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Mikaela Shiffrin gilt bei den Olympischen Spielen als haushohe Favoritin auf Gold im Slalom. © APA/afp / MICHAL CIZEK

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Mikaela Shiffrin gilt bei den Olympischen Spielen als haushohe Favoritin auf Gold im Slalom. © APA/afp / MICHAL CIZEK

Das Shiffrin-Rätsel: Die Gnade des frühen Golds

Am Mittwoch steht mit dem Slalom der Damen in Cortina d'Ampezzo der letzte Wettkampf im Ski Alpin bei den Olympischen Spielen an. Mikaela Shiffrin will dann das wohl kniffligste Rätsel ihrer Karriere lösen.

Mikaela Shiffrin wusste genau, wie sich der geschlagene Held fühlte. „Die Olympischen Spiele verlangen von uns, auf der Weltbühne ein echtes Risiko einzugehen“, kommentierte die Ski-Queen in den Sozialen Medien unter einem Post zum US-amerikanischen Eiskunstlauf-Star Ilia Malinin, der in der Einzel-Kür dramatisch gescheitert war und sicher geglaubtes Gold spektakulär aus der Hand gab. „Ein Risiko, das Mut und Verletzlichkeit erfordert – gegenüber falschen Urteilen und Erzählungen, die auf einem begrenzten Verständnis dessen beruhen, was dieser Sport wirklich verlangt.“


Vor vier Jahren steckte Shiffrin in einer vergleichbaren Situation: In gleich sechs Disziplinen trat die achtmalige Weltmeisterin bei den Winterspielen in Peking an, ein vierter Platz im Teamwettkampf war der ergebnistechnische Höhepunkt. In Slalom, Riesenslalom und Alpiner Kombination – also Disziplinen, in denen Gold mehr als nur möglich war – schied sie sogar aus. Und gerade deshalb hatte folgender Satz in Richtung Malinin besonders Gewicht: „All das ist Teil der Geschichte, die uns zur besten Version unserer selbst werden lässt.“

Shiffrin: Das Gold, das sie schon hat

Wenn Shiffrin am Mittwoch im Slalom an den Start geht, muss sie Gold gewinnen – so lautet zumindest der Tenor. Viermal krönte sie sich in ihrer Paradedisziplin zur Weltmeisterin, neun kleine Kristallkugeln gewann sie allein im so heiß geliebten Stangenwald. Die letzte davon erst kürzlich mit einer Dominanz sondergleichen. Unfassbare 71 Weltcupsiege hat Shiffrin im Slalom gesammelt: Das sind mehr in einer einzigen Disziplin als Marcel Hirscher in seiner gesamten Karriere in allen Wettbewerben erzielte. Zahlenspiele, die bis ins Unendliche fortgeführt werden könnten – und trotzdem wird eine Geschichte des Scheiterns erzählt.

Vor zwölf Jahren krönte sich Mikaela Shiffrin zur Slalom-Olympiasiegerin. © APA/epa / ROLAND SCHLAGER

Vor zwölf Jahren krönte sich Mikaela Shiffrin zur Slalom-Olympiasiegerin. © APA/epa / ROLAND SCHLAGER


Dabei geht es um eine Medaille, die sie schon vor einer gefühlten Ewigkeit gewonnen hat. Vor fast exakt zwölf Jahren krönte sich Shiffrin in Sochi vor den beiden Österreicherinnen Marlies Shild und Kathrin Zettel im Slalom zur Olympiasiegerin. Aus dem Nichts kam dieser Erfolg damals nicht: Sieben Weltcupsiege hatte sie damals bereits auf dem Buckel, eine kleine Kristallkugel schon in ihrem noch bescheidenen Trophäenschrank stehen. Doch im Alter von 18 Jahren hatte der angehende Superstar etwas, das ihm über die Jahre hinweg abhanden gekommen ist – seine Leichtigkeit.

Shiffrin und die verlorene Naivität

„Was die Größe von Olympia angeht, war ich damals schon etwas naiv“, erinnerte sich Shiffrin in ihrem Podcast What's the Point. „Ich dachte mir: Skifahren ist einfach. Es gibt einen Start, ein Ziel und ein paar rote und blaue Tore dazwischen. Egal ob Weltcup, Weltmeisterschaft oder Winterspiele – für mich war das dasselbe.“ War das vielleicht der goldene Unterschied?

Mikaela Shiffrin will in Cortina d'Ampezzo Gold holen. © APA/afp / MARCO BERTORELLO

Mikaela Shiffrin will in Cortina d'Ampezzo Gold holen. © APA/afp / MARCO BERTORELLO


Zwar denke sie auch weiterhin so über die Welt des Ski Alpin, „aber die Farben rundherum haben sich verändert“, so Shiffrin. Zwischen Start und Ziel gehe es nur um das Sportliche. „Aber alles davor und danach kann die Grundstimmung komplett verändern. In Sochi war ich Favoritin, aber die Leute hatten sich noch nicht ihre Meinung zu mir gebildet. Das kam erst in der darauffolgenden Saison“, sprach sie von den plötzlich angestiegenen Erwartungen. „Das spürte ich vor allem mit Blick auf meine Nervosität.“
„Ich bin mit Olympia noch nicht fertig.“ Mikaela Shiffrin

Vier Jahre später wiederholte sie das Gold-Kunststück im Riesenslalom, im Slalom reichte es „nur“ zu Platz vier. In Peking folgte schließlich der komplette Zusammenbruch. Seitdem hat sie ihren Legendenstatus in der Ski-Geschichte etabliert, als Rekord-Weltcupsiegerin muss sie der Welt nichts mehr beweisen. Oder etwa doch? „Ich bin mit Olympia noch nicht fertig“, ließ sie vor dem großen Showdown am Mittwoch (10.00/13.30 Uhr) verlauten. Vielleicht hat Shiffrin ja doch jenen Funken wiederentdeckt, der ihr vor zwölf Jahren schon einmal zur Erfüllung ihrer Träume verholfen hat.

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