörten Spieler wie Giovanni Morini (heute noch beim HC Lugano aktiv) sowie die bereits zurückgetretenen Alex Lambacher und Joachim Ramoser zu den Leistungsträgern. Klar, diese goldene Generation stellt bis heute eine Ausnahme dar. Seither ging es mit den Ergebnissen der Azzurrini aber stetig bergab. 2019 musste erstmals der Weg in die Viertklassigkeit angetreten werden. Vor einem Monat wiederholte sich dieses Szenario, obwohl mit Russland und Weißrussland inzwischen zwei große Nationen in den oberen Divisionen weggefallen sind.


Angesichts dieser Historie stellt sich eine Frage: Wie kann dieser Negativtrend gestoppt werden? Antworten auf diese Frage haben wir bei Torgny Bendelin gesucht. Der 69-jährige Schwede verfügt über einen großen Erfahrungsschatz, da er in seiner Karriere mitunter auch schwedische Erstligisten betreute. Sein besonderes Augenmerk galt jedoch immer der Ausbildung und Förderung junger Spieler. Ein ganzes Jahrzehnt war Bendelin als Coach der schwedischen Jugend-Nationalmannschaften aktiv. Seit 2019 arbeitet er für den italienischen Eissportverband FISG, wobei er für die Entwicklung heimischer Talente verantwortlich ist. Im nachfolgenden Interview spricht Bendelin über die Ursachen der aktuellen Krise, seine Ideen, die Schwierigkeiten, mit denen er tagtäglich konfrontiert ist, und vieles mehr.


Herr Bendelin, wie kam es zu Ihrem Engagement in Italien?

„Es begann 2019 – kurz nachdem Italien die Olympischen Spiele 2026 zugesprochen bekam. Ich wurde zunächst als Mentor geholt und verbrachte bis zu 50 Tagen in Italien. Ich habe die Jugend-Nationalmannschaften verfolgt, Klubs besucht, Gespräche mit Coaches geführt und auch Trainings geleitet. In meiner Rolle als Mentor sprach ich Probleme an und brachte Ideen ein, doch leider passierte nicht viel. Seit zwei Saisonen trage ich als Sportdirektor aller Jugend-Nationalteams mehr Verantwortung und kann die Vorhaben besser in die Tat umsetzen.“


Worin besteht Ihre Arbeit?

„Nach dem Nicht-Aufstieg des Senior-Nationalteams bei der Heim-WM in Bozen und der Entlassung des damaligen Trainerteams bot mir FISG-Präsident Andrea Gios das Angebot an, Sportdirektor der Junioren-Mannschaften zu werden. Diese Position gab es zuvor innerhalb des Verbands nicht. Alles – von den Damen über die Herren bis hin zur Jugend – fiel auf die Schultern einer Person. Jetzt wurde es unterteilt. Meine Aufgabe ist es, alles zu überblicken, zu koordinieren, Trainingslager zu planen, Symposien der Trainer zu veranstalten und ein Spielsystem vorzuzeichnen. Außerdem bestimme ich die Trainer. In den letzten zwei Jahren habe ich jeweils 75 Tage in Italien verbracht.“

„Vereine und Verband müssen enger zusammenarbeiten.“ Torgny Bendelin

Welche Ideen aus dem schwedischen Eishockey haben Sie versucht, hier umzusetzen?

„Ich war zehn Jahre lang im schwedischen Jugendprogramm aktiv. Natürlich ist das eine andere Welt. Eines meiner großen Anliegen ist die Verbesserung des physischen und technischen Aspektes jedes Spielers. Darüber hinaus ist es wichtig, dass die Talente früher lernen, richtig Eishockey zu spielen. Es geht um viel mehr als Dribbeln und Schießen. Das Spiel ohne den Puck ist mindestens genauso wichtig. Zweitens: Vereine und Verband müssen enger zusammenarbeiten. In den jeweiligen Augen ist immer der andere schuld. Vor 25 Jahren hatten wir in Schweden das gleiche Problem. Jeder Einzelne muss realisieren, dass wir im gleichen Boot sitzen. Und es gibt noch eine dritte Herausforderung – wahrscheinlich die größte von allen.


Fahren Sie fort.

„Ich habe beobachtet, dass die größten heimischen Klubs oft Schwierigkeiten haben, das Potenzial eines Jugendspielers zu erkennen. Erst wenn man ihnen eine faire Chance bietet, das eigene Können unter Beweis zu stellen, ist Entwicklung möglich. Stattdessen sehe ich, wie sehr oft der Glaube an diese Jugendspieler fehlt. Auch in Schweden mussten es vor vielen Jahren erst große Klubs wie Frölunda und Skellefteå vormachen, ehe die anderen nachzogen. 15 und mehr Spieler aus dem Ausland zu verpflichten, ist für mich dumm. Ehrlich gesagt, habe ich Mitleid mit den talentierten, jungen Spielern, die es hierzulande ja zweifellos gibt. Sie verfügen über ein großes Herz, zeigen unbändigen Willen, doch haben schlussendlich nur ganz kleine Erfolgsaussichten, Eishockeyprofi in Italien zu werden. Sie können nichts dafür. Ich muss aber auch sagen, dass ich in den letzten Jahren diesbezüglich Besserung erkenne – wie etwa beim HC Pustertal, in Neumarkt, Aosta und auch in Asiago.“

Torgny Bendelin im großen SportNews-Interview. © Calle Corren

Torgny Bendelin im großen SportNews-Interview. © Calle Corren


Was machen Nationen wie Österreich, Ungarn und Slowenien, die vor einem Jahrzehnt noch auf unserem Niveau waren, besser?

