h ICEHL

Stefan Mair (l.) und Glen Hanlon (r.) erklären ihre Eishockey-Philosophien.

Stefan Mair: „Unsere Spieler eilen nicht von der Arbeit in die Kabine“

Stefan Mair und Glen Hanlon stehen für eine ganz eigene Art, Eishockey spielen zu lassen. Das wollen sie in Bruneck und Bozen fortan zeigen. Zuvor aber haben wir beide zum großen Trainer-Talk gebeten.

Von:
Alexander Foppa

Im ersten Teil des SportNews-Gesprächs haben Mair (55) und Hanlon (65) über das Zustandekommen ihrer Wechsel und den jeweiligen neuen Arbeitgeber gesprochen, hier gewähren sie nun einen Einblick in ihre Trainingsarbeit und in ihre Spielausrichtung. Außerdem berichten sie von ihren Erfahrungen in großen Eishockey-Nationen.



Mittlerweile sind in der Saisonvorbereitung zahlreiche Trainingseinheiten absolviert. Welche große Baustelle konnten Sie bislang ausmachen?

Mair: „Einen gemeinsamen Nenner zu finden, einen roten Faden durch das Team zu ziehen, das sehe ich als meine größte Baustelle. Ich erkläre es so: Ob in Deutschland oder der Schweiz, ich habe immer mit relativ kleinen Teams versucht, das Höchstmögliche zu erreichen. Dabei habe ich gelernt, dass man nur mithalten kann, wenn man auf dem Eis organisiert und strukturiert auftritt. In einer so ausgeglichenen und mit vielen Ausländern bestückten Liga wie der ICE musst du dich als Team finden, kompakt und diszipliniert auftreten, ansonsten hast du keine Chance. Die Teamstruktur ist das A und O.“

Hanlon: „Ich muss den Spielern nicht den Eishockeysport erklären. Sie wissen auch, was es heißt für den HC Bozen aufzulaufen. In erster Linie gilt es, die letzte, enttäuschende Saison aus den Köpfen zu bekommen. Da helfen natürlich die vielen Neuzugänge, sie bringen frischen Wind rein.“


Wie würden Sie sich selbst als Trainer beschreiben?

Hanlon: „Ich bin nicht ein Trainer, der beim Training aufs Eis geht und den Spielern von der ersten bis zur letzten Minute Anweisungen gibt. Ich habe meine eigene Art zu coachen, mit der ich versuche, das Vertrauen der Spieler zu gewinnen, sie hinter mich zu bringen und zugleich das Bewusstsein für ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken. Wir betreiben einen Mannschaftssport, aber im Grunde will jeder einzelne Spieler gewinnen, Titel holen und sich einen gut dotierten Vertrag erarbeiten. Meine Aufgabe ist es, ihnen zur Seite zu stehen und zugleich aus all den einzelnen Charakteren, eine funktionierende Truppe zu formen.“

Mair: „Ich würde mich als anspruchsvollen, passionierten und vorbereiteten Trainer beschreiben. Ich liebe diesen Job und bin sicherlich mit viel Leidenschaft dabei. Allerdings bin ich es den Spielern und dem Verein schuldig, dass ich bei jedem Training, bei jedem Spiel top vorbereitet bin. Das ist auch den Anspruch, den ich an mich stelle. Ich kann auf dem Eis nicht alles beeinflussen, sehr wohl aber kann bzw. muss ich mein Team bestmöglich auf ein Spiel einstellen.“


Sie gelten beide als Trainer, die großen Wert auf die Defensive legen. Für welche Art von Eishockey stehen Sie?

