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Lisa Vittozzi ist endlich im Olymp angekommen. © ANSA / PIERRE TEYSSOT

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Lisa Vittozzi ist endlich im Olymp angekommen. © ANSA / PIERRE TEYSSOT

Das Vittozzi-Märchen: Vom Tal der Tränen zu Gold

Lisa Vittozzi hat sich bei den Olympischen Spielen in der Verfolgung von Antholz einen Lebenstraum erfüllt. Die Karriere der frischgebackenen Olympiasiegerin verlief aber keineswegs immer nur nach oben.

Ein letztes Mal an den unzähligen Fans an der Huber Alm vorbei, dann den finalen Anstieg hoch zu den olympischen Ringen und rauf auf die Zielgerade: Die Schlussrunde von Lisa Vittozzi in der Verfolgung der Damen musste aus einem Märchenbuch stammen. „Ich kann gar nicht beschreiben, was ich auf den beiden letzten Kilometern gefühlt habe. Es war wie im Traum“, wurde die 31-Jährige anschließend in einer Pressemitteilung des italienischen Wintersportverbandes (FISI) zitiert.


Es war die Krönung einer Karriere, die keineswegs nur nach oben führte. Als SportNews die Italienerin etwa vor acht Monaten in ihrem Trainingslager in Ruhpolding besuchte, war sie von Gold in Antholz noch weit entfernt. Die Freudentränen der ersten Biathlon-Olympiasiegerin aus Italien galten ihrem vergangenen Ich, das sich durch ein dunkles Kapitel kämpfte – und auch der kleinen Lisa, die vor Jahren ihre ersten Schritte im Biathlon machte.

Vittozzi war auch mal Fußballerin

Wie es bei Profisportlern häufig der Fall ist, war auch Vittozzi in ihrer Jugend in den unterschiedlichsten Sportarten begabt. Angefangen hatte die Azzurra aus Sappada einst mit Schwimmen und Klettern, Fußball ließ ihr Herz aber besonders hoch schlagen. Trotzdem fand sie ihren Weg in den Langlauf.
„Lisa war großartig im Fußball, sie gab immer alles. Ich glaube, sie hoffte insgeheim, im Fußball ganz groß rauszukommen.“ Nicola Selenati, erster Langlauftrainer von Lisa Vittozzi

„Da kam dieses lebhafte Mädchen zu uns“, erinnerte sich Nicola Selenati im Interview mit ilNordEst an seine erste Begegnung mit der damals zwölfjährigen Lisa, deren erster Langlauftrainer er werden sollte. „Sie wusste schon genau, was sie wollte. Lisa war großartig im Fußball, sie gab immer alles. Ich glaube, sie hoffte insgeheim, im Fußball ganz groß rauszukommen.“

Lisa Vittozzi hat in der Loipe ihr Glück gefunden. © ANSA / PIERRE TEYSSOT

Lisa Vittozzi hat in der Loipe ihr Glück gefunden. © ANSA / PIERRE TEYSSOT


Mit dem Langlauf habe sie „aus Spaß angefangen“, führte Selenati weiter aus. Doch schon damals litt Vittozzi an etwas, das sie noch Jahre später beschäftigen sollte. Im Alter von 14 bis 16 Jahren hielten Rückenschmerzen die talentierte Wintersportlerin auf. „99 Prozent der Jugendlichen, die in diesem Alter aufhören müssen, geben auf“, unterstrich Selenati. „Aber als sie zurückkam, wurde mir klar, dass sie im Skisport Großes erreichen würde : Lisa hat einen außergewöhnlichen Willen.“

Vittozzi früh auf den Spuren von Wierer

Vittozzi biss sich also zurück und war ihren gleichaltrigen Kolleginnen körperlich überlegen. Paradoxerweise war sie in der klassischen Technik, also jener aus dem Langlauf, besser unterwegs als im Freistil, der im Biathlon geläufiger ist. Doch das Kribbeln am Schießstand hat es ihr angetan und so entschied sie sich für eine Laufbahn als Skijägerin. Am Abzug war sie schon damals ein Naturtalent. „Als ich ihr die Schusstechnik erklärte, verstand sie sofort alles und setzte es um“, meinte Enrico Tach, ihr erster Schießtrainer.

