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Bilder wie diese gehören in der Fußball-Bundesliga wieder zum Alltag. © APA/afp / INA FASSBENDER

Sigi`s Spitzen: Ein Konzept mit Füßen getreten

Sigi Heinrich gilt in Deutschland als einer der bekanntesten TV-Kommentatoren. Seit mehreren Jahrzehnten ist er die Stimme von Eurosport, wobei er besonders gerne über Biathlon berichtet. Heinrich verbringt viele Wochen im Jahr in Südtirol, aktuell schildert er in seiner eigenen SportNews-Rubrik, wie er die Corona-Situation erlebt. Es ist vielleicht nicht immer alles so ganz ernst gemeint, dafür dürfte es aber durchaus zum Nachdenken anregen.

Von Sigi Heinrich


Papier ist geduldig. So lautet eine alte Redensweisheit. Will heißen: Wir schreiben etwas nieder und scheren uns danach einen Teufel um die Formulierungen und möglichen Vorgaben, die darin enthalten sind. Siehe Sicherheitskonzept im Fußball. Abstand halten. Körperlos jubeln, keinen Handschlag. Und vieles mehr. Alles im Grunde vernünftige Maßnahmen, um Covid-19 aus den Stadien zu verbannen, weil längst klar ist, dass zu viel Nähe ein perfekter Nährboden für das noch immer in der Welt wütende Virus ist. Und dann ist Anpfiff. Und das schöne Konzept, das ja auch geschrieben wurde, um überhaupt erst die Spielerlaubnis zu erhalten, liegt am Boden. Zerknüllt und zerrissen. Wertlos. Die Akteure verhalten sich genau gegenteilig. Sie umarmen sich nach Toren innig. Sie herzen sich und drücken ihre verschwitzen Körper aneinander. Mitunter liegen sie gar wie ein menschlicher Knäuel auf dem Rasen. Und sie schubsen sich auch, bohren die Finger in die Nasen der Gegenspieler oder grätschen gesundheitsgefährdend in die Beine ihrer Gegenspieler. Die Unparteiischen schauen zumeist hilflos zu, wie das schöne Sicherheitskonzept ausgehöhlt wird.

Sigi Heinrich ist in Deutschland eine TV-Ikone

Das dürfte alles nicht so sein, aber es war wohl von Anfang an blauäugig zu glauben, dass die zum Spiel gehörenden Emotionen mit einem Federstrich auszublenden wären. Ohne Kampf und Einsatz funktioniert kein Spiel der Welt. Es wird kein Trainer in der Kabine vor seine Mannschaft treten und um Zurückhaltung bitten. Ein solcher könnte seinen Hut nehmen, bevor er auf dem Kopf ist. Und die Freude über einen erfolgreichen Torschuss lässt sich schlicht auch nicht unter dem Trikot verstecken. Schließlich geht es gerade jetzt in vielen Spielen um Sein oder Nichtsein. Meisterschaft, Abstieg, Europapokal-Teilnahme. Ja schlicht für manche Klubs auch um das wirtschaftliche Überleben, was wiederum auch die Spieler selbst treffen kann.
Täuschungsmanöver
Als der FC Bayern die achte Meisterschaft in Folge klar machte, wurden über die sozialen Medien Bilder aus der Kabine veröffentlicht. Jubel mit Abstand. Schön zu sehen und fast versöhnlich. Aber so naiv sind wir nun auch wieder nicht, dass wir alles glauben, was wir sehen. Denn garantiert wurde inniger gefeiert als die Kameras nicht mehr im Einsatz waren. Die Kabine war immer auch der letzte Rückzugsort vor oder nach einem Match. Und das ist gut so. Wir schauen ja auch nicht in jedes Schlafzimmer, wo Abstand halten die Liebe töten kann. Immerhin haben es die Münchner verstanden, den Schein zu wahren, um das Sicherheitskonzept damit zu unterstützen. Auch wenn das – augenzwinkernd – ein Täuschungsmanöver war.
Bilder des Wahnsinns
Derweil rasten die Fans aus. Bilder, wie wir sie nach dem Pokalsieg des SSC Napoli gegen Juventus gesehen haben, treiben jeden einigermaßen vernunftgesteuerten Bürger in den Wahnsinn. 30.000 Fans feierten und jubelten, als würde demnächst die Welt untergehen. Ein letztes Mal noch leben. Haben sie denn wirklich nichts verstanden? Man darf das, egal wo es passiert, auch unter dem Deckmantel der Emotion, die vielleicht gerade in dieser schweren Zeit auch eine Lebenshilfe sein kann, nicht goutieren. Es ist schlicht gefährlich. Allerdings fehlt auch die Vorbildfunktion auf dem Spielfeld und damit wird deutlich, dass mit dem Sicherheitskonzept auch ein hohes Maß an Verantwortung verbunden wäre. Doch auch hier bleiben nur ein paar Fetzen übrig, die am Boden liegend zertreten werden.

Autor: sigi heinrich

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