Mair: „Das kann man nicht kategorisieren. Die Jahre in der Schweiz haben mich enorm geprägt, dort habe ich viel mehr gelernt als zuvor in der DEL. So bedeutende Komponenten wie Tempo und Technik habe ich richtig verinnerlicht und möchte diese auch meinem Team hier in Bruneck einimpfen. Bei der Kaderzusammenstellung haben wir genau drauf geachtet, Cracks zu wählen, mit denen ein strukturiertes, sehr kompaktes Spiel mit schnellem Umschalten auf Offensive möglich ist.“

Hanlon: „Auch ich lasse mir ungern eine einzige Spielweise anheften. Ich gewinne gerne Spiele mit 2:1, gleichzeitig freue ich mich wie ein Kind darüber, wenn wir einen 0:3-Rückstand mit einem Offensivfeuerwerk in einen Sieg umwandeln. Ich sage den Spielern immer: Es gibt bei mir kein defensives und kein offensives Spiel, wir müssen als geschlossene Mannschaft den idealen Mittelweg finden. Aber ich muss Ihnen nicht erklären, dass ausschließlich Teams Meisterschaften gewinnen, die hinten gut stehen – egal ob bei Jugendturnieren, Weltmeisterschaften oder in der NHL.“

„Die erste Entlassung war bislang der bitterste Moment meiner Karriere.“ Stefan Mair

Was war der bislang größte Moment Ihrer Trainerkarriere?

Mair: „Das war der Aufstieg mit der italienischen Nationalmannschaft in die Weltgruppe und die folgende A-WM im Jahr 2017. Noch dazu die letzte Saison mit dem HC Thurgau in der Swiss League. Wir sind völlig sensationell ins Halbfinale marschiert, haben uns förmlich in einen Rausch gespielt, da waren zum Abschluss nochmal richtig viele Emotionen dabei.“

Hanlon: „Die Jahre in der NHL, sowohl als Spieler als auch als Coach, bleiben mir für ewig in Erinnerung. Ich durfte Legenden wie Alex Ovechkin in Washington oder etwa einen Roman Josi im Schweizer Nationalteam trainieren. Aber es gibt nicht das eine Highlight, jede Station, auch hier in Europa, hatte ihre Besonderheiten.“


Was war der schwerste Augenblick Ihrer Laufbahn?

Mair: „Das war ganz klar meine erste Entlassung 2014 in Schwenningen. So ein Rauswurf ist ein heftiges Gefühl. Nehmen wir einen Hydrauliker oder einen Bäcker als Beispiel. Wenn denen gesagt wird 'du bist gefeuert', dann trifft auch sie das hart. Als Trainer kommt hinzu, dass man in der Öffentlichkeit steht und von unzähligen Personen auf die Entlassung angesprochen wird, dieses persönliche Scheitern zu erklären versucht. Das hat sehr an mir genagt und mich lange beschäftigt.“

Hanlon: „Es gab bei mir einige traurige Momente. Die letzte Enttäuschung habe ich mit Znojmo erlebt. Wir haben eine sensationelle Saison gespielt und uns bis ins Viertelfinale gekämpft, umso trauriger stimmte mich dann die Nachricht, dass sich der Klub aus der ICE zurückzieht. Dabei geht es mir nicht um mich selbst, sondern in erster Linie um die vielen tschechischen Spieler, die ein Top-Level erreicht haben und es sich verdient gehabt hätten, weiter in dieser internationalen Liga zu spielen.“


Sie haben vorhin Ihre Zeit in der NHL angesprochen. Ist das nordamerikanische Eishockey auch nur ansatzweise mit dem in Europa zu vergleichen?

Hanlon: „Eishockey ist in Nordamerika ein ganz großes Business, in Teilen Kanada ja förmlich eine Religion. Das ist kaum vergleichbar. Allerdings haben Ligen in Europa, was das professionelle Level, die Qualität und die Gehälter anbelangt, durchaus aufgeholt. Einige Dinge laufen aber noch ganz anders ab: Hier wird zusammen eine wochenlange Vorbereitung absolviert, drüben ist jeder Spieler in erster Linie für sich selbst verantwortlich, muss seinen Trainingsplan individuell einhalten. Hier wird an den Wochenenden gespielt, dazwischen kann man die Zeit zum Trainieren und Vorbereiten nutzen. In Nordamerika arbeiten Coaches viel weniger mit ihren Spielern, dort steht alle paar Tage eine Partie an. Es gibt viel mehr Spiele in einem kürzeren Zeitraum. Man lebt förmlich in Bussen, Flugzeugen und Hotels.“
„Pustertal hat mit Stefan Mair eine gute Wahl getroffen.“ Glen Henlon

Stefan Mair, Sie haben dagegen zuletzt sechs Jahre in der Schweiz gearbeitet. Wo liegt der große Unterschied zu unserem Eishockey?