Es folgte ein rasanter Aufstieg. Dank starker Platzierungen im unterklassigen Austria Cup schaffte Vittozzi den Sprung zu den Olympischen Jugendwinterspielen 2012 in Innsbruck, bei denen sie mit zwei fünften Plätzen in Mixed-Staffel und Verfolgung auftrumpfte. Ein Jahr später feierte sie bei den Juniorenweltmeisterschaften in Obertilliach die Silbermedaille im Sprint, ehe sie nach einem weiteren Jahr in die Fußstapfen von Dorothea Wierer folgte: Sechs Jahre nachdem die Südtirolerin als erste Azzurra einen Titel bei der Junioren-WM eintütete, legte Vittozzi in Presque Ilse mit Gold in Sprint und Verfolgung nach.

Fast direkt in den Weltcup

Als Doppel-Juniorenweltmeisterin verbrachte sie nur wenige Rennen im IBU Cup, am 6. Dezember 2014 feierte sie im Weltcup ihr Debüt. Dort arbeitete sie sich emsig nach oben – und schrammte in der Saison 2018/19 an der ersten Krönung vorbei. Im Gesamtweltcup unterlag sie Teamkollegin Wierer in einem emotionalen Showdown samt Premierensieg im Jänner 2019 um 22 Punkte. Über die kleine Kristallkugel im Einzel durfte sie sich dennoch freuen.

Lisa Vittozzi: Die neue Königin der Verfolgung. © ANSA / MARTIN METELKO

Lisa Vittozzi: Die neue Königin der Verfolgung. © ANSA / MARTIN METELKO


Doch schon damals war klar: In Vittozzi tobte auch ein mentaler Kampf. „Ich habe den Faden verloren, mich völlig verirrt“, blickte sie damals im Interview mit dem Corriere della Sera auf die Saison zurück. „Mein Körper war immer da und hat gekämpft. Aber da ich mental nicht in Bestform war, hatte ich beim Schießen keine Ruhe.“ Doch ihr unbändiger Wille schickte Vittozzi dazu an, in den darauffolgenden Jahren die beste Biathletin der Welt zu werden.

Vittozzi: Vom Tal der Tränen zu Gold

Nach drei durchwachsenen Wintern meldete sie sich zur Saison 2022/23 mit ihrem ersten Weltcupsieg seit vier Jahren zurück und tütete erneut die Kristallkugel im Einzel ein, im Gesamtweltcup reichte es zu Platz drei. In der darauffolgenden Saison schließlich der Höhepunkt: Kristall in Einzel und Verfolgung und der Triumph im Gesamtweltcup, den sie mit vier Saisonsiegen garnierte. Die Zukunft gehörte ihr – so schien es zumindest.

Lisa Vittozzi mit ihrer Goldmedaille. © APA/afp / ODD ANDERSEN

Lisa Vittozzi mit ihrer Goldmedaille. © APA/afp / ODD ANDERSEN


Hartnäckige Rückenschmerzen warfen Vittozzi – wie einst in ihrer Jugend – nämlich aus der Bahn. Als amtierende Gesamtweltcupsiegerin verpasste sie die komplette Saison 2024/25. „Es war wirklich schwer“, gab sie in dieser schwierigen Zeit gegenüber SportNews einen Einblick. „Mit Willenskraft und Entschlossenheit habe ich all das überwunden. Ich habe jeden Tag für sich genommen, das hat mir sehr geholfen.“

Und so kehrte sie im vergangenen Sommer beim Loop One Festival in München auf die Bühne zurück, Mitte Dezember stand sie in der Weltcup-Verfolgung von Hochfilzen erstmals wieder auf der obersten Stufe des Podests. Das eigentliche Märchen sollte aber noch folgen. „Aber wenn ich meine Wünsche verrate, gehen sie nicht in Erfüllung“, lachte Vittozzi noch vor acht Monaten in Ruhpolding. „Aber gut – ich wünsche mir, gesund zu bleiben, Spaß zu haben und ein glückliches Jahr zu erleben.“ Ja, von Gold in Antholz – da wagte selbst die nun beste Verfolgerin der Welt nicht zu träumen.

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