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Auch der degradierte Enrico Miglioranzi wird sich fragen: Quo vadis, HC Bozen? © HCB

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Auch der degradierte Enrico Miglioranzi wird sich fragen: Quo vadis, HC Bozen? © HCB

Kommentar | Bozen muss sich ändern – und zwar jetzt

Der HC Bozen ist im ICE-Playoff vorzeitig gescheitert. Soweit keine Schande, wären da nicht diese dunklen Wolken, die sich über der Landeshauptstadt zusammenziehen. Der einst so glorreiche Großklub setzt seine Zukunft aufs Spiel. Ein Kommentar.

Alexander Foppa

Von:
Alexander Foppa

Egal ob Meistertitel, Pokalsiege oder internationale Trophäen – kein Eishockeyverein in Italien hat auch nur ansatzweise so viel gewonnen wie der HC Bozen. Doch der Vitrinenschatz in der Galvanistraße ist längst eingestaubt. Der alte Glanz bröckelt ab wie Putz an der Fassade vergangener Triumphe.


Der Grund: Bozens Gewinnformel geht nicht mehr auf. Sie sah keine Nachhaltigkeit vor, dafür aber einen kompromisslosen, kurzfristig ausgelegten Weg zu Titeln, Triumphen und glorreichen Eishockeyabenden. Diese gab es in den drei Jahrzehnten, in denen Dieter Knoll mittlerweile in der Kommandozentrale sitzt, am laufenden Band. Doch die Aussaat des schnellen Erfolgs – sie fruchtet nicht mehr. Und das schon seit geraumer Zeit.

Mannschaftsgerüst ist scheppernd zerbrochen

Bozen hatte immer Lichtgestalten und Kufenkünstler in seinen Reihen, dahinter allerdings auch stets ein tragfähiges Gerüst – zumeist aus einheimischen Spielern –, das auch stürmischen Zeiten standhielt. Dieses Mannschaftsgerüst ist aber scheppernd zerbrochen. Zum einen, weil bewährte Säulen (Miglioranzi, Vallini, Frigo, Marchetti) oder die, die es mal werden könnten (Larcher, Brunner), von Trainer Doug Shedden ignoriert und degradiert wurden. Zum anderen aber auch, weil dem tragenden Gerüst schon in den Jahren zuvor nie neue Einzelteile hinzugefügt wurden – und dabei hatte man durchaus schon passende Verbindungsstücke in der Hand.

Junge Spieler wie der 21-jährige Enrico Larcher müssen gefördert werden. © HCB

Junge Spieler wie der 21-jährige Enrico Larcher müssen gefördert werden. © HCB


Es sind unzählige Spieler aus allen Landesteilen, alle Anfang 20, die sich in der Vergangenheit in Bozen die Klinke in die Hand gaben. Einige von ihnen konnten oder wollten sich nicht durchbeißen. Die meisten hatten aber durchaus das Potenzial, sich in der ICE Hockey League zu behaupten, bekamen jedoch nie eine dauerhafte Chance. Die Trainer waren nur am kurzfristigen Erfolg orientiert – weil von oben kein langfristiges Projekt vorgegeben wurde. Junge Spieler wurden so vergrault und verschlissen. Vertrauen? Fehlanzeige. Entwicklung? Kaum möglich.

Das Ergebnis: ein Kader, der mit durchschnittlich 29,41 Jahren der älteste der Liga ist, aufgebläht mit 18 im Ausland geborenen Spielern. Kein anderer Klub setzte so viele Übersee-Importe ein. Ihnen standen nur sieben Cracks aus Italien gegenüber, die meisten ob der wenigen Eiszeit verunsichert und frustriert. Von Ausgewogenheit keine Spur.

Nur kein „weiter so“!

Das Argument der Vereinsführung, es gebe hierzulande nicht ausreichend brauchbares Spielermaterial, stimmt nur in Ansätzen. Der HC Pustertal hat dieselben strukturellen Probleme, gibt jungen Einheimischen zwischen den ganzen Importspielern aber dennoch zentrale Rollen im Lineup – und erntet den Ertrag daraus.

In Bozen muss der Kern der Mannschaft mittlerweile nicht nur aufgefrischt, sondern auch dringend erweitert werden. Der HCB hat diesen Sommer nur zwei Optionen: Man nimmt Geld in die Hand, um im Ausland aktive Spieler aus Italien zurückzulocken. Oder man setzt auf junge Akteure, die vielleicht nicht heute, aber morgen bereit sind für diese Liga. Denn es gibt sie durchaus im Bozner Umland, die Noah Fricks, Alex Curtis, Thomas Galimbertis, Nicolò Remolatos, Nathan Garaus. Sie würden allesamt viel Vertrauen und Zeit benötigen. Beides gab es bislang für junge Spieler nicht, weil alles dem Erfolgsdruck untergeordnet wurde.

Klub-Boss Dieter Knoll muss neue Wege gehen – ansonsten verliert auch er irgendwann die Freude an seinem HCB: © HCB

Klub-Boss Dieter Knoll muss neue Wege gehen – ansonsten verliert auch er irgendwann die Freude an seinem HCB: © HCB


In Bozen zählt nur eines: Siege. Das wird auch so bleiben. Diese Stadt verlangt Playoff-Eishockey, ihr Verein braucht auch gute Ausländer. Allerdings ist der HCB-Fan in der mittlerweile längsten titellosen Zeit der Klubhistorie durchaus leidensfähig und wohl auch geduldiger geworden. So hat sich selbst in der treuesten Anhängerschaft eine einheitliche Meinung gebildet: Nur kein „weiter so“!

Die Zeit drängt

Denn es dürfte jeder bemerkt haben: Es ziehen sich dunkle Wolken über dem Bozner Talkessel zusammen. Zum einen feilt der HC Pustertal mit großen Investitionen an der Attraktivität seines Eishockeystandorts. Zum anderen drängt mit Mailand ein weiterer, womöglich finanzstarker Rivale in die Liga. Und dann ist da noch eine neue Gesetzgebung, die demnächst zur Einschränkung von Doppelstaatsbürgerschaften und zugleich zur Reduzierung verfügbarer Italos führen wird. All diese Faktoren zeichnen am heimischen Spielermarkt ein klares Szenario ab: Der Teich, aus dem gefischt wird, wird kleiner – der Preis für die dicken Fische umso höher.

Höchste Zeit also für einen Kurswechsel beim HC Bozen. Weg von kurzfristigem Glanz, hin zu nachhaltigem Aufbau. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?

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