Mair: „In der Schweiz wird ganz vieles dem Eishockeysport untergeordnet. Allerdings habe ich in Thurgau mit jungen Spielern gearbeitet, die nebenbei ein Studium absolviert oder in Sponsorenbetrieben Teilzeitstellen bekleidet haben. Von dem her gibt es nicht so große Unterschiede, zumal die einheimischen Spieler hier beim HCP wirklich eine mega Einstellung haben. Es ist nicht so, dass hier bei uns Spieler erst fünf Minuten vor dem Training von der Arbeit in die Kabine eilen. Mittlerweile läuft es sehr professionell ab. Mit unserem Betreuerstab haben die Spieler etwa über den ganzen Sommer hinweg ein gezieltes, strukturiertes Aufbautraining gemacht.


Glen Hanlon, inwieweit glauben Sie, wird der HC Pustertal kommende Saison Mairs Handschrift tragen?

Hanlon: „Soweit möchte ich in meiner Beurteilung nicht gehen. Ich habe mit seinem Vorgänger, Raimo Helminen, zusammen bei den New York Rangers gespielt und habe Pustertal vergangene Saison deshalb besonders beobachtet. Ich denke, der Klub hat mit Stefan eine gute Wahl getroffen. Er hat in Deutschland und der Schweiz ordentliche Referenzen eingefahren.“


Fragen wir Sie Stefan Mair: Welche Entwicklung könnte Bozen unter Hanlon nehmen?

Mair: „Ich freue mich auf unsere beiden Testspiele in September, erst dort kann ich mir ein genaueres Bild machen. Man merkt jedenfalls, dass er bei der Spielerwahl seine Wünsche vorgetragen hat. Bozen hat eine sehr physische Truppe, die mehr Wasserverdrängung vorweisen kann als in den vergangenen Jahren.“


Wo sehen Sie ihr Team am Ende der Saison?

Hanlon: „Können Sie mir diese Frage nochmal am 1. Oktober stellen? Bis dahin sind 4 Runden und zugleich 4 Heimspiele absolviert. Ja, wir haben 4 unserer 26 Heimspiele gleich zu Beginn der Saison. Das ist nicht ideal, zumal ich überzeugt bin, dass die Partien vor unseren eigenen Fans ausschlaggebend sind. Es wäre enorm wichtig, mit einer guten Erfolgsquote aus diesen ersten Saisonspielen zu gehen, dann kann diese neu zusammengewürfelte Truppe rasch richtig Fahrt aufnehmen.“

Mair: „Ich bin ein Freund kurzfristiger Ziele. Eine Woche vor Saisonstart werden wir uns zusammensetzen und mal eine Vorgabe bis November setzen, danach wird die nächste Phase in Angriff genommen. Natürlich sind am Ende die Playoffs das Ziel, aber eine wirkliche Prognose ist in dieser ausgeglichenen Liga kaum möglich.“

Empfehlungen

Kommentare (0)

Bestätigen Sie den Aktivierungslink in unserer E-Mail, um Ihr Konto zu verifizieren und Kommentare zu schreiben.
Aktivierungslink erneut senden
Vervollständigen Sie Ihre Daten: Die Eingabe von Adresse, Ort, PLZ & Telefon ist verpflichtend, um einen Kommentar absenden zu können.
Profil bearbeiten

Sie müssen sich anmelden, um die Kommentarfunktion zu nutzen.

© 2022 First Avenue GmbH