„Österreich ist als Eishockey-Nation inzwischen nicht mehr mit Italien zu vergleichen. Sie verfügen über sechs Akademien. Auch in Ungarn gibt es alleine in Budapest drei solche Zentren, wobei der Staat einen Großteil der Kosten übernimmt. Von den Voraussetzungen her ähneln uns die Slowenen am meisten. Dort funktioniert die Zusammenarbeit zwischen dem Verband und den Vereinen aber besser. Die Kinder werden von klein auf exzellent ausgebildet, sodass sie irgendwann gut genug sind, um den Schritt ins Ausland zu wagen. Der diesjährige Abstieg der U20 war natürlich eine Riesenenttäuschung. Dennoch muss ich festhalten: Wir haben in den letzten Jahren mit dem Aufstieg der U18 sowie mit fantastischen Siegen der U16 gegen Dänemark und die Schweiz positive Ansätze gezeigt. Ich habe das Gefühl, dass wir den genannten Nationen wieder näherkommen.“


Was halten Sie von der Alps Ice Academy?

„Das ist eine große Sache für das italienische Eishockey. Neben den genannten Problemen gibt es nämlich weitere Ursachen für die Krise: Fast alle Vereine sind dazu verpflichtet, Synergien zu bilden, um eine Jugendmannschaft an den Start zu bringen. Oft trainieren zehn Jahre alte Kinder mit 15-Jährigen zusammen. Das kann es nicht sein. Aber das ist kein italien-spezifisches Problem. Wir sehen weltweit einen Rückgang der Neuanfänger. Umso wichtiger ist es, eine solche Akademie zu haben, die Spieler anlockt. Ich habe in den Planungsjahren Ratschläge gegeben und meine Sichtweise geschildert. Weil das Stadion in Bruneck stark ausgelastet ist, fürchte ich jedoch, dass die Talente – nicht wie etwa in Schweden – drei- bis viermal die Woche zweimal pro Tag auf dem Eis trainieren können. Das langfristige Ziel muss es jedenfalls sein, eine Senior-Mannschaft in der AlpsHL zu stellen, denn das Niveau in der heimischen U19 ist zu gering. Die Klubs müssen deshalb hart arbeiten, um dieses Level drastisch anzuheben. Kann ich noch etwas hinzufügen?“
„Es wäre interessant zu analysieren, wie viel Geld italienische Klubs jährlich für ausländische Spieler ausgeben.“ Torgny Bendelin

Sehr gerne.

„Was ich sehr kritisch sehe, ist bei zahlreichen Vereinen die Abspaltung der ersten Mannschaft von der Jugendabteilung. Das bedeutet, dass das Senior-Team keine Verantwortung für die Entwicklung der Talente übernimmt. So wird das gesamte Budget in die Kampfmannschaft sowie in ausländische Spieler investiert. In Schweden hingegen finanzieren alle großen Klubs umfangreiche Nachwuchsprogramme mit bis zu acht hauptberuflichen Trainern und einer entsprechenden Struktur. Fragt man diese Klubs nach dem Grund für diese Investitionen, lautet die klare Antwort: 'Wenn wir das nicht tun, haben wir keine Zukunft.' Vor diesem Hintergrund wäre es interessant zu analysieren, wie viel Geld italienische Klubs jährlich für ausländische Spieler ausgeben.“


Abschließend: Was muss in der Zukunft besser werden?

„Die Coaching-Symposien, die wir schon regelmäßig vor dem Saisonstart abhalten, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Eine einheitliche Ausbildung ist nämlich unabdingbar. An der WM in Bozen sind 130 Trainer zu einem solchen Meeting gekommen, bei dem wichtige Persönlichkeiten ihre Sichtweise vortrugen. Auch vor dieser Saison haben über 80 Coaches ein Treffen in Verona besucht. Das zeigt, wie groß das Interesse und der Wille ist, den eigenen Horizont zu erweitern. Außerdem haben wir begonnen, mehrere Trainingslager pro Jahr für die besten Spieler von der U14 bis zur U18 zu veranstalten. Wir erkennen dabei eine starke Entwicklung, wobei wir den älteren Altersgruppen noch mehr Zeit widmen müssten. Insgesamt gilt es, alle angesprochenen Dinge zu verfeinern, zu verbessern. Wir machen Schritte nach vorne, aber wissen auch, dass noch viel Arbeit bevorsteht.“

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