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Markus Merk (Foto Spox) Der Deutsche leitete über 450 Spiele in den höchsten Wettbewerben des Fußballs

Mittwoch CL-Schiri, Donnerstag Zahnarzt: Wie geht das, Markus Merk?

Vor kurzem gab Markus Merk in Südtirol einen Vortrag. „Sicher entscheiden“, so der Titel seines Referates. Als ehemaliger Weltschiedsrichter beherrscht er diese Eigenschaft wie kein Zweiter. Wir trafen ihn im Vorfeld, sprachen über Südtirol, technische Hilfsmittel im Fußball – und bekamen zu Gesicht, wie eine ansonsten so starke Persönlichkeit bei einem ganz speziellen Thema butterweich wurde.


Herr Merk, wie geht es Ihrem Knie?

Den Umständen entsprechend gut. Vor kurzem zog ich mir bei einem Berglauf in Spanien einen Knorpelriss zu. Den Schaden gilt es nun zu beheben, immerhin will ich Ende August beim UTMB in Frankreich mit dabei sein.


Der UTMB gilt als einer der anspruchsvollsten Ultra-Marathons der Welt. Es stimmt also, Sie sind ein Ausdauer- und Bergjunkie…

Ja, Sie haben Recht. Um für den UTMB einen Startplatz zu bekommen, habe ich in den letzten beiden Jahren an drei Ultra-Races teilgenommen, damit ich die nötigen Punkte zusammenscheffeln konnte. Dieses Highlight rund um den Mont Blanc will ich mir deshalb keinesfalls entgehen lassen.


In Südtirol müssten Sie demnach bestens aufgehoben sein, um sich für Ultra- und Bergrennen fit zu machen.

Das stimmt. In der Tat war ich schon sehr oft hier in Südtirol. Als ich noch Schiedsrichter war, kam ich manchmal zu Trainingszwecken hierher. Beispielsweise war ich schon öfters am Kronplatz, als persönliches Highlight ist es mir sogar einmal gelungen, ihn an einem Tag von drei Seiten zu besteigen. Ich muss im Sommer unbedingt wieder einmal hierher kommen.


Die meisten kennen Markus Merk als den Schiedsrichter. Einige wissen nun auch, dass er sein Herz an die Bergwelt verloren hat. Was vielen noch nicht bekannt ist: Markus Merk war lange Zeit der Herr Doktor Zahnarzt…

Ich habe 1988 angefangen in der Bundesliga zu pfeifen, zwei Jahre später eröffnete ich eine Zahnarztpraxis, die ich bis 2004 führte. Mein Zahnarzt-Beruf stand dabei stets an erster Stelle. Die Schiedsrichtertätigkeit war, so erstaunlich es auch klingen mag, nebensächlich.


Hand aufs Herz: Wie schwierig war es, den Übergang von der glamourösen Welt des Fußballs in die Einfachheit eines Zahnarztes zu managen – und das meist innerhalb von nur wenigen Stunden?

Es kam schon oft vor, dass ich Mittwochabends in Mailand Champions League pfiff, am nächsten Tag zurückfuhr, um 11 Uhr in der Praxis war und dort bis acht Uhr abends Patienten behandelt habe. Diesen Übergang zu meistern, diesen Hebel umzulegen – das habe ich während eines einzigen Bundesligaspiels gelernt.


Wie das?

Als ich Freitags von meinem Hilfsprojekt in Indien zurückgekommen bin und am Samstag ein, sagen wir mal, relativ bedeutungsloses Spiel geleitet habe, ging ich nicht mit der richtigen Einstellung hinein. Es war eines meiner schlechtesten Spiele - da erkannte ich: Entweder du konzentrierst dich auf das, was du gerade machst, oder du musst eine Realität aufgeben. Danachwar es kein Problem mehr, den Schalter umzulegen. Heute wird mir diese Eigenschaft als große Stärke nachgesagt.


Heute, knapp acht Jahre nach ihrem Karriereende, halten Sie Vorträge und kommentieren beim Pay-TV-Sender Sky als Experte strittige Schiedsrichter-Entscheidungen. Was halten Sie also von einer Einführung des Video-Schiedsrichters, der, ähnlich wie Sie, das Spiel von außen beobachtet und bei Fehlentscheidungen eingreift?

Wir leben im 21. Jahrhundert, im Zeitalter der digitalisierten Welt. Da kann es nicht sein, dass eine klare Fehlentscheidung von Millionen Menschen vor den Bildschirmen erkannt, im Spiel aber nicht korrigiert wird. Erfahrungsgemäß gibt es pro Spieltag fünf bis sechs klare Fehlentscheidungen, die mit der Hilfe eines Videoschiedsrichters vermieden werden könnten. In einigen Ländern wird dieses System ab der neuen Saison getestet. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis es zur Realität wird.


Geht dadurch nicht die Tradition des Fußballs verloren?

Nein, im Gegenteil: Die Emotionen können noch gesteigert werden. Es entstehen neue Diskussionsfelder. Und die Attraktivität des Spiels kann sich ebenfalls verbessern. Doch ich betone: Der Video-Schiri sollte ausschließlich bei glasklaren Fehlentscheidungen eingesetzt werden, bei grauen Fällen nicht. Ich bin gespannt, wie das Konzept aussehen wird.


Sie sind während ihrer Karriere viel herumgekommen, haben die verschiedensten Spiele gepfiffen. Welche sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da gibt es insgesamt drei. Nummer eins war mein erstes Spiel als Schiedsrichter mit gerade einmal zwölf Jahren. Nummer zwei mein erstes Bundesligaspiel mit 26 Jahren. Damals habe ich gemerkt, dass sich mein Lebenstraum erfüllt hat. Und Nummer drei das Champions-League-Finale von 2003 zwischen Milan und Juventus im Old Trafford. Nicht aber, weil es sich um das größte Highlight im Klubfußball gehandelt hat…


Sondern?

Als ich als Jugendlicher meinem Vater von meinen Schiedsrichter-Plänen erzählt habe, war er enttäuscht. Wir redeten ein Jahr nicht viel miteinander. 1977 schauten wir zusammen das Finale der Landesmeister, da sagte ich: „Wenn ich dieses Spiel einmal pfeife, lade ich dich ein.“ Als es 2003 soweit war, besorgte ich zwei Karten und Flugtickets und überraschte ihn damit. Das war und ist ein sehr emotionaler Moment (das unterstreicht die Tatsache, dass Merks Augen feucht werden, Anm. d. Red.).



Zur Person: MARKUS MERK

Markus Merk, 1962 in Kaiserslautern geboren, hat in seiner 20-jährigen Schiedsrichterkarriere über 450 Spiele zwischen Bundesliga, Europapokal und Nationalmannschaft gepfiffen. Drei Mal wurde er zum Weltschiedsrichter des Jahres gewählt. Nach Schließung seiner Zahnarztpraxis im Jahr 2004 widmet er sich Vorträgen mit Schwerpunkt „Sicher entscheiden“ und der Beratung von Unternehmen. Merk engagiert sich zudem noch bei diversen Hilfsprojekten in Indien.


Thomas Debelyak, SportNews

Autor: sportnews

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